Chronik | Österreich
17.03.2018

Hokuspokus im Spital: Von Wellen bis Wünschelruten

Zur energetischen Reinigung des Krankenhauses Nord werden immer mehr Details bekannt. Nicht nur das Wiener Spital setzt auf alternative Methoden.

Nach Bekanntwerden der unkonventionellen "energetischen Reinigung" des Krankenhauses Nord ist der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Am Freitag weitete er die Untersuchung des Falls auf zwei weitere Personen aus: Den Stellvertreter jener Programmleiterin, die den Auftrag unterzeichnete und bereits von ihrer Funktion entbunden wurde, sowie eine weitere Person aus dem Krankenhaus Nord-Team. Indes werden immer mehr Details über den dubiosen Auftragnehmer bekannt. Und: Derartige Praktiken sind auch in anderen Spitälern weiter verbreitet, als man annehmen würde.

Wie berichtet, sollte der selbst ernannte "Bewusstseinsforscher" Christoph Fasching auf der KH-Nord-Baustelle unter anderem "Energieflüsse reinigen". Kostenpunkt: 95.000 Euro. Ob auch weitere Personen aus dem KH-Nord-Team von seinem Schaffen wussten, wollte der KAV am Freitag nicht weiter kommentieren. Man könne der internen Untersuchung nicht vorgreifen, sagt eine Sprecherin. KAV-Direktor Herwig Wetzlinger habe den Auftrag jedenfalls nicht unterschrieben, da er unter 100.000 Euro lag, er hätte ihn auch nicht erteilt. Das Anbot von Fasching sei vom Oktober 2017, Wetzlinger wurde erst am 13. November bestellt. Die Problematik des Auftrags liege jedenfalls im Inhalt, unabhängig von der Auftragssumme.

Schwingungen

Fest steht, dass sich der KAV aber auch in anderen Häusern um eine positive Aura bemüht. Bereits Anfang der 2000er Jahre wurden etwa im Otto-Wagner-Spital, in der KAV-Generaldirektion und anderen Häusern sogenannte Metallwellen der Firma Geo Waves "zur Stärkung der körpereigenen Energie, zur Steigerung der Raumqualität und zur Harmonisierung von geopathischen Störzonen" montiert. Laut Firmen-Sprecher Markus Mayer wirken die Geräte "gegen Wasseradern, Erdverwerfungen und magnetische Felder". Untersuchungen mit der Wünschelrute würden gute Ergebnisse zeigen.

Zahlreiche Kunden

Im Landeskrankenhaus Salzburg wurden vor rund 15 Jahren ebenfalls zwei bis drei Dutzend dieser Metallwellen unter der damaligen ärztlichen Leitung von Gernot Pauser installiert. Er steht noch heute dazu: "Es besteht ein Unterschied zu dem esoterischen Klumpert vom KH Nord. Die Metallwellen wurden wissenschaftlich getestet und haben nachweislich zum Wohlbefinden der Patienten beigetragen." Schulmediziner müssten komplementären Methoden gegenüber offener sein, sagt Pauser.

Zu den Kunden von Geo Waves zählen auch Magistrate, Landesregierungen, Finanzämter, namhafte Firmen und Private. Die aktuelle KAV-Führung distanziert sich von derartigen Produkten und der behaupteten Wirkung, wie eine Sprecherin mitteilt. Ebenso wie das Salzburger Krankenhaus. Trotzdem sind einige Geräte noch immer im Einsatz.

Wünschelruten in der Schule

Bei Bürgermeistern, Architekten und Bauherren sind auch Wünschelruten-Spezialisten gefragt. Der Geobiologe Hans Janisch etwa wird regelmäßig von Bürgermeistern beauftragt, um Schulen auszutesten, damit Schüler wissen, wo sie sitzen können. Für Architekten und Bauherren testet Janisch Grundstücke auf Wasseradern aus, um etwa Schlafzimmer richtig zu platzieren. Die Asfinag hatte 2003 ebenfalls derartige Wünschelrutengeher im Einsatz, um Unfallstellen zu entschärfen. Dabei hätten aber nur die "marginalen Kosten für das Material übernommen werden müssen", sagte damals Vorstandsdirektor Franz Lückler.

Der Auftragnehmer des KH Nord, Christoph Fasching, war in der Vergangenheit jedenfalls äußerst umtriebig. Der Ex-Autohändler ist etwa bei der Bundesstelle für Sektenfragen kein Unbekannter – spätestens seit 2012. Damals befasste er sich intensiv mit dem "magischen Datum" 21. Dezember, an dem laut dem Maja-Kalender die Welt untergehen sollte; oder sich, wie es sogenannte "Lichtarbeiter" formulierten, ein "tief greifender Wandel" ereignen würde. Fasching hielt etwa Vorträge, wie man sich am besten auf das Datum und danach vorbereiten solle.

Kein Gewerbeschein

Harsche Kritik an Fasching übt Branchenvertreter Wolfgang Jaspers von der Wiener Wirtschaftskammer. Tätigkeiten wie für den KAV würde kein "seriöser Raumenergetiker" erbringen, sagt er. Fasching habe für diese Profession keine Berechtigung: "Er hat keinen Gewerbeschein." Das bestätigt ein Blick auf Faschings Website: Dort ist er lediglich als Unternehmensberater ausgewiesen.

Fasching selbst will sich nicht zum KAV-Auftrag äußern. "Ich war als Unternehmensberater tätig, unterliege der Schweigepflicht und kann keine Stellungnahme abgeben", sagt er zum KURIER. Auch zu anderen Auftraggebern gibt er keine Auskunft. "Ich bin für viele Menschen im Einsatz, die meine Arbeit schätzen", sagt er nur.

