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Chronik Österreich
05/31/2019

Keine heile Welt am Ponyhof: Immer mehr Reitschulen sperren zu

Die Zahl der Reitschulen in Österreich ist rückläufig. Gründe dafür sind vor allem rechtlicher und finanzieller Natur.

von Caroline Ferstl

40 Jahre lang hat sich Michael Rösch aus Bad Fischau (Bezirk Wiener Neustadt-Land) dem Reitunterricht verschrieben. Schweren Herzens musste er ihn vor Kurzem einstellen. „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber seitdem schlafe ich besser“, sagt er heute.

„Wenn man seinen Betrieb seriös führen will, ist das wirtschaftlich kompliziert; die finanziellen Möglichkeiten sind eingeschränkt.“ Die Suche nach qualifizierten Reitlehrern gestaltet sich schwierig – nicht zuletzt, weil der Beruf des Reitlehrers in Österreich nicht geschützt ist (siehe weiter unten).

Mit der idyllischen Vorstellung der heilen Welt am Ponyhof hat die Realität wenig gemein: Immer mehr Reitschulen in Österreich geben den Betrieb auf. Zuletzt griff auch die Fachzeitschrift Pferderevue die Thematik auf.

Die Gründe sind vielseitig: Fehlendes Ehrenamt in Vereinen; zu hohe Kosten, die durch die Einnahmen der Reitstunden nicht gedeckt werden können; und die zunehmende Tendenz, im Schadensfall zu klagen, lassen vielen die Freude am Unterrichten vergehen.

Vor Gericht

Werner Vogt vom Reitstall Sankt Leopold in Klosterneuburg (Bezirk Tulln) kann ein Lied davon singen. Er stellte seinen Reitschulbetrieb vor sechs Jahren ein, nachdem er nicht nur ein Mal mit klagenden Eltern zu kämpfen hatte: „Pferde sind Tiere, keine Maschinen. In jedem Sport passiert einmal ein Unfall. Die Mentalität der Menschen hat sich geändert, heute zieht man sofort vor Gericht, wenn etwas passiert.“

In seinem Stall sind nur mehr Privatpferde eingestellt. Vogt lebt vom Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln für die Tiere: „Nur ganz wenige Betriebe schaffen es, Profit daraus zu schlagen.“

Dunkelziffer

Die genaue Anzahl der in Österreich existierenden Reitschulen ist unmöglich zu erfassen: Nicht alle sind Mitglieder des Österreichischen Pferdesportverbandes (OEPS), die Dunkelziffer lässt sich nicht einmal schätzen. 2001 etablierte der OEPS das Gütesiegel einer Reitschulkennzeichnung. Offizielle Daten von davor gibt es kaum, inoffizielle wurden von der Fachzeitschrift Pferderevue mittels Fragebogen erhoben.

2009 zählte man 124 Betriebe, die nach den Richtlinien der Reitstallkennzeichnung ausgezeichnet waren. 2011 war die Zahl auf 118 gesunken, heute sind es nur mehr 68 Vereine mit Reitunterricht. Der stärkste Rückgang ist in Niederösterreich zu beobachten: Während 2011 noch 39 Vereine dem OPES bekannt waren, sind es heute 18. Inoffiziell stehen drei weitere Reitschulen in Österreich kurz vor ihrer Schließung.

Nullsummenspiel

Sabine Steinbach betreibt eine Reitschule in der Wiener Donaustadt. Sie kann sich vor Schülern kaum retten. Nicht zuletzt, weil rund um sie herum die anderen Schulbetreibe eingestellt wurden. Dennoch kann sie sich nur durch Rückendeckung ihrer Familie über Wasser halten: „Nur mit viel Eigenleistung schafft man es in Österreich, einen Reitbetrieb zu erhalten. Der Unterricht ist zu billig. Bei 32,50 Euro pro Stunde kann man nicht kostendeckend wirtschaften. Rücklagen zu bilden ist unmöglich“, meint die Reitlehrerin.

Steinbach empfände eine Preisempfehlung, vorgegeben durch den Verband oder geregelt auf Länderebene, als potenzielle Lösung, um gegen das Sterben der Reitschulen vorzugehen: „Mehr Zusammenarbeit und Absprache ist unbedingt notwendig.“

Und was sagt der OEPS dazu? Man wisse von dem Problem bereits seit Längerem, sagt Sportdirektor Manfred Rebel. Preisempfehlungen seien jedoch keine Lösung: „Dafür ist der OEPS nicht zuständig, wir sind ein gemeinnütziger Verband, der nicht finanziell fördern darf.“

Die individuelle Nachfrage werde zudem von unbeeinflussbaren Faktoren bestimmt, etwa durch Lage und Erreichbarkeit eines Stalls. In naher Zukunft soll eine bessere Vernetzung der Reitschulen forciert und der Dialog vertieft werden, heißt es von Seite des OEPS.

„Hoffentlich ist es dafür noch nicht zu spät“, meint Sabine Steinbach, bevor sie sich wieder ihren Reitschülern zuwendet.

Das Berufsbild Reitlehrer

Kein Schutz, kaum Kontrolle, wenig Nachfrage nach Qualität: In Österreich kann theoretisch jeder Reitunterricht geben – auch ohne eine entsprechende Ausbildung. Denn der Beruf des Reitlehrers gehört in Österreich nicht zu den geschützten Berufen. Das Fehlen einer Ausbildung bringt jedoch einige Risikofaktoren mit sich, insbesondere was den Haftungsmaßstab bei einem Unfall betrifft.

Eine eigene Berufsschulausbildung zum Reitlehrer gibt es nicht. Derzeit werden mehrere Ausbildungsschritte angeboten: Beginnend beim Übungsleiter, über den Reitwart, folgt auf den Instruktor und Trainer schließlich der Reitlehrer. Doch nicht viele nehmen alle Ausbildungsschritte auf sich, zahlreiche Hobbyreiter absolvieren etwa den Übungsleiter aus reinem Interesse.

Im Falle eines Unfalls

Mit einer entsprechenden Ausbildung kann man eine Sportlehrerhaftpflichtversicherung abschließen. Im Falle eines Unfalls können sowohl Reitlehrer als auch Stallbesitzer zur Rechenschaft gezogen werden. Wer in einem vom OEPS gekennzeichneten Stall unterrichten will, braucht eine entsprechende Ausbildung. „Doch was jemand im Hinterhof macht, können wir nicht kontrollieren“, heißt es auf Nachfrage beim OEPS.

Warum Reitstallbesitzer das Risiko eingehen und nicht qualifiziertes Personal einstellen, hat viele Gründe: Oft ist das Angebot zu gering, zu wenig ausgebildete Reitlehrer sind am Markt verfügbar, auch Einsparungsmaßnahmen sind ein Grund.

Susanna Kleindienst, Ausbildungsreferentin des OEPS, kritisiert das mangelnde Bewusstsein und die geringe Wertschätzung, die der Ausbildung zum Reitlehrer entgegengebracht wird. „Im Grunde würde es schon helfen, wenn sich Eltern besser informieren und Reitställe auf mehr Qualität achten würden.“

Sie wünscht sich seit Jahren einen Schutz des Berufsbildes: „Dann wäre eine Ausbildung verpflichtend. Der Pferdesport gehört gefördert. Das ist ein Aufruf an alle: Bund, Länder, Reiter und Pferdebesitzer.“

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