Chronik | Österreich | Landlust
28.03.2017

Das Null-Euro-Service am Land

Freiwillige organisieren Fahrten zum Arzt oder zum Supermarkt.

Idyllisch liegt der 1268-Seelen-Ort Steinberg-Dörfl im oberen Rabnitztal in der Nähe der Buckligen Welt. Steinberg-Dörfl zählt nicht nur zu den waldreichsten Gemeinden des Burgenlandes, sondern hat sich auch als Schulstandort einen Namen gemacht. Das Kloster "Marianum" beherbergt eine Haupt- und Hauswirtschaftsschule. Einen Nahversorger und einen Arzt sucht man in der Marktgemeinde allerdings vergeblich. Doch das ist für die Steinberg-Dörfler kein Grund, der Heimat den Rücken zuzukehren. Mit Hilfe des Vereins "Nachbarschaftshilfe Plus" geht man einander zur Hand.

Vor drei Jahren wurde der Verein ins Leben gerufen, schildert Steinberg-Dörfls Bürgermeisterin Klaudia Friedl (SPÖ). Der soziale Aspekt in ihrer Gemeinde sei ihr schon seit jeher ihr "Liebkind" gewesen, sagt Friedl, die sich als eine der Initiatoren des Pilotprojektes bezeichnet.

"Ziel ist es, sich gegenseitig zu helfen und über Generationen hinweg zusammenzuwachsen", erklärt Projektkoordinatorin Astrid Rainer. Das Prinzip ist einfach erklärt: Die Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn wird wiederbelebt. "Die ehrenamtlichen Mitarbeiter gehen beispielsweise mit zum Arzt, führen Klienten zum Einkaufen oder kommen einfach zu Besuch vorbei", schildert Rainer. Das Angebot ist für die Nutznießer kostenlos. Die freiwilligen Helfer erhalten einen Fahrtspesenersatz und sind unfall- und haftpflichtversichert. Finanziert wird das Projekt durch die Gemeinde, Unterstützung gibt es vom Land Burgenland und der EU. 37 Personen in Steinberg-Dörfl haben Bedarf an der Nachbarschaftshilfe angemeldet. 25 Ehrenamtliche versuchen, deren Wünsche zu erfüllen. Eine der Freiwilligen ist Helga Reiterits.

Soziales Engagement

Bei Bedarf fährt die 73-Jährige andere Dorfbewohner in die Apotheke oder in den Supermarkt. "Ich bin in Pension und habe Zeit. Außerdem bin ich gerne mit Menschen zusammen", erklärt Reiterits. Eine, die das Angebot nutzt, ist Olga Leitner. Nach dem Tod ihres Mannes lebt die 83-Jährige alleine, auf einen Heimplatz muss sie warten. "Ich brauche leider sehr oft Hilfe, weil ich krank bin", erzählt Leitner. Nicht immer falle es ihr leicht, die Dienste ihrer Mitmenschen in Anspruch zu nehmen. Ein Taxi sei aber nicht immer leistbar. Josef Pauer hat Olga Leitner schon mehrmals chauffiert. "Die Dorfbewohner schätzen das Angebot", sagt der 72-Jährige.

Sieben weitere Gemeinden im Mittelburgenland gehören bereits dem Verein an, darunter Horitschon, Kobersdorf, Lackenbach, Lackendorf, Stoob, Unterfrauenhaid und Piringsdorf. Michaela Heschl koordiniert für Steinberg-Dörfl und Piringsdorf "Angebot" und "Nachfrage". Nebenbei werden auch Kurse für Klienten organisiert: Bei einer EDV-Schulung konnten die älteren Semester Ausflüge in die virtuelle Welt starten.

Projektkoordinatorin Rainer kann den Erfolg mit Zahlen belegen: "Bei einer externen Evaluierung haben fast 100 Prozent der Nutznießer angegeben, dass durch das Projekt ihre Lebensqualität stark gestiegen ist."

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