Nach einem jahrelangen Rechtsstreit bekam die Familie 700.000 Euro zugesprochen.

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OP mit Folgen
10/16/2016

"Ich will, dass Nadina glücklich ist"

Nach einem jahrelangen Rechtsstreit bekam die Familie 700.000 Euro zugesprochen.

von Christian Willim

Körperlich wäre Nadina in der Lage zu stehen. Mit einer Stütze kann sie auch ein paar Schritte gehen. Doch ohne Hilfe fällt das Mädchen sofort um. Das Gehirn kann die Beine der bald Neunjährigen nicht steuern. Es ist zu schwer geschädigt. Keine Sekunde können Indira und Manfred Strobl ihre Tochter aus den Augen lassen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie sich verletzt.

Die Wachsamkeit ist den beiden Kufsteinern längst in Fleisch und Blut übergegangen. Das ist in jeder Minute spürbar, die man mit der Familie verbringt, die ein Eingriff an der Uni-Klinik Innsbruck völlig aus der Bahn geworfen hat. Im Alter von sechs Wochen muss Nadina 2008 wegen eines Leistenbruchs operiert werden. "Es hat geheißen, dass das ein Routineeingriff ist", erinnert sich Manfred Strobl. Sofort steigen dem 58-Jährigen Tränen in die Augen, wenn er erzählt, wie er sein Kind zwei Tage nach der Operation das erste Mal wiedergesehen hat: "Ihr Kopf war angeschwollen. Ich habe sofort gewusst, dass da etwas schiefgegangen ist."

Es ist der Beginn eines Kampfes um Gerechtigkeit, der diese Woche ein Ende gefunden hat. Wie berichtet, wurden Nadina vom Gericht in Summe fast 700.000 Euro für durch Behandlungsfehler erlittene Schäden zugesprochen. Die Tirol Kliniken müssen auch für Folgeschäden haften.

Doch auch darum wird in jedem Einzelfall gestritten werden, befürchtet Indira Strobl. "Wir werden ein Leben lang einen Anwalt brauchen", sagt die 50-Jährige.

Nadina schläft gerade auf der Couch. Immer wieder wird das Mädchen von Krampfanfällen geplagt. "Danach ist sie immer sehr müde", erzählt die Mutter.

Nadina hat gute und schlechte Tage. Die Pflege stemmen die Strobls im Alleingang. Beide arbeiten im Bezirkskrankenhaus Kufstein. Er als Pflegehelfer, sie als Kinderkrankenschwester. Die Schichten sind so abgestimmt, dass immer ein Elternteil bei dem Mädchen sein kann, wenn es nicht gerade in der Sonderschule betreut wird.

Glück einer Umarmung

"Nur wir können uns so gut in sie hineinversetzen. Ich verwöhne sie gerne. Sie hat nichts anderes", sagt Manfred Strobl. Ihm ist anzusehen, dass er lange mit dem Schicksal gehadert hat. "Aber ich habe die Freude wiedergefunden. Wenn Nadina mich umarmt, genieße ich das."

Es war Mutter Indira, die den Fall ihrer Tochter an die Öffentlichkeit gebracht hat, nachdem sie bei Klinik und Schiedsstelle in Arzthaftpflichtfragen gegen Mauern gelaufen war. "Es war schlimm. Wir wurden kleingemacht. Aber das hat mich weiter angetrieben", sagt die Frau. "Ich wollte, dass man weiß, dass Nadina etwas angetan wurde."

Dass die Familie den langen Rechtsstreit überhaupt durchstehen konnte, ist der AK Tirol zu verdanken, die die Prozesskosten vorfinanziert hat. "Ohne sie hätten wir es nicht geschafft", sagen die beiden. Gutachten, Schriftverkehr und unzählige Dokumente: Sie füllen einen ganzen Schrank in der Wohnung der Strobls. "Und jeden Tag kommt etwas Neues", erzählt der Vater und zeigt einen weiteren Brief.

Nach der Diagnose, dass ihr Kind schwerstbehindert ist, habe sie einen Jahr lang jeden Tag geweint, erinnert sich die Mutter. "Aber dann habe ich mir gedacht: Wie kann eine Mutter, die unglücklich ist, ein glückliches Kind haben. Und ich will, dass Nadina glücklich ist." Wenn Indira das Gesicht Nadinas an das ihre drückt, das Mädchen seine Mutter küsst und beide lachen, dann glaubt man, dass ihr das gelungen ist.

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