Chronik | Österreich
10.10.2018

„Ich bin mit wenig sehr glücklich“

Besuch im Grazer Marienstüberl, das 110.000 Mahlzeiten an armutsgefährdete Menschen ausgibt.

Alojs sitzt vor dem Schachbrett und lädt die Besucher zum geistigen Kräftemessen ein. „Ich spiel’ in der Senioren-Schachliga“, schmunzelt der Steirer, der in der Grenzregion Österreich-Slowenien aufgewachsen ist. Fünf Kinder hat der 66-Jährige, „und schöne Enkelkinder. Aber ich will niemandem zur Last fallen“. Also geht Alojs ins Marienstüberl zum Essen. „Da zahl’ ich einen Euro. Ohne die Caritas tät’ ich nicht durchkommen.“

Alojs ist einer von bis zu 250 Gästen, die täglich ins Grazer Marienstüberl kommen. Und einer jener 434.000 Österreicher, die als manifest arm gelten. „Menschen, die sich am Monatsende entscheiden müssen, ob sie heizen oder sich etwas zu essen kaufen“, umreißt Caritas-Präsident Michael Landau. Im Marienstüberl wird ihnen diese Entscheidung abgenommen: Es gibt hier Frühstück und Mittagsessen, im Winter auch einen kleinen Imbiss am Nachmittag.

Die Lebensmittel stammen aus Spenden, Barmherzige Schwestern und Freiwillige arbeiten. „Vier Kisten Brot, eine Kiste schwarze Weckerln und zwei Kisten süße Weckerln haben wir heute bekommen“, zählt Schwester Andrea auf. „Wir haben für jeden Gast genug Brot.“

110.000 Mahlzeiten werden im Marienstüberl jedes Jahr verspeist, berichtet Caritas-Bereichsleiter Franz Waltl. Die Einrichtung ist 23 Jahre alt: Was für Wien die Gruft, ist für Graz das Marienstüberl. „Eigentlich eine Weiterentwicklung der Bahnhofsmission“, beschreibt Waltl. „Aber unsere Gäste kommen nicht nur zum Essen. Viele kommen aus der Obdachlosigkeit, hier können sie duschen, die Kleidung waschen.“

Es wird voller

Doch es geht um mehr als Mahlzeiten alleine. „Die Menschen kommen zum Reden. Das ist ganz wichtig – eine Ansprache haben“, betont Gottfrieda Lukas, eine der Ehrenamtlichen. „Jeder Mensch braucht Anerkennung und Zuwendung.“ Die Kundschaft sei ganz unterschiedlich: Obdachlose, Flüchtlinge, Menschen mit geringem Einkommen oder kleiner Pension. „Da merkt man dann schon, dass es bei uns voller wird“, überlegt Schwester Andrea.

Der 66-jährige Alojs ist so ein Gast, der finanziell nicht über die Runden kommt. „Ich hab’ immer gearbeitet. Fleischerei, Bäckerei – was ich gefunden hab’“, erzählt er. „Aber mit der Pension geht sich das Leben nicht aus.“ 780 Euro habe er, 300 zahlt er für die Miete der Garçonniere, ein alter Kredit kostet ihn 100 Euro monatlich, dann ist noch Unterhalt für die Kinder zu zahlen. „Aber das geht schon alles“, versichert Alojs. „Ich bin mit wenig glücklich, sehr glücklich.“

Elisabetta sitzt neben ihm und nickt. Eineinhalb Jahre lang sei sie jeden Tag ins Marienstüberl gekommen, berichtet die gebürtige Rumänin. Sie hätte sonst nicht gewusst, wohin. „Ich habe keine Arbeit gefunden, kein Geld gehabt.“ Seit kurzem habe sie einen Job als Reinigungskraft, 8,36 Euro erhält sie brutto pro Stunde. „Wohnung, Strom, Heizung. Da bleibt fürs Leben dann ganz wenig übrig.“

