Das Zementwerk steht im Fokus der Ermittlungen.

© APA/GERT EGGENBERGER

HCB
12/02/2014

Blaukalk: Hinweis auf Schwarzhandel

Umweltskandal: Drei weitere Milchproben positiv getestet.

von Thomas Martinz

Im Skandal um das von Hexachlorbenzol-Emissionen betroffene Kärntner Görtschitztal erhärtet sich der Eindruck, dass nur die Spitze des Eisbergs bekannt ist. In drei weiteren Rohmilchproben wurde der Grenzwert deutlich überschritten; Landes-Umweltreferent Rolf Holub (Grüne) äußerte am Dienstag den Verdacht, dass es im Tal möglicherweise einen Schwarzhandel mit belastetem Blaukalk gebe.

Holub kündigte eine Sonder-Umweltprüfung des Donau-Chemie-Werks in Brückl an. Der Blaukalk, der im Wietersdorfer Zementwerk offenbar mit zu geringer Temperatur verbrannt wurde, stammt aus der nur wenige Kilometer entfernten Deponie des selben Unternehmens. Holub zitierte am Dienstag aus einem eMail eines Landwirts, wonach dieser Blaukalk gekauft habe. Er soll billiger als handelsüblicher Kalkdünger gewesen sein. „Dem werden wir nachgehen. Im Rahmen der Sonderprüfung werden wir noch ganz andere Sachen finden“, kündigt Holub an.

Gefunden hat man inzwischen neuerlich das Umweltgift HCB in diversen Rohmilchproben: In drei Fällen wurde der Grenzwert von 0,01 Milligramm pro Kilogramm Milch deutlich überschritten, in zehn Fällen war er im Grenzbereich. 13 Betriebe stehen weiterhin unter Beobachtung.

Keine Schulmilch

Für zusätzliche Verunsicherung sorgte am Dienstag ein Schreiben, das Eltern von Klagenfurter Kindergarten- und Schulkindern erhielten. Demnach wird dort ab sofort die Schulmilch der Görtschitztaler Firma „Sonnenalm“ nicht mehr verteilt. „Frau Vizebürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz hat die Ausgabe von Molkereiprodukten der Firma Sonnenalm bis auf Weiteres untersagt“, heißt es im Schreiben. Wie die Nicht-Abgabe abgerechnet werde, sei noch unklar.

„Die Milch ist sicher in Ordnung, aber bisher fehlt die Auswertung von zwei Proben. So lange nicht alle Ergebnisse vorliegen, wird die Milch nicht ausgegeben“, sagt die Gesundheits- und Schulreferentin der Stadt im KURIER-Gespräch. Die Versorgung werde in der Zwischenzeit durch eine andere Milchfirma garantiert, erklärt Mathiaschitz weiter. Die Firma „Sonnenalm“ hat stets betont, dass in ihrem Betrieb nur Milch verarbeitet werde, die von einem unabhängigen, akkreditierten Labor untersucht worden und frei von HCB sei.

Der Kärntner Landtag hat unterdessen einstimmig die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zum Umwelt-Skandal beschlossen. Dieser wird zwölf Mitglieder haben und alle Landtagsparteien werden darin vertreten sein.

Politik gibt in Milchskandal "leichte Entwarnung"

Alle Werte gehen in Richtung Beruhigung", versichert Albert Kreiner von der Kärntner Landesregierung. So sehr, dass einige der 35 vom Lieferverbot betroffenen Landwirte bald wieder Milch an die Molkereien abgeben dürfen. Es wurden ja angeblich bisher bis zu 10.000 Liter pro Tag in einer Müllverbrennungsanlage vernichtet. Bis Donnerstag werden weitere Testergebnisse erwartet.

Wie berichtet, wurden in Milchproben aus dem Görtschitztal in Kärnten auffällige Werte von giftigem Hexachlorbenzol (HCB) entdeckt. Die Testergebnisse von vier Rohmilch-Einzelproben vom 24. November zeigten jedoch einen überschrittenen Grenzwert.

