© Kurier/Gilbert Novy (7)

Chronik Österreich
10/20/2019

Madame Tussauds: Faszination zum Dahinschmelzen

Vor 217 Jahren stellte Marie Tussaud erste Wachsfiguren aus. Eine Attraktion, die bis heute begeistert.

von Anna-Maria Bauer, Gilbert Novy

Madame Tussaud hat einen Kratzer im Gesicht. Aber keine Sorge, er ist gleich wieder weg. Simone Windisch streicht zunächst mit einem Holzstäbchen über die Wange, glättet die Haut. Anschließend überpinselt sie die Stelle mit der passenden Ölfarbe. Fertig. Windisch legt die Utensilien zurück auf ihr Wägelchen, schiebt es weiter. Bei Richard Lugner bleibt sie stehen, um Fussel zu entfernen. Brad Pitt werden die Haare nach hinten gekämmt.

Es ist kurz nach acht Uhr morgens im Wiener Madame Tussauds, und Studio Artist Simone Windisch ist bei ihrem Kontrollrundgang.

Zwischen sieben und zehn Uhr, bevor die Besucher hineindürfen, begutachtet sie die Promis: Glänzt das Gesicht? Gibt es Verletzungen? Sind die Haare zu lange nicht gewaschen worden? Kleinigkeiten versorgt Simone Windisch vor Ort. Bei gröberen Problemen werden die Figuren in die Werkstatt geschoben. Zwischen Regalen voller Hände, Torsi, Echthaarperücken und Kostümen mit berühmten Namensschildern werden die Figuren dann verarztet.

Betreuungsintensiv

Besonders häufig sind Robbie Williams und Taylor Swift in der Werkstatt zu Gast. „Sitzende Figuren sind betreuungsintensiver“, sagt Windisch. Besucherinnen und Besucher kommen ihnen näher, kuscheln sich dazu, lehnen sich an.

Seit 2011 gibt es auch in Wien ein Wachsfigurenkabinett. Auf 2.000 Quadratmetern sind derzeit 90 Figuren anzutreffen, mit ständig wechselnden Kulissen und ausreichend Möglichkeiten für gemeinsame Fotos. Erst vergangene Woche wurde das Double von Bauherr Richard Lugner präsentiert. Es steht vor dem nachgebauten Bitzinger Würstelstand. Elle Macpherson neben ihm, sein jüngster Opernballgast, wurde aus Amsterdam geborgt.

24 Dependancen des Wachsfigurenkabinetts gibt es weltweit mittlerweile. Kommendes Jahr soll in Dubai Nummer 25 eröffnen. Konkrete Besucherzahlen möchte das Unternehmen aber nicht nennen. Nur so viel: Die Zahl der Gäste sei in Wien stabil, wenn nicht leicht wachsend. Die Besucher sind meist Familien. Fast niemand kommt alleine. Wer sollte von ihnen Fotos machen?

Der Grundstein für das Museum ist vor 217 Jahren gelegt worden. Marie Tussaud erlernte von einem Schweizer Arzt die Kunst der Wachsbildnerei und musste zwischenzeitlich in Frankreich Totenmasken von König Ludwig XVI. oder Marie Antoinette anfertigen (die auf Lanzen aufgespießt wurden). 1802 eröffnete sie in London ihre erste Ausstellung.

Stars zum Anfassen

In einer Zeit ohne Fernsehgeräte und ohne Internet ist ein Hype um wächserne Abbilder historischer Persönlichkeiten nachvollziehbar. Aber warum begeistern die Wachsfiguren eigentlich immer noch? „Weil man sie anfassen kann“, glaubt Simone Windisch. Man darf sie berühren, sich einhaken, sie anstarren. Das sei angenehm, in der schnellen, digitalen Welt von heute.

„Man kommt seinen Stars nah wie sonst nie“, heißt es vom Pressesprecher. Ja, sie seien nicht aus Fleisch und Blut. Aber sie sind so originalgetreu wie möglich. Nichts wird (auch wenn mancher Promi das vielleicht gerne hätte) größer, dünner, kleiner oder länger gemacht.

Erhält jemand ein wächsernes Double, reisen dafür Fotograf und Bildhauer aus London an. Die Person wird auf einer Drehscheibe positioniert und aus allen Blickwinkeln fotografiert. Dazu werden 250 Messungen vorgenommen.

Nach rund sechs Monaten ist die Figur fertig. Das dauert unter anderem deshalb so lange, weil jedes Haar einzeln eingesetzt wird. Ein Vorgang, der 140 Stunden in Anspruch nimmt. All das ist mit ein Grund, weshalb Simone Windisch so gut auf die Figuren Acht gibt. Immerhin ist jede von ihnen 200.000 Euro wert.

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