In solchen Fällen bleibt oft nur der Weg, Hilfe zu suchen. „Ich höre oft, wenn ich erzähle, was ich beruflich mache: Geh’, das kann mich doch nicht treffen, Armut“, schildert Iris Eder. Sie leitet die Beratungsstelle zur Existenzsicherung in Graz. 9180 Beratungen gab es im Vorjahr, 2016 waren es 8319. „Aber es kann jedem passieren. Not und Armut können jeden treffen.“

Wie etwa Familie A.: Er Einzelunternehmer, sie Angestellte, zwei Kinder, hübsches Haus. Dann wurde der Mann krank und konnte den Handwerksbetrieb nicht mehr führen. Seine Frau verlor den Job, weil ihre Firma in den Konkurs schlitterte. „Sie haben einfach nicht mehr gewusst, wie sie weitermachen sollen“, schildert Eder. „Kredite offen, aber kein Einkommen. Sie waren auf Unterstützung angewiesen, sonst hätten sie ihr ganzes vergangenes Leben verloren und wären in einer Notschlafstelle gelandet.“

Landau fordert Mietrechtsänderung

Die neun reichsten Österreicher besitzen gemeinsam rund 47 Milliarden US-Dollar – würden sie ihr Geld zusammenwerfen. „Das sind Summen, die ich mir nur schwer vorstellen kann“, überlegt Michael Landau, Präsident der Caritas. Aber so richtig „fassungslos“ mache ihn eine Umrechnung: Mit diesem Vermögen ließe sich die Mindestsicherung in ganz Österreich fast 50 Jahre lang  finanzieren.
Landau wirbt für Unterstützung von Familien in Not, spart aber auch nicht an Kritik an der Bundesregierung. „Wenn Österreich Überschüsse nach Brüssel meldet, dann heißt das für mich: Wir könnten Armut vermeiden. Wann, wenn nicht jetzt?“ 

Weniger als  ein Prozent aller Sozialausgaben fließen in die Mindestsicherung. Ebenfalls nur einem Prozent der Bezieher hätte man Missbrauch dieser Leistung nachgewiesen. Er heiße so etwas keinesfalls gut, betont Landau, merkt aber an: „Der Schaden durch Abgabenbetrug und Steuerhinterziehung  wird auf mehr als sechs Milliarden Euro jährlich geschätzt. Damit wird deutlich, wo unser Hauptaugenmerk bei der Sparpolitik liegen sollte.“  Mit Kürzungen bei der Mindestsicherung werde kein Budget zu sanieren sein.
Laut Statistik gelten 434.000 Österreicher als arm, weitere 1,2 Millionen als armutsgefährdet. Unter ihnen sind 390.000 Kinder  und Jugendliche.  „Das bedeutet für die Betroffenen auch, nicht mehr am sozialen Leben teilhaben zu können“, betont Landau. „Kein Kino, kein Gasthaus, kein Fußballcamp mit Freunden, keine Einladung zum Geburtstag.“
Die  Ursachen dahinter macht Landau unter anderem auch an den hohen Wohnkosten fest. „Das Leben ist in den vergangenen Jahren teurer geworden. Der größte Brocken an Ausgaben ist in den allermeisten Fälle die Miete oder die Rückzahlung für Eigentumswohnungen.“ Österreich stehe dank des sozialen Wohnbaus noch besser da als andere Staaten, räumt der Caritas-Präsident ein. „Aber sozialer Wohnbau allein wird das Problem nicht lösen.“
Landau plädiert dafür, das Mietrechtsgesetz zu novellieren und verständlich zu machen. So sollen auch Menschen mit niedrigerem Einkommen leichter eine Wohnung am freien Markt finden. Für Bezieher der Mindestsicherung sollten finanzielle Leistungen vorgesehen werden, die helfen, angemessene Wohnkosten zu decken.

SPENDENKONTO
Caritas, Kennwort „Inlandshilfe“,
IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560