Chronik | Österreich
27.08.2017

Bergsteiger bei Umkehr aus Angst abgestürzt: Fünf Tote

Die Gruppe aus Bayern rutschte am Wildgerloskees auf dem Gletschereis aus und stürzte in Spalte.

Die durch den heißen Sommer schneefreien und daher besonders glatten Eisflächen der heimischen Gletscher sind am Sonntag einer Bergsteiger-Gruppe aus Bayern im Wildgerlostal im Salzburger Oberpinzgau zum Verhängnis geworden. Die Gruppe war nach der Übernachtung auf der Zittauer Hütte am Vormittag gerade dabei, über das Wildgerloskees auf den Gipfel des Gabler in 3263 Meter Höhe zu steigen, als einer der Männer unterhalb der Mannlkarscharte den Halt verloren haben dürfte. Die Hangneigung beträgt dort etwa 40 Grad.

"Es hat alle auf dem blanken Eis in die Tiefe gerissen", sagte Maria Riedler, Sprecherin der Salzburger Bergrettung. Die sechs Alpinisten seien zunächst über einen Felsvorsprung gefallen und 200 Meter weiter unten in einer Gletscherspalte zu liegen gekommen.

Eine weitere Seilschaft beobachtete rund 50 Meter oberhalb den Absturz und alarmierte um kurz nach zehn Uhr die Rettungskräfte. Die Zeugen des Unglücks gaben später bei ihrer Einvernahme durch die Alpinpolizei an, dass der Letzte in der Gruppe Angst bekommen habe und umdrehen wollte. Genau zu dem Zeitpunkt habe der an zweiter Stelle Gehende den Halt verloren.

Die Leitstelle des Roten Kreuzes schickte fünf Hubschrauber zur Unfallstelle. Bald war jedoch klar, dass nur einer der sechs Männer das Unglück überlebt hatte, schilderte Rot-Kreuz-Einsatzleiter Anton Voithofer.

"Einer hat sich beim Anflug der Hubschrauber noch bemerkbar gemacht. Er ist mit einem schweren Polytrauma ins Unfallkrankenhaus nach Salzburg gebracht worden", sagte Voithofer. Dort befand sich der Mann am frühen Sonntagabend in kritischem, aber stabilem Zustand. Laut dem Einsatzleiter soll die verunglückte Gruppe aus der Nähe von Altötting stammen.

Die Bergung der fünf tödlich verunglückten Kameraden zog sich über mehrere Stunden. Die Steinschlaggefahr und ein drohendes Gewitter erschwerten die Arbeiten. "Die Wetterverhältnisse sind momentan derart labil, dass wir einen zweiten Polizeihubschrauber anfordern mussten", sagte Martin Reichholf, der für die Bezirkshauptmannschaft Zell am See in Krimml war. Kurz vor 16 Uhr wurde der Abtransport der Leichen abgeschlossen.

Ein tödlicher Alpinunfall ereignete sich am Samstagnachmittag auch in Vals (Bezirk Innsbruck-Land). Ein 43-Jähriger war mit sechs weiteren Bergsteigern auf einer Klettertour auf den Fußstein unterwegs, als er das Gleichgewicht verlor und 200 Meter über die Nordwand in die Tiefe stürzte. Laut Polizei hatte der Mann zuvor versucht, seinen versehentlich umgestoßenen Rucksack festzuhalten.

Tödliche Bergunfälle in Österreich

Selbstüberschätzung, mangelhafte Ausrüstung und fehlende Erfahrung gelten bei Alpin-Experten als häufigste Ursachen von Bergunfällen in Österreich. Die Bergrettung bestreitet jedes Jahr tausende Einsätze, um Verletzte zu bergen. Im Jahr 2016 starben laut Kuratorium für Alpine Sicherheit 267 Menschen in Österreichs Bergen. In der Folge eine Auswahl an tödlichen Bergunfällen der vergangenen Jahre:

14. Mai 2000: Im Osttiroler Glocknergebiet ereignen sich in den Mittagsstunden gleich zwei Alpinunfälle. Ein 25-jähriger Mann überlebt im Bereich des "Ködnitz Kees" am Kleinglockner einen 500 Meter-Absturz nicht. Ein weiterer Bergsteiger wird bei einem Absturz im Bereich des "Eisleitl" schwer verletzt.

3. August 2001: In der Nähe der Kürsingerhütte im Obersulzbachtal im Gemeindegebiet von Neukirchen am Großvenediger (Pinzgau) geht eine Steinlawine nieder. Fünf Personen einer zehnköpfigen Wandergruppe werden von den Geröllmassen verschüttet - nur zwei können sich befreien.

30. Oktober 2005: Trotz Sonnenscheins wird das letzte Oktoberwochenende in Tirol von drei Bergunfällen mit tödlichem Ausgang überschattet. Ein vermisster Bayer wird nach einem Suchflug im Karwendelgebirge nur mehr leblos gefunden. Ebenfalls im Karwendelgebirge an der Ostwand des Sonnjochs stürzt ein zweiter Deutscher in den Tod, auf der Ackerlspitze am Wilden Kaiser kommt es zu einer dritten Bergtragödie.

