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Chronik Österreich
02/03/2019

Geschichte eines verlorenen Mädchens

Einst wurde sie verprügelt, jetzt schlägt die 16-jährige Veronika aus Wien selbst zu

von Michaela Reibenwein

Veronika (Name geändert, Anm.) ist erst 16 geworden. Sie zwirbelt ihre selbst geschnittenen Stirnfransen, wischt an ihrem Smartphone herum, schaut genervt in die Luft. Dass sie gerade als Angeklagte im Landesgericht für Strafsachen sitzt, beeindruckt die Wienerin wenig. Veronika hat ein Mädchen geschlagen. Bei einer Rauferei unter mehreren Männern trat sie auch auf einen ein.

Sie haben gelacht

Vor zwei Jahren präsentierte sich Veronika noch ganz anders. Das Gesicht des Mädchens war verschwollen. Veronika hatte mehrere Prellungen im Gesicht. „Sie haben gelacht, als sie mich geschlagen haben“, erzählte die damals 14-Jährige dem KURIER. „Sie“ – das waren die Mitglieder jener Jugendbande, die kurz zuvor durch ein Prügelvideo vor dem Wiener Donauzentrum bekannt wurde. Auch hier wurde ein Mädchen verprügelt, das Video wurde millionenfach im Netz angeklickt. Anführerin war ein 15-jähriges Mädchen aus dem niederösterreichischen Waldviertel (siehe Zusatzbericht).

Zwei Jahre und zwei Monate später sitzt Veronika als Angeklagte vor der Richterin und lacht. Die Polizei musste die junge Frau vorführen. Zum ersten Prozesstermin kam sie einfach nicht. „Keine Ahnung warum“, sagt sie und verzieht das Gesicht.

Veronika ist alleine hier. Die Eltern haben sie nicht begleitet. „Triste Verhältnisse“, nennt ihre Rechtsanwältin die Familienverhältnisse. „Sie wurde sozial vernachlässigt, ist zerrissen und hilflos.“ Das Mädchen wächst in einer Problemgegend Wiens auf. Veronika trinkt viel. Zwei, drei Flaschen Wodka mit den Freunden täglich – das ist für sie normal, erzählt sie ohne Umschweife. Als die Richterin nachfragt, reagiert Veronika patzig. „Entschuldige, ich trinke immer. Wenn ich heute mit dem Gericht fertig bin, gehe ich auch trinken.“ Die Mutter würde ihr zwar „10.000-mal am Tag“ sagen, dass sie nicht so viel trinken soll. „Aber ich hör nicht auf sie.“ Veronika verdreht die Augen.

Schlafen bis Mittag

Ausbildung hat Veronika keine. Sie hatte einen Termin beim AMS. Den verschlief sie. „Ich schlafe meistens bis Mittag“, sagt sie frei heraus. „Danach treff’ ich mich mit Freunden.“ Eine Psychologin stellte fest, dass sie sehr kindlich wirke. Wenn ihr das Gegenüber nicht gefällt oder Alkohol im Spiel ist, würde das aber schnell in Aggression umschlagen.

Das Mädchen ist vom Opfer zur Täterin geworden. Am Praterstern verpasste sie einem Mädchen mehrere Faustschläge. Warum? „Sie hat mich Schlampe genannt“, sagt sie mit einem Akzent, der auf einen Migrationshintergrund schließen lässt. Manchmal lässt sie Wörter einfach weg. Veronika hat keinen Migrationshintergrund. Sie hat sich den Straßensprech der Gruppe angeeignet, mit der sie ihre Freizeit verbringt.

Bei einer anderen Auseinandersetzung, bei der sie mit zwei Männern ein Männer-Duo schwer verletzte, stellte sie sich in den Weg und trat auf einen der beiden ein. „Ich weiß nur, dass ich zwei Flaschen geworfen habe. Dann hat mich einer beschimpft.“ Genau kann sie sich nicht erinnern. „Ich war so betrunken.“

Die Richterin verurteilt das Mädchen zu sechs Wochen bedingter Haft. Außerdem bekommt sie Bewährungshilfe. „Pfff“, faucht die 16-Jährige und wirft die Arme in die Höhe.

Wie es mit ihr weitergehen soll, fragt die Richterin. „Ich mache den Hauptschulabschluss nach“, erzählt sie. „Wenn Sie so viel trinken, wird das nicht funktionieren“, gibt ihr die Richterin zu bedenken. Das sieht Veronika nicht ein. „Warum?“

Zwei Wochen später hat Veronika wieder einen Gerichtstermin. Diesmal wegen unerlaubten Umgangs mit Suchtmitteln. Diesmal wird sie zu zwei Monaten bedingter Haft verurteilt.

Gewaltvideo sorgte für Aufsehen

Am 9. November 2016 entstand jenes Video, das mehrere Wochen lang durch das Internet geisterte: Darauf umringte eine Gruppe Jugendlicher die damals 15-jährige Patricia vor dem Wiener Donauzentrum und schlug nacheinander auf sie ein. „Mach mich stolz, Schatz“, feuerte ein Mädchen ihren Freund an. Das Video davon wurde  millionenfach im Internet geklickt.

Das Opfer konnte sich danach zwei Monate lang nur flüssig ernähren. Im Februar 2017 musste sich Rädelsführerin Leonie mit zwei weiteren Mädchen und drei Burschen  vor Gericht verantworten. Leonie   wurde  zu 18 Monaten Haft, sechs davon unbedingt, verurteilt. Im vergangenen November gab es  für  Leonie  erneut drei Monaten  Haft. Auch diesmal wegen Körperverletzung.

 

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