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Zeitgeschichte
10/07/2021

"Ich bin Masochist. Ich fahre gerne nach Wien"

Ella Zwieback und ihr Kaufhaus waren ein Stück mondäne Weltläufigkeit in Wien. 1938 wurde sie enteignet. Ihr Enkel, der Schauspieler August Zirner, wirft Wien mangelnde Erinnerungskultur vor.

von Barbara Mader

Das Aufarbeiten von Geschichte ist Schwerarbeit. Man muss es wollen. In Österreich, sagt August Zirner, sei die Aufarbeitung nicht gelungen. Und er setzt hinzu: „Ich bin Österreicher. Ich darf das sagen.“

Der Schauspieler und Musiker August Zirner, geboren 1956 in den USA als Kind jüdischer Emigranten, hat mit seiner Tochter Ana Zirner ein Buch über die Familiengeschichte geschrieben. Über seine Mutter, Laura Zirner, Wiener Jüdin, die 1938 über Kanada in die USA flüchten konnte und über seine Großmutter Ella Zwieback, ehemalige Besitzerin des legendären Kaufhauses Zwieback auf der Kärntner Straße. „Ella und Laura“ ist einerseits die persönliche Geschichte zweier ungewöhnlicher Frauenleben, andererseits Zeugnis des zweifelhaften Umgangs mit Vergangenheit. Eine, wenn man so will, typisch Wienerische Geschichte.

Das Buch: Ana Zirner und August Zirner beginnen etwa zeitgleich damit, sich für die Geschichten ihrer Großmütter zu interessieren. Sie blicken nach Wien, in die Zeit zwischen den Weltkriegen. Augusts Großmutter Ella Zirner-Zwieback leitet das noble Modekaufhaus »Maison Zwieback« in der Kärntnerstraße. Sie gilt als Grande Dame des Wiener Großbürgertums. Gleichzeitig lebt dort das Mädchen Laura Wärndorfer. Die Stoffe der Spinnerei von Lauras Vater werden in Ellas Kaufhaus verarbeitet. Doch die beiden begegnen einander erst später, im Jahr 1942 in New York.

Die Autoren: Ana Zirner, geboren 1983, ist Autorin und Bergsportlerin, nachdem sie als Film- und Theaterregisseurin sowie als Kulturmanagerin tätig war. August Zirner, geboren 1956, ist Schauspieler und Musiker. Als Kind österreichischer Emigranten jüdischer Herkunft kam er in den Vereinigten Staaten zur Welt, seit 1973 lebt er in Europa. Er hat in über 140 Filmproduktionen mitgewirkt. Acht Jahre lang war er an den Münchner Kammerspielen, außerdem am Schauspielhaus Zürich und am Burgtheater in Wien.

Buchpräsentation
Ana Zirner und August Zirner präsentieren „Ella und Laura“ am  24. Oktober um 11 Uhr im  Theater in der Josefstadt. Info:
josefstadt.org

Lesung
Am 9. November, 20 Uhr, wird August Zirner mit Sven Faller im Musikverein mehr zu seiner Lebensgeschichte erzählen. Info: musikverein.at

Sie soll eine einflussreiche, gefürchtete Geschäftsfrau gewesen sein. Ella Zirner-Zwieback war innovativ und extravagant, ihr Modesalon, französisch Maison bezeichnet, war eine Institution und ein Symbol damaliger Wiener Weltläufigkeit.

Von 1906 bis 1938 leitete Ella Zwieback das von ihrem Vater gegründete mondäne Kaufhaus, 1924 eröffnete sie ein daran angeschlossenes elegantes Café in der Weihburggasse, gebaut nach ihren Entwürfen sowie nach den Plänen des Architekten Friedrich Ohmann.

Ella Zwieback wurde als Jüdin 1938 von den Nazis enteignet und genötigt, die Konzession für ihr Café zurücklegen – zugunsten des Berliner Gastronomen Otto Horcher, dem man gute Kontakte zum NS-Regime nachsagte. Zuvor hatten sich drei Offiziere in der Immobilie eingemietet und anstelle des Café Zwieback das Restaurant „Zu den Drei Husaren“ gegründet. Anders als den meisten österreichischen Juden gelang Ella Zwieback gemeinsam mit ihrem Sohn Ludwig die Flucht nach Amerika. 1970 starb sie in New York.

