Chronik | Österreich
07.10.2018

Invasion der gefährlichen Exoten

Schon ein geringer Temperaturanstieg macht es möglich, dass neue Gelsen und Spinnen kommen

Vergangene Woche wurde bekannt, dass ein Mann an der tschechischen Grenze am West-Nil-Virus erkrankt war. Außerdem herrschte Aufregung um die Verbreitung der südrussischen Tarantel in Österreich. Doch was ist dran an der Sorge, dass sich exotische Krankheiten und Tiere in Österreich ausbreiten?

„Das West-Nil-Virus spielt erst seit 2004 in Europa eine Rolle. Es dürfte mit Zugvögeln eingeschleppt worden sein, ähnlich wie das Usutu-Virus 2001“, sagt der Virologe Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Beide Viren können Krankheiten bei Vögeln und Säugetieren, inklusive des Menschen, auslösen. „Auch werden beide Viren durch Stechmücken übertragen. In ihnen kann das Virus auch überwintern. Heuer beobachten wir weit mehr West-Nil- und Usutu-Fälle als in den Vorjahren, was vermutlich an den für Gelsen optimalen Bedingungen lag. Durch den frühen Temperaturanstieg im Frühling konnten sie sich relativ zeitig zu vermehren beginnen. Und wenn es mehr Gelsen gibt, gibt es auch mehr Viren“, erklärt Nowotny.

80 Prozent der West-Nil-Virus-Infektionen verlaufen asymptomatisch und bleiben ohne Symptome. Nur 20 Prozent der Menschen, die sich infizieren, entwickeln eine fieberhafte Erkrankung, das sogenannte West-Nil-Fieber. „Und nur etwa eine von 150 infizierten Personen zeigt einen schweren Krankheitsverlauf, zumeist eine Infektion des Gehirns“, sagt Nowotny. Das Virus kommt bislang nur im Osten Österreichs vor. Insgesamt gab es dieses Jahr hierzulande 24 bestätigte West-Nil-Virus-Infektionen.

Neue Gelsenarten

Wie sieht es aber mit anderen Krankheiten aus, die durch Stechmücken übertragen werden? „Durch den Klimawandel und vor allem höhere Temperaturen, wandern Gelsenarten gegen Norden, die bisher nur im Süden beheimatet waren – und solche neu eingeschleppten Arten können Vektoren für neue Virusinfektionen sein“, sagt Nowotny.

 

Kurzfristig kamen die asiatische und die ägyptische Tigermücke bereits in Österreich vor. Sie sind Überträger von Krankheiten, wie dem Dengue- und dem Gelbfieber. „Bisher gibt es diese Krankheiten nur in den Tropen oder Subtropen. Urlauber haben sie vielleicht einmal mit nach Österreich gebracht. Es gab aber hier bisher nicht die richtige Gelsenart, um die Krankheit weiter zu übertragen“, erklärt Nowotny. „Wenn es aber noch wärmer wird, werden sich auch solche Gelsenarten bei uns ansiedeln und könnten dann auch lokal Krankheiten übertragen, die bisher nur in subtropischen und tropischen Gebieten vorkamen. In Italien und Südfrankreich ist es bereits zu kleinräumigen lokalen Epidemien solcher Krankheiten gekommen“, fährt der Virologe fort. „In Österreich ist das in den nächsten zehn Jahren auch möglich, derzeit ist den Gelsen noch zu kalt – selbst wenn sie jetzt durch Lkw eingeschleppt werden, können sie derzeit bei uns noch nicht überleben.“

Durch den Klimawandel weiten auch Zecken – und damit FSME – ihr Verbreitungsgebiet aus. „Sie dringen zum Beispiel in höhere Berggebiete empor“, so der Experte. Entgegensetzen könne man diesen Entwicklungen nur wenig. Wichtig wäre ein Monitoring, um Einschleppungen wenigstens sofort zu entdecken und nicht erst mit ein, zwei Jahren Verspätung.

Giftige Spinnen

Auch giftige Spinnen und Skorpione können aufgrund des Klimawandels künftig in Österreich heimisch werden. Die Nachricht, die südrussische Tarantel verbreite sich in Österreich, sorgte vergangene Woche für Aufregung. Dabei ist diese schon seit Jahren in Österreich beheimatet. „Alle Spinnen in Österreich sind zwar giftig, der Biss schmerzt aber lediglich, führt zu Rötungen und vielleicht zu Fieber, nach ein paar Tagen ist aber alles vorbei“, sagt Christian Komposch, Geschäftsführer des Naturraum-Planungsbüros Ökoteam und Spezialist für Spinnen, Skorpione und Weberknechte. „Es stehen aber ein paar Arten vor der Tür, die deutlich unangenehmer werden“, fährt er fort und meint damit die australische Rotrückenspinne, eine der gefährlichsten Spinnenarten der Welt. „Ein Biss ist wirklich unglaublich schmerzhaft, bei Kindern und älteren Personen kann es Todesfälle geben. Und normalerweise muss man mit Morphium behandelt werden, um die Schmerzen zu ertragen“, sagt er.

„Bisher kommt sie in Österreich noch nicht vor, weil es noch zu kalt war. Sie wird aber regelmäßig mit Containerschiffen nach Europa eingeschleppt“, fährt er fort. Durch den Klimawandel sei die Temperatur aber um ein halbes bis dreiviertel Grad gestiegen, was reichen würde, um eine Population in Österreich zu starten. „Es ist nur eine Frage der Zeit. Das Klima passt, dann müssen wir damit rechnen, dass die Art in den nächsten Jahren in Europa zu finden sein wird“, sagt er. „Dann haben wir es erstmals mit gefährlichen Giftspinnen in Österreich zu tun.“

Drei heimische Skorpione gibt es derzeit; sie alle sind harmlos. Regelmäßig würden jedoch giftige Exemplare eingeschleppt werden. Bisher konnten auch sie wegen der zu geringen Temperaturen noch nicht überleben. „In den nächsten 20 Jahren sieht das aber anders aus“, sagt Komposch. „Und wegen Skorpionen sterben jährlich 5000 Menschen.“ Zur Prävention sei es wichtig, Importe zu kontrollieren und Monitoring zu betreiben. Es werde aber kaum Geld investiert. Vorrangig sei der Kampf gegen den Klimawandel. „Wenn schon geringe Temperaturanstiege gefährliche Tiere zu uns bringen, was passiert dann bei noch gröberen Änderungen?“

Eigenschaften der exotischen Neuankömmlinge:

Rotrückenspinne:

Die australische Rotrückenspinne gehört zur Gattung der Echten Witwen und zählt zu den gefährlichsten Spinnen der Welt. Derzeit kommt sie noch nicht in Österreich vor. Aufgrund der klimatischen Veränderungen findet sie aber bereits die Bedingungen, die sie zum Leben braucht. In Australien gibt es jährlich 5000 Zwischenfälle mit der Spinne.

Asiatische Tigermücke:

Die Asiatische Tigermücke kam bereits kurzfristig in Österreich vor. Sie gilt als Überträgerin von Krankheiten wie dem Dengue- oder Gelbfieber. Durch die steigenden Temperaturen könnte sie schon bald dauerhaft in Österreich bleiben und damit die Übertragung von subtropischen und tropischen Krankheiten ermöglichen.

Skorpion:

Die drei heimische Skorpionarten sind für Menschen harmlos. In den nächsten 20 Jahren könnten sich aber auch giftige Arten  niederlassen. Weltweit sterben  jährlich rund 5000 Menschen nach Skorpionstichen. Schon jetzt werden giftige Arten nach Österreich eingeschleppt, noch können sie aber nicht überleben.