Chronik | Österreich
03.06.2017

Männliche Lehrer dringend gesucht

Den Volksschulen fehlen die Männer – noch immer. Dabei würden sich Eltern die bereits explizit wünschen.

"Lieb, Dieb und was kommt dann?", fragt Stefan Wiesner. Er hockt neben dem achtjährigen Lukas, der nicht weiter weiß mit den Reimwörtern mit "langem i". "Du kannst ruhig noch ein bisschen länger nachdenken", ermuntert ihn Wiesner.

Der 28-Jährige ist Lehrer in der Ganztagsvolksschule Steinlechnergasse in Wien-Hietzing. Dort unterrichten neben 24 Frauen auch fünf Männer – und das ist nach wie vor eine Seltenheit. Denn in Wien gibt es im aktuellen Schuljahr nur 501 männliche Volksschullehrer (und 6193 Frauen). Das ist ein Anteil von 7,5 Prozent. Bundesweit liegt der Anteil bei neun Prozent (Schuljahr 2014/15; zum Vergleich: Männeranteil in der Neuen Mittelschule 29,4 Prozent); im Schuljahr 2007/08 betrug er 6,7 Prozent. Der Männer-Anteil in der Volksschule steigt also, aber nur minimal.

Woran liegt das?

Spätberufen

"Wenn Mädchen mit 18 Jahren maturieren, wissen sie meist schon ewig, dass sie Volksschullehrerin werden wollen. Burschen kommen erst später drauf, weil es davor uncool ist", sagt Michael Kuttner von der Pädagogischen Hochschule Innsbruck (bei der Ausbildung zum Kindergartenpädagogen ist das ähnlich, siehe Kasten unten, Anm.)

Auch der hohe Stellenwert der Musik in der VS-Lehrerausbildung sei bisher hinderlich gewesen. "Das wurde aber mittlerweile etwas entschärft" sagt Kuttner.

Evelyn Molin-Zenker, Direktorin der Ganztagesvolksschule in der Steinlechnergasse, vermutet, dass es auch am Verdienst liegt. Das Einstiegsgehalt eines Volksschullehrers liegt bei 2575 Euro brutto ( und steigt bis 4601 Euro bei 33,5 Dienstjahren).

In der Ganztagsschule könnten Lehrer durch Nachmittagsbetreuung etwas dazu verdienen, das komme gut an. Denn für viele Männer käme kein Halbtagsjob in Frage (auch wenn mit Vorbereitung und Verbesserung mehr als nur die 22 Stunden Lehrverpflichtung gearbeitet werden). "Die klassische Rollenverteilung gibt es noch immer", sagt Molin-Zenker. Außerdem sei der Beruf des Volksschullehrers sehr stark klischeebehaftet: Es sei ein verweichlichter Job, bei dem man zu wenig verdiene und auch keine Karriere machen könne.

"Kein Job für Männer"

Das hat auch Stefan Wiesner zwei Jahre lang davon abgehalten, das zu machen, was er "eigentlich schon immer machen wollte": Nämlich das Lehramtsstudium zum Volksschullehrer. "Ich habe mich zunächst einfach nicht drüber getraut", sagt Wiesner. Auch er habe zu hören bekommen – wenn auch nicht von seinem direkten persönlichen Umfeld – dass Volksschullehrer "kein Job für Männer" sei.

Deshalb hat Wiesner sogar an der Wirtschaftsuniversität Wien inskribiert und zwei Jahre lang BWL studiert. "Aber ich habe schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist", erzählt er.

Und gerade männliche Volksschullehrer seien ja gefragt. Es würde den Kindern gut tun, dass nicht nur Frauen unterrichten: "Ich halte es für wichtig, dass Kinder auch männliche Bezugspersonen haben", sagt Direktorin Molin-Zenker. Ehen würden geschieden, Frauen erziehen ihre Kinder alleine und viele Kinder hätten ausschließlich Frauen als Bezugspersonen. "Wenn die Mama nicht da ist, passt die Oma auf und in der Schule sind sie dann auch nur von Frauen umgeben", sagt Molin-Zenker.

Als die bis dahin halbtags geführte Volksschule Steinlechnergasse 2013 in eine Ganztagsvolksschule umgewandelt wurde, ergriff die Direktorin ihre Chance: "Ich habe männlicher Lehrer gesucht, denn die klopfen nicht an und sagen: ‚Hier bin ich!‘ Und ich habe meinen Wunsch auch bei der Bezirksschulinspektorin und beim Stadtschulrat deponiert", sagt Molin-Zenker. Mittlerweile würden sich vor allem Mütter bei der Schuleinschreibung sogar schon extra männliche Lehrer wünschen.

Zeiten ändern sich doch

"Ich glaube, die Zeiten ändern sich", sagt Adi Solly, der auch in der Steinlechnergasse unterrichtet. Als der 48-Jährige 1996 im zweiten Bildungsweg Volksschul-Lehramt studierte, war er der einzige Mann in seiner Gruppe ("Das war schon exotisch"). Im aktuellen Studienjahr sind bereits 386 Männer. "Es wirken ja auch immer mehr Männer bei der Erziehung ihrer Kinder mit", sagt Solly.

Und auch Stefan Wiesner sagt: "Früher war das ein No-Go, aber mittlerweile wissen offensichtlich mehr Menschen, dass Volksschullehrer-Sein nicht heißt, kleinen Kindern den ganzen Tag die Hand zu halten."

Auch im Kindergarten fehlen die Männer

Nicht nur in den Volksschulen, auch in Kindergärten gibt es einen eklatanten Mangel an männlichen Pädagogen. Das liegt laut Bernhard Koch vom Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck vor allem am geringen Gehalt und dass Männer, die mit kleinen Kindern arbeiten, generell unter Missbrauchsverdacht gestellt werden. Zudem am weiblichen Image des Kindergartens und daran, das Männer einfach weniger (und oft auch erst später) Interesse an dem Job zeigen, als Frauen.

Letzteres bestätigen auch die Zahlen der MA10 – Wiener Kindergärten. 2016 gab es in Wien insgesamt 120 Kindergartenpädagogen und 3710 Kindergartenpädagoginnen. Aber: Der Männeranteil im Kindergarten ist seit 2012 kontinuierlich gestiegen – und zwar auf mehr als das Doppelte: Nämlich von 52 auf 64 (2013), 76 (2014), 97 (2015) und eben 120. Die Zahl der Kindergartenpädagoginnen ist auch gestiegen (von 3358 im Jahr 2012 auf 3710 im Jahr 2016) – allerdings in nicht so steil.

Die Stadt Wien versucht verstärkt, männliche Pädagogen in den Kindergarten zu holen und zwar über die Erwachsenenbildung.
In der bafep21, der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik der MA 10, gibt es mit „Change“ ein eigenes Kolleg, das sich speziell an Erwachsene im zweiten Bildungsweg richtet. Dort liegt der Anteil der Männer in Ausbildung bei 17 Prozent, während dieser im üblichen Ausbildungsweg ab 14 Jahren bei nur acht Prozent liegt. Grund dafür: Burschen im Alter von 14 Jahren würden Kindergartenpädagogik laut MA10 oft noch nicht „attraktiv finden“ oder altersbedingt „andere Schwerpunkte setzen“.