© Ida Metzger

Reportage
03/20/2020

Krisen-WG: Im Duett gegen das Coronavirus

Sie sollen in der Isolation leben. Was tun gegen den Lagerkoller? Manche gründen WGs, andere malen aus.

von Ida Metzger

Ihr Terminkalender war eigentlich prall gefüllt: Diese Woche war eine Vorstellung des Dürrenmatt-Stücks „Die Physiker“ geplant. Die Woche darauf ein Kabarettabend und zwischendurch ein Yoga-Kurs. Entschleunigung ist offenbar auch bei der 65+ Generation angesagt – soll doch die Risikogruppe die Öffentlichkeit meiden und auf keinen Fall Verwandte empfangen. Aber was tun in der verordneten Einsamkeit? Vorsichtig ist Österreichs ältere Generation, aber auch kreativ im Finden von Methoden gegen den Lagerkoller.

Ilse Goelles (81) und Christa Niaghi (71) kennen sich seit 50 Jahren, seit Sonntag leben sie auch unter einem Dach. Kurzerhand gründeten sie eine Krisen-Wohngemeinschaft. „Meine Tochter lebt in der Lombardei, mein Sohn in Wien. Ich habe niemanden in unmittelbarer Nähe, der für mich einkaufen gehen kann. Da sagte meine Freundin kurzerhand: ,Zieh bei mir ein‘“, erzählt Ilse Goelles. Im Duett lässt sich die verordnete Isolation besser meistern, lautet das Motto der flotten Damen-WG.

Angst vor Spaziergängen

Über diese Ausnahmezeit führen sie ein Tagebuch. Denn Ilse Goelles bewegt die Sorge um die Tochter, die mit der Familie in der Lombardei lebt. Vorsorglich hat Christa Niaghi ihr Lebensmittellager in den vergangenen Wochen gut gefüllt: „Drei Wochen kommen wir locker durch.“ Für die täglichen Besorgungen („Brot, Milch und Rotwein“, erzählen sie lachend) bieten die Nachbarn Hilfe an.

Und wie schaut der Alltag jetzt aus?

Angst vor dem Lagerkoller hat die Damen-WG nicht. Allerdings, Spaziergänge trauen sie sich keine zu unternehmen. „Wir haben gehört, dass die Pensionisten angepöbelt werden, wenn sie auf die Straße gehen“, erzählt Goelles. Auch für die Pensionistinnen ist das Handy das wichtigste Kommunikationsmittel geworden. „Gott sei Dank haben wir kein Vierteltelefon mehr. Das wäre jetzt die Hölle“, sagt Christa Niaghi lachend. Über Whatsapp kursieren eine Menge an humorvollen Videos und Fotomontagen rund um die Corona-Krise – darüber amüsieren sich die beiden.

Ausmalen statt Kegeln

Ähnlich aktiv war der Wiener Pensionist Otto Zimmermann (79) – bis vor fünf Tagen. Jeden Montag und Dienstag absolvierte er das Training in seinem Sportkegelverein – täglich zwei Stunden. Am Mittwoch dann eine Tennis-Doppelpartie mit seinen Freunden. „Das geht mir jetzt schon ab, obwohl wir erst in der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen sind“, sagt Zimmermann.

Statt Sport steht nun Ausmalen auf dem Programm. Seit drei Jahren stehen diese kleinen Renovierungsarbeiten in der Wohnung an – Zeit fand der unternehmungslustige 79-Jährige dafür nie. Offenbar brauchte es die Corona-Krise, damit der Pensionist endlich zum Malerpinsel griff.

Nur in den eigenen vier Wänden verharren kann der 79-Jährige allerdings nicht. Gemeinsam mit seiner Ehefrau geht er jeden Tag einkaufen, obwohl die Kinder ihre Hilfe angeboten haben. „Aber wir machen einen weiten Bogen um jeden, der uns entgegen kommt“, sagt Zimmermann. Täglich ein kleiner Spaziergang im Belvedere-Park muss detto drinnen sein. „Manchesmal werden wir komisch von den Passanten angeschaut, aber angepöbelt wurden wir noch nicht.“

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