Chronik | Österreich
24.08.2014

Den Liebesschwindlern auf der Spur

Der "Datedoc" untersucht Identitäten und knackt Fakeprofile. Die Zahl der Aufträge steigt.

Seit einem Monat hat Melanie R. (Name von der Redaktion geändert) via Facebook Kontakt mit einem 42-jährigen Herrn. "Er schrieb mich an und meinte, ich sei genau die Frau, die er schon lange sucht." Auch eine gemeinsame Zukunft sei vorstellbar. Telefonieren möchte der Herr nicht, "er sei zu schüchtern". Melanie sollte wöchentlich (Nackt-)Fotos von sich schicken, damit er seine Schüchternheit überwinde könne.

Das ist ein Fall für den "Datedoc", den Melanie R. wegen ihres aufkeimenden Misstrauens konsultiert. Herzschmerzen kann dieser "Doc" nicht heilen, sehr wohl aber größeren (finanziellen) Schaden von den Betroffenen abwehren.

Bis zu 40 Anfragen bekommt das Team des "Datedocs" (www.datedoc.at) täglich. Das Unternehmen, das sich der Jagd nach Fakeprofilen und Liebesschwindeleien im Internet verschrieben hat, hat mehr Aufträge denn je. "Anfangs wurden wir belächelt, mittlerweile haben wir über 30.000 Checks in der Datingszene durchgeführt", erklärt Infobrokerin Jasmin Streller. Zu den Kunden der Firma, die ihren Sitz in Eisenstadt hat und über die Bundesgrenzen hinweg agiert, zählen Plattformbetreiber, Datingagenturen und vor allem Privatpersonen.

Im Laufe der Jahre – der Datedoc "ordiniert" seit 2007 – habe man die Erfahrung gemacht, dass die Schwindeleien meist nach demselben Muster ablaufen. Die Täter würden sich eine neue Identität für ihren Auftritt in der virtuellen Welt zulegen. Ein neues Profil, das einer Standardüberprüfung standhalte, können man sich im Internet binnen einer Minute kostenlos zulegen. Da ist zum Beispiel von einem "Single-Mann, sportlich, finanziell unabhängig, auf der Suche nach dem großen Glück ..." zu lesen. Im realen Leben ist der Herr verheiratet, hat fünf Kinder und sucht nach einem billigen Seitensprung.

"Die Anonymität im Internet wird immer mehr ausgenutzt. Und es wird beinhart mit den Gefühlen von Menschen gespielt", so Streller.

Observationen

Manchmal gebe es Fälle, bei dem sich auch der Datedoc fast die Zähne ausbeißt. Nicht immer sei es mit einfachen Recherchen getan, manchmal seien auch Observationen nötig, um einem Liebesschwindler auf die Spur zu kommen. In hartnäckige Fällen könne der Arbeitsaufwand bei einem Klienten auch vier, fünf Monate betragen.

Wer glaubt, ihn könne so etwas nicht betreffen, irre, heißt es von "Datedoc". "Zu unseren Klienten zählen Jugendliche mit 14, 15 Jahren genauso wie reifere Damen und Herren, junge Mütter ebenso wie Akademiker." Jugendliche würden via sozialer Netzwerken eher zu Sexdates bzw. zur Herausgabe freizügiger Fotos verleitet. "Vor allem in der Altersgruppe 35 plus geht es den Tätern dann darum, Geld zu erschleichen", sagt Streller.

Anfragen an den Datedoc kämen zu rund 70 Prozent von Frauen, Fakeprofile stammen zu 69 Prozent von Männern. Im Fall von Melanie R.s Bekanntschaft kann der Datedoc die Diagnose rasch stellen: "Wenn einer über Facebook erklärt: ‚Du bist die Liebe meines Lebens‘, ohne dem anderen begegnet zu sein, oder er Geld fordert, sollten die Alarmglocken schrillen."

In den meisten Fällen geht es um Geld

Das Motiv, warum Betrüger sich in Online-Partnerbörsen, Chats oder Sozialen Netzwerken das Vertrauen ihrer Opfer erschleichen und ihnen die große Liebe vorspielen, ist für Sonja Schwarz von Watchlist-Internet, einem Projekt des Internet-Ombudsmannes, klar: "In den meisten Fällen geht es um Geld."

Meist seien es international organisierte Banden, die sich dem Liebesschwindel im Netz verschrieben hätten. "Bei dem sogenannten ‚Love Scam‘ versuchen Betrüger durch das Vortäuschen einer fiktiven Liebesbeziehung vom Opfer Geld zu erhalten", so lautet die Formulierung des Bundeskriminalamtes (BKA). Konkrete Zahlen zu dieser Form von Cyberkriminalität gibt es nicht. Die Zahl der Fälle sei jedenfalls im Steigen, heißt es vom BKA.

"Die Täter nehmen über Singlebörsen oder Social Networks Kontakt mit den Opfern auf. Menschen, die sich sehr nach Kontakt sehnen, schreiben eher zurück", sagt Schwarz. Die Täter umgarnen ihr Opfer in der Folge, auch stundenlange Telefonate seien möglich. Nach einiger Zeit wird unter Vortäuschung falscher Tatsachen um Geld gebeten. So benötigen die Täter etwa Geld für die Reise zu einem gemeinsamen Treffen, für die Heilungskosten für ein Kind oder für Ausgaben, um den Kontakt aufrechterhalten zu können. "Viele der Opfer tun, was von ihnen verlangt wird, weil sie bereits emotional abhängig sind und die Realität verdrängen", sagt Schwarz.

Wenn man merkt, dass man Opfer eines Scammers geworden ist, sollte man jeglichen Kontakt abbrechen und Forderungen ignorieren. (www.watchlist-internet.at)