Energetik: So schützt man sich vor unseriösen Angeboten

Die Psychologin und Psychotherapeutin Ulrike Schiesser ist Mitarbeiterin der Bundesstelle für Sektenfragen.

KURIER: Frau Schiesser, was ist ein Energetiker eigentlich?

Ulrike Schiesser:Energetiker arbeiten mit Energien, die nicht sichtbar nachweisbar sind. Wären sie nachweisbar, wären es Stromtechniker.

Werden Energetiker häufig von öffentlichen Einrichtungen oder Firmen engagiert ? Welcher Sinn steckt dahinter?

Im privaten Sektor ist das viel häufiger, besonders bei Klein- und Familienbetrieben. Im öffentlichen Sektor ist es seltener. Energetische oder esoterische Beratungen sind keine Frage der Bildung, das findet man bis in Manager-Etagen. Gerade Menschen in Entscheidungspositionen stehen unter großem Druck, ihre Arbeit gut zu machen. Sie suchen daher gerne Absicherungen auf einer anderen Ebene.

Was erwarten sich die Menschen von Energetikern?

Die Welt ist komplex geworden. Die Menschen suchen klare Aussagen und Eingrenzungen. Viele fühlen sich unsicher und trauen weder Politik noch Wissenschaft. Die gesamte Esoterikszene vermittelt soziale Sicherheit. Das kann heute niemand mehr bieten, weder Politik noch Wirtschaftssysteme. Durch Energetiker bekommen sie Zuwendung und Erklärungen. Dazu haben die großen Religionen an Attraktivität verloren, nach einem Sinn suchen die Menschen aber dennoch.

Und warum werden umgekehrt so viele Menschen Energetiker?

Dahinter steckt ein großer Markt und finanzielle Interessen, das wird oft unterschätzt. Energetiker zu werden, ist für viele sehr attraktiv und die Szene ist bunt. Es gibt darunter Menschen mit der Sehnsucht, anderen zu helfen, da es im medizinischen und psychologischen Bereich zu Recht hohe Zugangshürden gibt. Für diese Quereinsteiger ist der Gewerbeschein eine Möglichkeit. Es gibt aber auch Narzissten, die Publikum suchen und sich gerne als Guru aufspielen wollen. Das kann problematisch werden.

Gibt es Kriterien, um die Angebote einzuordnen?

Je simpler eine Lösung ist, desto misstrauischer sollte man sein. Ebenso, wenn vom Besuch bei Fachleuten (Bank, Arzt ...) abgeraten wird und hohe Honorare ohne Rechnung verlangt werden. Wenn jemand autoritär auftritt und vorschreibt, wie man zu leben hat – oft bis zum Sexualleben – ist Vorsicht geboten. Das ist ein Gegensatz zu einem guten Therapeuten, der stützt und zu eigenen Entscheidungen anregt.

Energetik – vom Mensch bis zum Tier

Wer Energetiker werden will, muss einen Gewerbeschein bei der Gewerbebehörde für dieses sogenannte "freie Gewerbe" beantragen. Aber hinter den Kulissen ist es nicht ganz so einfach. Denn das Gebiet der Energetik teilt sich in drei Sparten: Humanenergetik, Raumenergetik sowie Tierenergetik.

Für Humanenergetiker – also alle, die mit Menschen arbeiten – fungiert in der Wirtschaftskammer der Fachverband der freien Dienstnehmer als Standesvertretung. Die Dienstleistung wird offiziell als "Hilfestellung zur Erreichung einer körperlichen, seelischen und energetischen Ausgeglichenheit" definiert, erklärt Leiter Thomas Kirchner. Energetiker sind allerdings nicht zur Ausübung von medizinischen Tätigkeiten und Handlungen berechtigt – als Therapeuten dürfen sie sich daher nicht bezeichnen. "Es gibt zwar Ausbildungen von diversen Anbietern, für die Lösung eines Gewerbescheins ist sind diese aber nicht erforderlich".

Anwenden dürfen sie aber ein recht breites Portfolio an wissenschaftlich nicht anerkannten, alternativen Methoden. Laut Methodenkatalog sind es mehr als 100. Dazu zählen etwa Bachblüten. Der Arzt Edward Bach (1886–1936) sah Krankheiten als Folge von seelischen Störungen, 37 Essenzen sollen diese harmonisieren. Ebenso erlaubt sind Anwendungen mit Licht und Düften, Edelsteinen, Aromaölen oder Aura-Interpretationen. Als Aura definieren die Anwender ein Energiefeld, das jedes Lebewesen umgibt. Durch Blockaden oder Belastungen kann es gestört sein. Ebenso darf Biofeedback oder Bioresonanz angewendet werden, die ebenso medizinisch nicht anerkannt sind.

Beim Teilgebiet der Raumenergetik steht die Harmonisierung der Energie des Wohn- und Arbeitsumfelds im Fokus. Die bekannteste dabei angewendete Methode ist wahrscheinlich das aus Asien stammende Feng Shui. Doch auch Radiästhesie (Strahlenfühligkeit)oder Geomantie kommen vor.

Bei der Tierenergetik geht es – ebenso wie beim Menschen – um Harmonisierung von Ungleichgewicht. Verwendet werden dafür unter anderem Blütenessenzen, aber auch sogenannte Schwingungsharmonisierungen.

Das Kunstwort Energethiker setzt sich aus "Energetiker" und "Ethik" zusammen. Damit betonen die Vertreter den Ethikaspekt ihrer Arbeit.