Chronik | Österreich
20.04.2018

Kollision zweier Nachtzüge riss Passagiere aus dem Schlaf

54 Nightjet-Insassen wurden verletzt. „Sehr ungewöhnlicher Unfall“: Die ÖBB dementieren ein Sicherheitsproblem.

Überfahrene Signale, Zusammenstöße auf offener Strecke, Unfälle bei Verschubfahrten: Die ÖBB kommen seit Monaten wegen einer Unglücksserie von sieben schweren Unfällen mit Dutzenden Verletzten und einem Toten nicht aus den Schlagzeilen. Vorfall Nummer acht kam am Freitag dazu: In Salzburg krachte bei einer Verschubfahrt ein Nightjet in einen weiteren Nachtzug, mit dem er gekoppelt werden sollte. Ebenfalls am Freitag waren auch noch Güterwaggons in Oberösterreich mehr als 30 Kilometer führerlos unterwegs.

„Wir haben geschlafen, als uns ein Ruck aufgeweckt hat.“ Tim Wettstein und Benjamin Küng wollten Freitagfrüh im Nightjet von Zürich nach Wien fahren. Die Reise endete um 4.46 Uhr abrupt am Salzburger Hauptbahnhof. Der Zug hätte mit einer weiteren Garnitur aus Venedig gekoppelt werden sollen – dabei kam es zur wuchtigen Kollision. Wettstein erlitt eine Verletzung an der Stirn. Die Platzwunde musste mit fünf Stichen im Spital genäht werden. Gemeinsam warteten sie am Vormittag noch am Hauptbahnhof auf einen ebenfalls verletzten Freund, um die Reise fortzusetzen.

„Wirklich heftiger Ruck“

„Es hat wirklich gekracht. Unsere Schaffnerin hat sich wahrscheinlich den Fuß gebrochen. Eine Frau musste aus ihrem Abteil getragen werden, ein Mann war gerade auf der Toilette und hat wirklich übel im Gesicht was abgekriegt“, schilderte Linda M., die ebenfalls durch den Zusammenstoß aus dem Schlaf gerissen wurde. Durch den „wirklich heftigen Ruck“ habe sie zuerst gar keine Luft bekommen. Die 25-Jährige blieb aber unverletzt und saß bereits wenige Minuten später in einem Ersatzzug.

Das Rote Kreuz kümmerte sich mit 25 Helfern um die Verletzten. „Wir sind kurz vor fünf Uhr verständigt worden. Bei unserem Eintreffen war der Großteil der Passagiere schon auf dem Bahnsteig“, sagte Rot-Kreuz-Einsatzleiter Martin Huber. Im Wesentlichen mussten die Helfer Schnittwunden und Prellungen versorgen. 54 der rund 250 Passagiere mussten in Spitäler gebracht werden. Bei einer Passagierin stellten sich schwerere Verletzungen heraus als zunächst vermutet. Sie musste nach Rippenbrüchen und einem Milzriss am Vormittag operiert werden.

Der Hergang des Unglücks war am Freitag unklar, obwohl das Landeskriminalamt den Verschubleiter befragt hatte. Laut Polizei-Sprecher Michael Rausch sei dabei „nichts Wesentliches“ zur Klärung der Unfallursache herausgekommen. Die Einvernahme der Lokführerin, die auf den stehenden Nightjet aufgefahren war, war noch ausständig – sie musste im Spital behandelt werden.

ÖBB kalmieren

Von den ÖBB gab es am Freitag keine Erklärung für den Crash. Der Vorfall sei „ein sehr außergewöhnlicher Unfall“, weil Verschubfahrten üblicherweise mit Schrittgeschwindigkeit erfolgen würden, sagt ÖBB-Sprecher Roman Hahslinger. Berichte, wonach die Verschublok mit 25 km/h in den Zug gekracht war, bestätigte er nicht. Trotz der Unfallserie der vergangenen Monate will Hahslinger nichts von einem Sicherheitsproblem bei der Bahn wissen. „Wir haben absolut kein Sicherheitsproblem. Wenn man den Durchschnitt der letzten fünf Jahre betrachtet, ist die Zahl der Unfälle nicht angestiegen.“ Die Anfrage nach einem Gespräch mit einem Sicherheitsexperten der ÖBB blieb erfolglos – am frühen Freitagnachmittag war „keiner mehr greifbar“, hieß es von Hahslinger.