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Intensivpflege: Kritik an neun Koordinierungsstellen für 120 Betroffene

Für aktuell rund 120 beatmete Patienten soll es neun Orte für eine Koordinierung geben, aber weiterhin keine echte Kostenkontrolle.
Keine Pflegestufe 6, Carering, Curaplus, Grubauer

Zusammenfassung

  • Neun Koordinierungsstellen sollen künftig die Versorgung und Qualitätssicherung für rund 120 beatmete Patienten übernehmen, doch es fehlt weiterhin an Kostenkontrolle und einheitlichen Standards.
  • Betroffene und Experten kritisieren massive Versorgungsprobleme, fehlende rechtliche Klarheit, hohe Kosten und das Risiko, dass schwerkranke Patienten ohne Betreuung bleiben.
  • Mit der Gründung der ÖGALB entsteht erstmals eine Interessenvertretung für Patienten, Pflegefirmen und Fachkräfte, um die dringend benötigten Verbesserungen voranzutreiben.
"Das ist wirklich ein Erfolg!", verkündete Gesundheits-Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) kürzlich via Facebook. "Wir haben es nun endlich geschafft, dass die gemeinsame Finanzierung der außerklinischen Langzeitbeatmung im häuslichen Setting beschlossen wurde."
 
Doch an der Lösung gibt es massive Kritik praktisch aller Betroffener. 
 
Der Hintergrund: Die Lage für die Pflege von Intensivpatienten ist, wie berichtet, so prekär, dass die 18-jährige Sina Stenitzer sogar Suizid beging, weil es keine geeignete Versorgung für sie gab. Einerseits dauert es bis zu eineinhalb Jahre, bis es eine Finanzierungszusage gibt, andererseits verpulvern Pflegefirmen Patientengelder für tägliche Marketingvideos auf sozialen Medien, dubiose "Veranstaltungen" und üppige Fuhrparks - ohne nennenswerte Kontrolle durch die Geldgeber.
Und Patienten werden mitunter wie Aktien gekauft und - wenn das Personal wieder einmal davonläuft - mit dubiosen Begründungen wieder abgestoßen. Dringend benötigte Auffangplätze für diese beatmeten Patienten gibt es nirgends und auch künftig nicht. 
Eine Frau mit blonden Haaren und Brille spricht an einem Rednerpult des Bundesministeriums für Finanzen.

Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) sieht Erfolg für Intensivpatienten

Helfen soll künftig eine Koordinierungsstelle, die "als zentrale Schnittstelle zur Feststellung des Versorgungsbedarfs dient, sie wirkt bei der medizinischen und pflegerischen Beurteilung mit, bereitet fundierte Entscheidungsgrundlagen auf und übernimmt die regelmäßige Qualitätssicherung sowie das Monitoring des Versorgungs- und Pflegeprozesses", so Königsberger-Ludwig. 
 
Auf KURIER-Nachfrage heißt es allerdings, dass es künftig nicht eine, sondern gleich neun dieser Koordinierungsstellen geben wird. "Die organisatorische Zuordnung sowie die Geschäftsordnung erfolgen in einem nächsten Schritt – grundsätzlich obliegt dies aber dem jeweiligen Bundesland." Auch seien noch einige Punkte offen, die erst im Juni geklärt werden sollen.
Fix ist, dass weiter nur diplomierte Pflegepersonen eingesetzt werden dürfen, allerdings gibt es auch künftig keine einheitlichen Tarife für die Pflegefirmen. Interessant jedenfalls, dass sich künftig die Krankenversicherungsträger stärker beteiligen und die Hälfte der Kosten für die aktuell rund 120 Betroffenen übernehmen werden. 
"Leider bringt das nunmehr vorliegende Ergebnis noch nicht die nötige rechtliche Klarheit und Sicherheit", sagt der Grüne Sozialsprecher Ralph Schallmeiner. "Umso wichtiger wäre es für alle Beteiligten, sich darüber im Klaren zu sein, dass es Lösungen braucht, die den Betroffenen höchstmögliche Versorgungssicherheit und eine Betreuung dort, wo diese eine solche benötigen, ermöglicht. Als Grüne werden wir uns das sehr genau ansehen und auch verstärkt in den Bundesländern nachfragen, wie es weitergehen soll. Besser wäre aber natürlich, endlich bundesweit einheitliche Standards zu definieren."
Intensivpflege, Curaplus, Carering

Der Grüne Sozialsprecher Ralph Schallmeiner

Rita Fussenegger, selbst Intensivpatientin und Gründerin des Start-ups AufAtmenWG, das künftig dringend benötigte Wohngemeinschaften bauen möchte, warnt, dass viele Probleme unangetastet blieben: "Aktuell wissen wir: Bei nur etwa vier Pflegefirmen in Österreich fallen Dienste regelmäßig aus oder schwerkranke Betroffene werden innerhalb von 24 Stunden gekündigt und Krankenhäuser bzw. Intensivstationen schließen in solchen Situationen die Türen."

Und Fussenegger weiter: "Gleichzeitig entstehen extrem hohe Kosten, die jedoch weder Angehörige noch Betroffene finanziell entlasten. Im Gegenteil: Viele geraten an die Armutsgrenze. Wie sollen Patient – oftmals ohne Unterstützung durch Angehörige, die selbst nicht mehr arbeiten können – Miete, Lebensmittel, Medikamente und steigende Lebenshaltungskosten finanzieren?"

Denn die Patienten müssen nicht nur ihr Pflegegeld komplett abgeben, sondern auch weite Teile des Gehalts bzw. der Pension. 

ÖGALB: Erstmals Interessensvertretung für die gesamte Branche 

Um künftig auch die Interessen der Betroffenen und der Branche zu vertreten, die bei den Verhandlungen im Gesundheitsministerium nicht einmal gehört worden sind, wurde nun die Österreichische Gesellschaft zur Förderung und Qualitätssicherung in der außerklinischen Langzeitbeatmung (ÖGALB) gegründet. Damit wird es erstmals eine ernsthafte Vertretung von Ärzten, Pflegern, Therapeuten, Intensivpflegefirmen und Patienten geben.

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt auch der Fall Dragan V. aus Niederösterreich. Dem ALS-Patienten wird - trotz OGH-Urteils - eine Intensivpflege daheim nicht bezahlt. Seit Monaten wird er ohne Finanzierung von einer Spezialfirma betreut. Doch auch dieser geht langsam das Geld aus. 

V. dürfte bald der nächste Patient sein, der ohne Betreuung auf der Straße sitzt. 

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