Wolfgang Mayr-Knoch ist Geschäftsführer der Wietersdorfer Zementwerke (im Bild: die Anlage in Klein St. Paul), Sparte Zement und Kalk.

© KURIER/Daniel Raunig

Interview
12/12/2014

"Wir haben 20 bis 30 Kilogramm Hexachlorbenzol ausgestoßen"

Kärnten: Zementwerk nennt erstmals Zahlen und gesteht, dass Kontrollen sinnvoll gewesen wären. Experten schließen Langzeitfolgen aus.

von Thomas Martinz

Seit zwölf Tagen ist der Umweltskandal um Hexachlorbenzol (HCB) im Kärntner Görtschitztal bekannt. Am Freitag gab es erste Informationsveranstaltungen des Landes in Brückl und Klein St. Paul. Beinahe die gesamte Landesregierung war um Beruhigung bemüht (mehr dazu unten).

Wolfgang Mayr-Knoch ist Geschäftsführer der Wietersdorfer Zementwerke, Sparte Zement und Kalk, die für die Emission von Hexachlorbenzol im Görtschitztal hauptverantwortlich sein soll. Der 62-Jährige bestätigt im KURIER-Interview den HCB-Ausstoß und gesteht die Notwendigkeit von Kontrollen. Er sieht das Zementwerk aber nicht als alleinigen HCB-Verursacher.

Sie haben interne Untersuchungen durchgeführt, um die HCB-Emissionen abzuklären. Liegen Ergebnisse vor?

Mayr-Knoch: Keine finalen. Aber Messwerte haben ergeben, dass wahrscheinlich 20 bis 30 Kilogramm HCB ausgestoßen wurden.

In welchem Zeitraum?

In zweieinhalb Jahren. Wir haben die Giftstoffe mit Effizienz vernichtet, leider nicht zu 100 Prozent.

Das Land wirft dem Werk vor, 100.000 Tonnen falsch verbrannt zu haben – in der Rohmehlmühle, wo die erforderlichen Temperaturen nie zustande kommen. Oder in einem falschen Ofen.

Das ist alles Blödsinn. In der Rohmehlmühle kann man gar nichts verbrennen und es gibt keinen falschen Ofen, weil es nur einen gibt. Beim Klinkerherstellungsprozess werden Temperaturen von 250 bis 1400 Grad durchlaufen und da ist irgendetwas passiert.

Dann müssten Sie ja von Landeshauptmann Peter Kaiser abwärts alle Politiker wegen Rufschädigung verklagen.

Ich beschäftige mich mit der Aufarbeitung. Fakt ist, dass wir mit der Blaukalkverbrennung technisches Neuland betreten haben.

Hätten Sie dann nicht erst recht die Verpflichtung gehabt, zu kontrollieren, ob es zu Emissionen kommt? Sie wussten, dass der Blaukalk hochgiftig ist.

Ja. Aus heutiger Sicht muss ich Ja sagen. Kontrollen wären notwendig gewesen. Aber die sind im Bescheid nicht vorgeschrieben.

Die Molkerei Sonnenalm hat 120 Schulen und Kindergärten in Kärnten beliefert. In der Region haben alle diese Milch getrunken. Was sagen Sie Kindern oder Eltern von Kindern, die durch das Verschulden des Zementwerks HCB-belastete Produkte zu sich genommen haben?

Ich kann nur hoffen, dass die Belastung gering war. Diesbezüglich muss ich mich auf Michael Kundi vom Institut für Umwelthygiene berufen, der für die Risikoanalyse von HCB im Görtschitztal zuständig ist. Er sagt, dass ein Erwachsener 50 Liter Milch pro Tag trinken müsste, um eine Beeinträchtigung befürchten zu müssen.

Das Zementwerk kassiert 11 Millionen Euro für die ordnungsgemäße Verbrennung von Blaukalk. Das ist nicht gelungen. Müssten Sie das Geld nicht sofort der betroffenen Bevölkerung zur Verfügung stellen?

Die Summe bezieht sich auf das Gesamtprojekt bis 2017, die haben wir nicht erhalten. Außerdem mussten wir zwei Millionen Euro investieren, um mit der Blaukalk-Verbrennung starten zu können. Wir haben HCB-Messungen in der Umgebung finanziert, wir haben Futtermittel aus Italien organisiert. 80.000 Euro sind da hinein geflossen.

Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit, nachdem Ihr Werk für den Umweltskandal verantwortlich ist?

Wir sind ein Verursacher, das ist klar. Ich glaube aber, dass wir nicht der alleinige Verursacher sind. Bauern, die Blaukalk aufgetragen haben, können ebenfalls für die Werte verantwortlich sein.

Werden Sie die Verbrennung des Donau-Chemie-Kalks wieder aufnehmen?

Es existiert ein nach wie vor gültiger Vertrag mit der Donau-Chemie, der die Verbrennung von 370.000 Tonnen Blaukalk bis 2017 vorsieht. Bisher wurden 96.000 Tonnne eingegeben. Wir müssten den Betrieb wohl technisch umrüsten, um in Sachen HCB auf Nummer Sicher gehen zu können. Und es steht in den Sternen, ob die Akzeptanz in der Bevölkerung vorhanden sein wird. Nur: die Deponie in Brückl ist die problematischste Österreichs.

