Chronik | Österreich | Landlust
27.03.2017

G’schäft rettete Lebensqualität

Verein verkaufte Bausteine und errichtete einziges Lebensmittelgeschäft im Ort.

Eigentlich schaut das Geschäft mitten in der Ortschaft Reinsberg im niederösterreichischen Bezirk Scheibbs so aus, wie in Hunderten ländlichen Orten auch. Der Name des Ladens "Unser G’schäft" auf der Fassade ist der erste kleine Hinweis, dass die Gemeindebevölkerung eine besondere Beziehung zu dem Betrieb pflegt. Tatsächlich ist "Unser G’schäft" aber ein österreichweit bekanntes Musterbeispiel für gelebte Landlust. Mit der Unterstützung der Gemeindebürger im Rücken stampfte ein Verein dieses florierende Nahversorgerzentrum aus dem Boden.

In der 1000 Einwohner-Gemeinde läuteten vor fünf Jahren die Alarmglocken. Der einzige Bäcker im Ort, wo auch allerlei andere Waren zu haben waren, sperrte zu. Damit fehlte den Leuten plötzlich nicht nur die einzige Einkaufsgelegenheit, sondern auch der tägliche gesellschaftliche Treffpunkt.

"Als kleiner Ort, in dem keine entsprechenden Frequenzen zu erwarten waren, ließen uns alle Handelsketten abblitzen", erinnert sich Robert Hörhann, einer der Mitbegründer von "Unser G’schäft". In einer Bürgerbefragung bekannte sich eine große Mehrheit dazu, ein Geschäft im Ort unterstützen zu wollen. Dann ging alles schnell. Die Reinsberger erstanden 400 Bausteine zu je 100 Euro, die Gemeinde und das Land NÖ schossen Sonderfördermittel zu. Der gegründete Verein konnte in angemieteten Räumen das Geschäft einrichten. 220 Mitglieder, dokumentieren mit zehn Euro Jahresbeitrag ihre Solidarität zum "G’schäft". "Die gute Frequenz und die überdurchschnittliche Einkaufssumme pro Kunde sind ein Beweis für die Rückendeckung", erklärt Vereinsobmann Erich Planitzer. Kundin Rosemarie F. bestätigt: "Wir kaufen 95 Prozent unseres Bedarfs hier."

Lebensqualität

Für Bürgermeister Franz Faschingleitner ist der Shop eine "extreme Bereicherung". Eltern, die in der Früh ihre Kinder mit frischen Jausen versorgen, fußläufige s Einkaufen für die Senioren und 3000 Produkte, die den Bedarf der Familien leicht abdecken, seien ein enormer Betrag für die Lebensqualität. "Die Jungen bleiben hier, wir haben den jüngsten Altersdurchschnitt im Bezirk", schildert er.

Die Liste der positiven Effekte ist lang: Das Geschäft ist auch regionales Schmankerl-Schaufenster für die Ab-Hof-Bauern. Brot, Speck, Eier, Most, Säfte und anderes finden hier Absatz. Die Bauern kaufen im Gegenwert ihrer Waren ein. Faschingleiter: "Niemand muss weit weg zum Einkaufen, eine bessere Ökobilanz gibt’s nicht". Dass der Vereinsshop auch noch fünf Frauen und bald den dritten Lehrling beschäftigt, ist ein wertvoller Beitrag.

Delegationen

Eine Basis für den Erfolg ist die gute Kooperation mit dem auf regionale Geschäfte spezialisierten Waldviertler Großhändler Kastner. "Wir vergleichen die Preise laufend mit den Supermärkten und sind oft sogar billiger", versichert Robert Hörhann. Ausnahmslos alle Vereine im Ort wickeln ihre Festeinkäufe über "Unser G’schäft" ab. Kein Wunder, dass sich fast im Wochentakt Gemeindedelegationen aus ganz Österreich in Reinsberg einfinden, um das Gemeindegeschäft an Ort und Stelle zu studieren.

Der KURIER sucht österreichweit die engagiertesten Orte, die durch innovativen Ideen die Bürger überzeugen. Die Redaktion hat zum Start Kommunen nominiert. Jetzt sind die Gemeinden in Österreich gefragt: Sie können in der kommenden Woche ihren Heimatort für die KURIER-Aktion unter landlust@kurier.at nominieren. Am Sonntag, 2. April, präsentiert der KURIER alle Kandidaten. Dann können die KURIER-Leser ihre favorisierten Kommunen zwei Wochen lang bewerten. Der KURIER stellt in dieser Zeit laufend die Initiativen vor.