Chronik | Österreich
24.11.2018

Kinder als „vergessene“ Opfer von häuslicher Gewalt

Experten fordern, vor allem die jungen Zeugen von Gewalt mehr in den Fokus zu rücken.

„Von häuslicher Gewalt sind auch 70 bis 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen“, sagt Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich. Mit teils verheerenden Auswirkungen. Nicht nur sind betroffene Buben später gewaltbereiter und Mädchen eher bereit gewalttätige Partner zu akzeptieren, leiden die Kinder auch unter gesundheitlichen Problemen sowie Lern- und Leistungsstörungen. Angst, dass der Mama was passiert; Wut, dass die Eltern streiten; Loyalitätsgefühle, wenn die Polizei den Papa mitnimmt.

„Angst und Stress schadet der Entwicklung“, hält Berzlanovich fest. Experten fordern nun, mehr Augenmerk auf die betroffenen Kinder zu legen. „Die Kinder werden oft zu wenig einbezogen“, sagt auch Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser.

Zumindest bei Polizeieinsätzen im Rahmen häuslicher Gewalt wurde nun erforscht, was sich Kinder wünschen und wie einschreitende Beamte helfen können. Denn immerhin sind sie bei einem Drittel der Einsätze jene, die den Notruf wählen – manchmal sogar gegen den Willen der erwachsenen Gewaltopfer.

Im Rahmen des dreijährigen Forschungsprojekts „EinSatz“  haben die Studienautorinnen Sandra Messner  und Andrea Hoyer-Neuhold  30 Kinder im Alter zwischen acht und 21 Jahren, die Opfer häuslicher Gewalt wurden oder Zeugen wurden, befragt, wie sie es erlebt haben, als die Polizei nach Hause kam.

Generell erlebten die Kinder die Beamten mehrheitlich positiv. Wichtig ist es ihnen, ein Gefühl von „In-Sicherheit-Sein“ vermittelt zu bekommen. Vor allem wollen sie aber wahrgenommen  und  von der Polizei beruhigt werden. So beschrieb ein Bub den Einsatz als sehr negativ, weil er von den Beamten ins Zimmer geschickt wurde. „Einerseits hab’ ich das Gefühl ausgeschlossen zu sein und andererseits, dass was Schlimmes passiert ist“, erzählte er. Oft reicht laut den Studienautorinnen ein Händedruck, ein freundliches Lächeln oder ein kurzer Blickkontakt und die Worte „euch kann nichts mehr passieren“ aus.

Kinder wollen Infos

Aber auch Information ist für die Kinder wesentlich: Sie wollen über aktuelle Schritte und das weitere Vorgehen der Polizei nach dem Einsatz informiert werden. Ein Anliegen ist es ihnen auch, zum Gewaltvorfall befragt zu werden. Dies jedoch sehen Gewaltschutzexperten kritisch. „Kinder haben immer wieder Loyalitätsprobleme“, sagt Rösslhumer. Sie stünden zwischen den Eltern.

Den Wünschen der Kinder können die in der Studie ebenfalls befragten Polizisten durchaus etwas abgewinnen, viele handeln auch derart. Andere wiederum wollten die Kinder nicht „hineinziehen“ oder erklärten, dass jeder Einsatz anders ablaufe.

Deutlich wird auch, dass sich die Kinder nach Polizeiinterventionen zu Hause sicher fühlen, sich die Situation im Umfeld aber  verschärft. Die Kinder hätten aus Angst vor dem Täter teils tagelang die Wohnung nicht verlassen, heißt es. Expertinnen wie Rösslhumer kritisieren, dass Gewalttäter viel zu selten in U-Haft genommen werden. Auch bei der Justiz brauche es eine Gefährlichkeitseinschätzung.

Checklisten

In der Studie werden auch konkrete Empfehlungen an die Polizei formuliert, etwa Checklisten für Beamte am Notruftelefon und Schulungen bei der Aus- und Fortbildung. Denn während es ausreichend Vorgaben und Strategien im Umgang mit von Gewalt betroffenen Kindern gibt, fehlt selbiges für jene, die „nur “ Zeugen sind. Hier hängt alles davon ab, wie die Beamten die Gefährdungssituation einschätzen.

Volksanwaltschaft, MedUni Wien und der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser fordern zudem mehr Beratungsstellen für Kinder, die Zeugen von Gewalt wurden, zudem müsse ihnen auch im Gesundheitsbereich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.