Experten sehen keine Gefährdung

Seit zwölf Tagen ist der Umweltskandal um Hexachlorbenzol (HCB) im Kärntner Görtschitztal bekannt. Am Freitag gab es erste Informationsveranstaltungen des Landes in Brückl und Klein St. Paul. Beinahe die gesamte Landesregierung war um Beruhigung bemüht. "Die neuesten Untersuchungen zeigen, dass die HCB-Werte überall zurückgehen", erklärte Umweltlandesrat Rolf Holub (Grüne) vor erbosten Bürgern, die einen "Vertuschungsskandal" orteten. Experten schlossen Langzeitfolgen aus. Das von der Firma Wietersdorfer emittierte HCB, das vom Körper möglicherweise aufgenommen worden sei, sei nicht ausreichend, um Krebs zu erzeugen, erklärte Toxikologe Winfried Bursch. Aufhorchen ließen aber Zahlen, die Holub präsentierte. Im "Worst Case" seien 900 Kilo emittiert worden.

Das sind mehr, als das Zementwerk nennt. "20 bis 30 Kilogramm Hexachlorbenzol haben die Wietersdorfer Zementwerke wahrscheinlich in den zweieinhalb Jahren der Blaukalk-Verbrennung ausgestoßen", sagte der Geschäftsführer der Werke, Wolfgang Mayr-Knoch. Damit nannte er erstmals Zahlen. "Wir haben den belasteten Blaukalk mit großer Effizienz vernichtet, aber nicht zu 100 Prozent." Inzwischen steht die Verbrennung des hochgiftigen Blaukalks still.

Für Aufregung sorgt unterdessen, dass die Agentur für Lebensmittelsicherheit (AGES) im März Grenzwertüberschreitungen von HCB in Milchprodukten erkannt, diese aber nie an die Öffentlichkeit weitergeleitet hat. "Das Umweltinformationsgesetz gilt auch für die AGES", sagt Thomas Alge, Jurist des Ökobüros. Das Interesse der Gesundheit der Bevölkerung sei höher zu bewerten als der Schutz von Unternehmer-Interessen oder des Amtsgeheimnisses. Alfred Dutzler von der Kärntner Lebensmittelaufsicht betont, dass es sich um Privatproben der betroffenen Sonnenalm-Molkerei gehandelt habe.

Hexachlorbenzol: "Eine der gefährlichsten Substanzen"

Dr. Thomas Jakl, Leiter der Chemikalienabteilung im Umweltministerium, beantwortet fünf Fragen zum Thema Hexachlorbenzol. Das Umweltgift ist in Milch und Viehfutter im Kärntner Görschitztal gefunden worden. In Umlauf gebracht wurde die kontaminierte Milch aber nicht.

Was ist Hexachlorbenzol?

Hexachlorbenzol ist eine langlebige, krebserregende und auch einen Embryo schädigende Chlorvervbindung. "Es ist eine der gefährlichsten Substanzen die wir kennen", sagt Jakl. Chemiker sprechen von einer "persistierenden Verbindung": Sie wird nur sehr langsam abgebaut.

Darf Hexachlorbenzol noch in der Industrie verwendet werden?

"Hexachlorbenzol ist in Österreich seit 1992 verboten", sagt Jakl. "Es gilt ein Totalverbot". Die Substanz fällt unter das Stockholmer Übereinkommen, das 2001 von damals 122 Staaten unterzeichnet wurde. Damit wurden die Herstellung und der Gebrauch von zwölf Pestiziden (Schädlingsbekämpfungsmitteln) und Industriechemikalien ("Dreckiges Dutzend") eingeschränkt bzw. verboten. Bis 1992 durfte Hexachlorbenzol in Österreich als Pestizid und Fungizid (Anti-Pilz-Mittel) verwendet werden. Die Substanz wurde auch als Weichmacher und Flammschutz für Kunststoffe und Schmiermittel sowie in der Aluminiumherstellung eingesetzt.

Woher kann generell heute eine Hexachlorbelastung stammen?

Aus Rückständen, die noch in den Böden vorhanden sind oder aus legalen Verbrennungsprozessen. Letzteres dürfte auch in Kärnten die Ursache gewesen sein. So dürfen in Zementwerken mit speziellen Genehmigungen unter bestimmten Auflagen auch Rückstände aus Deponien und Sondermüll verbrannt und entsorgt werden. "Damit es dabei aber zu keiner Belastung mit Hexachlorbenzol über einem Grenzwert kommt, ist es entscheidend, dass die Sauerstoffzufuhr und die Temperatur beim Verbrennungsprozess ausreichend hoch sind", sagt Jakl. "Wenn es zu Belastungen über den Grenzwerten kommt, dann ist etwas bei der Verbrennung schief gelaufen. Der Verbrennungsprozess muss für die Vernichtung von Hexachlorbenzol sorgen." Theoretisch könne es aber auch sein, dass der zu verbrennende Deponie-Rückstand bereits mit Hexachlorbenzol belastet war. Generell seien die Emissionen (der Ausstoß) der Substanz in die Luft stark rückläufig.

2011 wurde die Substanz in Silvesterraketen nachgewiesen. Hatte das Konsequenzen?

"Ja", sagt Jakl. "In den Silvesterraketen sollte Hexachlorbenzol für einen besonderen Farbeffekt sorgen. Nach dem die illegale Verwendung bekannt wurde, haben wir die Kontrollen von Raketen verschärft. Das hat gewirkt: Mittlerweile ist kein Hexachlorbenzol mehr nachweisbar."

Wie kann es sein, dass 2009 in Diskont-Kürbisöl Hexachlorbenzol gefunden wurde?

"Wenn es irgendwo noch eine Belastung des Bodens durch den früheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit Hexachlorbenzol gibt, dann ist diese Belastung nur sehr langsam rückläufig", sagt Jakl "Und gerade in Öl reichert sich diese Substanz sehr leicht an. Ein solcher Fall ist aber die absolute Ausnahme. Lebensmittel werden aber regelmäßig auf Hexachlorbenzol kontrolliert, es sind in der Regel keine Belastungen nachweisbar."

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