Obst und Gemüse

Agrarlandesrat Christian Benger, ÖVP, ging damit an die Öffentlichkeit: Bewohnern der Region wurde geraten, Obst und Gemüse aus den eigenen Gärten nicht zu verzehren; Bauern durften zwar Vieh schlachten, doch das Fleisch nicht verkaufen. Das Land ließ bei Gemüse, Obst und Fleisch Proben ziehen, doch diese Ergebnisse dürften frühestens in einer Woche vorliegen.

Tests von Trinkwasser und Erde zeigten bisher keine Überschreitungen, aber: Laut Kreiner gibt es für HCB im Boden in Österreich gar keinen festgesetzten Grenzwert. Für Milch gelten unterschiedliche Werte: Normale Milch habe eine Toleranz von 0,01 Mikrogramm, bei Biomilch dagegen müsse der Wert bei Null liegen.

Darin dürfte das Problem auf behördlicher Ebene gelegen haben: Während einige Abteilungen von Auffälligkeiten wussten, waren andere nicht informiert. SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser beruhigt: "Es gibt leichte Entwarnung. Die Gefährdung ist am Abklingen, die Maßnahmen zeigen Wirkung."

Dazu zählt vermutlich auch das Abfangen von Rohmilch bereits seit Frühherbst: Zumindest solange schon wurde Rohmilch verbrannt. "Die Landwirte sind von uns schon lange alarmiert worden, nur war uns die Quelle des HCB nicht bekannt", schildert Experte Kreiner. Die steht mittlerweile fest: Die Geschäftsführung eines Zementwerkes gab zu, Blaukalk nicht heiß genug verbrannt und dadurch das HCB freigesetzt zu haben. Seit 7. November ist das unterbunden.

Volksanwalt prüft

Doch längst hat der HCB-Skandal eine höhere Ebene erreicht: Die Volksanwaltschaft prüft aber nicht nur Kärnten. "Ich will vom Umweltminister wissen, wer was wann wusste und welche Kontrollen durchgeführt wurden", begründet Volksanwalt Peter Fichtenbauer eine entsprechende Anfrage an ÖVP-Minister Andrä Rupprechter (siehe unten). Außerdem würde analysiert, ob "behördliches Versagen" betreffend Kontroll- und Sicherheitsvorkehrungen vorliege.

Volksanwaltschaft will HCB-Skandal prüfen

Die Volksanwaltschaft schaltet sich nun in den Kärntner Umweltskandal ein. Nachdem HCB (Hexachlorbenzol) in Milch- und Futtermittelproben im Kärntner Görtschnitztal gefunden wurde, leitet Volksanwalt Peter Fichtenbauer eine amtswegige Prüfung des Falles ein. Seit Samstag steht fest, dass in Futtermittel von acht Betrieben erhöhte Werte des hochgiftigen und krebserregenden Stoffes vorhanden sind. Der Volksanwalt kündigte für die kommenden Tage eine Anfrage an den Umweltminister an.

Hexachlorbenzol (HCB) wurde bis zu seinem im Jahr 2004 international durchgesetzten Verbot als Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft eingesetzt. Bei der Verbrennung des HCB-belasteten Blaukalks dürfte im Wietersdorfer Zementwerk nicht ordnungsgemäß gearbeitet worden sein, räumte die Geschäftsführung selbst ein. Seit Sommer 2012 wird in Klein St. Paul mit behördlicher Genehmigung Blaukalk aus einer Deponie der Donau Chemie verarbeitet. Das Projekt zur "Altlastensanierung" wurde finanziell großzügig unterstützt: 15 Millionen Euro schoss die Donau Chemie zu, 25 Millionen der Altlastensanierungsfonds des Bundes. „Wie nach einer derartig gut erforschten, lang vorbereiteten und hoch subventionierten Sanierung nach dem Altlastengesetz, ein hochgefährliches Umweltgift aufs Neue freigesetzt werden konnte, werden wir ganz genau prüfen“, sagt Volksanwalt Fichtenbauer.

Systematische Analyse

„Ich will vom zuständigen Umweltminister wissen, wer, was, wann wusste und welche Kontrollen durchgeführt wurden. Vor allem aber werden wir die vorgeschriebenen Kontroll- und Sicherheitsvorkehrungen systematisch analysieren, um beurteilen zu können, ob ein behördliches Versagen vorliegt und ob die Sicherheiten zum Schutz der Bevölkerung im Umweltrecht streng genug sind“, sagt Fichtenbauer.

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