An den ehemaligen Modesalon Zwieback auf der Kärntner Straße erinnert heute nichts mehr. Touristen gehen ein und aus, Mozartkugeln und Sisi-Souvenirs werden verkauft, die frühere Weltläufigkeit darf man sich nun im Apple Store imaginieren. Im ehemaligen Kaffeehaus Zwieback eröffnete 2017 das Café Sluka, dessen Stammhaus sich neben dem Rathaus befindet.

Erst bei der Renovierung wurden die Räume des ursprünglichen Café Zwieback wieder entdeckt. Der Gastraum der „Drei Husaren“ war Jahrzehnte zuvor durch eingesetzte Wände und eine niedrigere Decke verkleinert worden, angeblich, um Heizkosten zu sparen. Das Jugendstilcafé war vergessen.

Viel von der ursprünglichen Architektur ist allerdings auch heute nicht zu sehen. Trotz des Postulates, man wolle „Altes erhalten, Neues kreieren“. Beim lapidaren Hinweis auf die „wechselhafte Stadtgeschichte und ihrer Bewohner“ findet sich immerhin der Name Zwieback wieder. An den Wänden hat man die Jugendstillettern „Zwieback“ übermalt.

Ein Gerichtskrimi

Ella Zwieback kämpfte nach dem Krieg sechs Jahre darum, die Konzession für ihr Café wieder zu bekommen. Vergebens. Die Wiener Nachkriegsjustiz fand immer wieder Gründe, sie nicht mehr zurückzugeben. Die Gerichtsakten, schreibt August Zirner, lesen sich „wie ein Krimi“.

Zirner, der seine Jugend in den USA verbrachte, hat in Wien am Reinhardt Seminar studiert. Dass seine Mutter Laura nach allem, was seiner Familie widerfahren ist, später nach Wien zurückkehrte, ist für ihn persönlich schwer zu begreifen. Was damals genau passiert ist, hat er erst spät erfahren.

„Das ist ein typisches Merkmal meiner Generation. Wir sind Kinder von Tätern und Opfern. Im Jahr 1996, während der Proben zum Film ,Der Fall Furtwängler’ (Stardirigent, der Karriere im Dritten Reich machte, Anm.), bin ich in eine regelrechte Erkenntniskrise geraten,“ sagt Zirner im Gespräch mit dem KURIER. Wien sei zwar eine Kulturstadt, ihr fehle es jedoch an Erinnerungskultur.

Das ehemalige Café seiner Großmutter hat Zirner zweimal besucht. „Ich werde aus Selbsterhaltungstrieb nicht mehr dort hingehen. Wegen des neureichen Ambientes, der geschmacksfreien, fremdenverkehrsorientierten Art der Restaurierung, der Geschmacklosigkeit des Lokals – die nichts mit den ursprünglichen Architekten, sondern mit der Unfähigkeit des Denkmalamtes zu tun hat.“

Neurotische Liebe

Bereits vor zehn Jahren hat Zirner im Interview mit dem Profil auf die Geschichte des Hauses Zwieback aufmerksam gemacht. Noch 2010 war in der Speisekarte der „Drei Husaren“ zu lesen, Göring-Intimus Otto Horcher habe „1938 freundlicherweise den Betrieb übernommen“. Er habe, sagt Zirner, danach keine einzige Rückmeldung bekommen. „Null Reaktion weder aus der Politik noch aus der Wirtschaft noch aus dem Kreis der Kulturschaffenden noch von Architekten noch vom Denkmalamt. Schweigen im Walde Österreichs, im Wienerwald.“

Zirners emotionales Verhältnis zu Wien ist trotz seiner Wiener Wurzeln durchwachsen. „Ich habe tiefe Erinnerungen an den Wiener Dialekt meines Vaters. Ich habe eine große Liebe zu Schnitzler, ich habe eine gespaltene Liebe zu Hofmannsthal, ich bin Kulturösterreicher. Hans Weigel war ein Jugendfreund meines Vaters, er saß neben ihm auf der Schulbank. Er hat sich sehr bemüht, meinen Vater nach dem Krieg wieder nach Österreich zu bringen, es ist ihm nicht gelungen, weil mein Vater das nicht wollte. Weigel sagte zu ihm: Wenn man Wien lieben will, muss man es hassen. Ich habe keine Hassliebe, aber ich habe eine neurotische Liebe zu Wien.“ Er ergänzt: „Ich bin ja Masochist. Ich fahre gerne nach Wien.“

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