30. Juli 2006: Ein 43-jähriger Tscheche stürzt am Hochgruber-Kees in der Glocknergruppe auf rund 3.000 Metern in eine 25 bis 30 Meter tiefe Gletscherspalte, wird von Bergrettung und Alpinpolizei geborgen und ins Tal geflogen. Vom zuständigen Sprengelarzt kann allerdings nur noch der Tod durch Genick- und Schädelbasisbruch festgestellt werden.

4. November 2010: Der Aufstieg einer fünfköpfigen Bergsteigergruppe aus Polen auf den 3.798 Meter hohen Großglockner fordert drei Todesopfer. Die Leichen zweier Alpinisten werden in 2.600 Metern Höhe auf der Kärntner Seite des Massivs gefunden, ein weiterer Mann wird fast 1.000 Höhenmeter weiter oben von Bergrettern tot aufgefunden. Zwei weitere Kameraden überstehen den Aufstieg unbeschadet.

1. Oktober 2011: Einsatzkräfte von Alpinpolizei und Bergrettung finden zwei steirische Kletterer, die bei einem Absturz aus der Dachstein-Südwand ums Leben gekommen sind. Einer der Kletterer dürfte im Vorstieg gestürzt sein und durch sein Gewicht die Sicherungshaken ausgerissen haben. Sein Kollege wird daraufhin mit in den Tod gerissen.

30. April 2012: Ein 35 Jahre alter Slowake stürzt am Großvenediger in Osttirol rund 40 Meter in eine Gletscherspalte. Bei der Bergung des Leichnams kommt es zu Komplikationen, auch ein Alpinpolizist verliert dabei sein Leben.

27. Juli 2012: Ein Ehepaar aus Wien wird im Gebiet des Trattbergs (1.757 Meter) in der Osterhorngruppe im Salzburger Tennengau tot aufgefunden. Es wird vermutet, dass der Mann und die Frau - beide bereits um die 70 Jahre alt - über einen Weidezaun kletterten, um Fotos zu machen.

16. Juli 2013: Zwei tagelang vermisste Bergsteiger werden bei einer Suchaktion in den Zillertaler Alpen in einer Gletscher-Querspalte tot aufgefunden. Der 41-jährige Bergführer aus dem Zillertal und der deutsche Urlauber kehren von einer Tour auf den 3.379 Meter hohen Großen Löffler nicht mehr zurück.

30. September 2014: Ein Bergdrama am Großglockner in Osttirol fordert zwei Todesopfer. Die beiden Alpinisten aus Kärnten stürzen rund 400 Meter über steiles und felsendurchsetztes Gelände in die Tiefe. Während einer der Bergsteiger (49) sofort tot ist, erliegt sein 56-jähriger Begleiter im Krankenhaus in Lienz seinen schweren Verletzungen.

19. Oktober 2014: Ein 36 Jahre alter Vater und sein dreijähriger Sohn kommen bei einem Familienausflug auf der Hohen Wand in Niederösterreich ums Leben. Die vierköpfige Familie will nach Oberhöflein absteigen. Der fünfjährige Sohn der Familie schlüpft unter einem Seilgeländer durch und stürzt über einen steilen Felsabbruch ab. Der Vater will noch nach dem Kind greifen. Dabei verliert er das Gleichgewicht und stürzt mit dem Dreijährigen, der sich in einer Rückentrage befindet, über steiles Gelände etwa 150 Meter ab. Für den 36-Jährigen und den jüngeren Sohn der Familie kommt jede Hilfe zu spät, der Fünfjährige wird schwer verletzt.

2. Juli 2015: Ein Alpinunfall auf der Rax im Gemeindegebiet von Reichenau in NÖ fordert zwei Tote. Bei den 27 und 37 Jahre alten Männern handelt es sich um eine tschechische Seilschaft. Das Unglück ereignet sich in der Preinerwand. Einer der Kletterer ist auf der Stelle tot, der zweite stirbt wenig später. Die Alpinisten sind "nicht technisch gesichert".

19. März 2016: Bei einem Bergunglück in Going (Bezirk Kitzbühel) kommen ein 22 Jahre alter Deutscher und sein 53-jähriger Vater ums Leben. Der Vater will dem abgestürzten Sohn zu Hilfe kommen, verunfallt dann aber ebenfalls tödlich in der sogenannten Goinger Scharte (2.080 m) am Wilden Kaiser.

15. August 2017: Bei einem Bergunglück in den Schladminger Tauern kommen ein 75 Jahre alter Mann aus dem Bezirk Liezen und sein 36 Jahre alter Enkel ums Leben. Die beiden stürzen am Höchstein mehr als 60 Meter in eine steil abfallende Rinne. Die restliche Familie muss das Unglück mit ansehen.

27. August 2017: Fünf Tote und einen Schwerverletzten fordert ein Bergunfall unterhalb der Mannlkarscharte in der Reichenspitzgruppe in Krimml (Bezirk Zell am See).