Der "österreichische Pelicot": Betäubt, vergewaltigt und gefilmt

Männer, die ihre Partnerinnen oder Frauen aus dem Umfeld betäubt und vergewaltigt haben, stehen in mehreren Ländern vor Gericht. Auch in Österreich.
Deutscher Täter aus Aachen vor Gericht

Am Vormittag des 1. September 2025 öffnet sich im Verhandlungssaal 14 des Landesgerichts Korneuburg die Tür zu einem Prozess, dessen Details teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt werden. Auf der Anklagebank sitzt ein 42-jähriger Mann in hellblauem Poloshirt. Er trägt eine Brille und dunkles, kurz geschorenes Haar. Sein Auftreten ist unscheinbar, beinahe gewöhnlich – einer von vielen, denen man im Alltag begegnet. 

Ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft. Gerade das macht den Fall so verstörend. Er ist der „österreichische Pelicot“, so bezeichnen ihn zwei deutsche Journalistinnen, die für den Prozess angereist sind.

Der Mann, Markus S., soll seine Frau allerdings - im Gegensatz zu Dominique Pelicot - im Alleingang betäubt und vergewaltigt haben. Die dabei angefertigten Videos und Fotos soll er einem gleichgesinnten Chatpartner aus Deutschland geschickt haben. Anwältin Sonja Aziz vertritt das Opfer in diesem Fall: „Diese furchtbaren Taten haben das Leben meiner Mandantin mit voller Wucht durcheinander gebracht. Ihre Welt ist zerbrochen.“

Die beiden deutschen Journalistinnen

Die deutschen Journalistinnen Ströh und Beer

Die beiden deutschen Journalistinnen, Isabell Beer und Isabel Ströh, sind im weiteren Sinne dafür verantwortlich, dass der Niederösterreicher vor Gericht steht. Sie waren es nämlich, die im Jahr 2025 ein riesiges Vergewaltigernetzwerk im Rahmen einer Undercover-Recherche aufgedeckt haben. Mehrere Jahre lang haben sie zuvor im Internet unter Männern recherchiert, die Frauen gezielt betäuben und vergewaltigen. 

Dabei stießen sie auf Männer, die sich in Chats über Betäubungsmittel unterhielten und online Videos von Vergewaltigungen teilten. Es sind Männer, die sich an Frauen aus ihrem nahen Umfeld vergehen. Die dies sorgfältig planen und die ihre Taten im Netz dokumentieren.

73.000 Männer

Im Rahmen ihrer Recherche fiel vor allem eine Telegram-Chatgruppe, in der sich rund 73.000 Männer unterschiedlicher Nationalitäten über ihre Betäubungs- und Vergewaltigungsfantasien austauschten, auf. Der Niederösterreicher Markus S. war also einer von vielen. Inzwischen laufen in Deutschland dazu mehrere Ermittlungsverfahren.

Weitere Täter

So muss ein 61-jähriger Mann aus Aachen für achteinhalb Jahre ins Gefängnis, weil er seine Ehefrau über Jahre hinweg betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt hat. Und es gibt weitere Fälle: Der frühere französische Senator Joël Guerriau wurde nun zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er der Abgeordneten Sandrine Josso einen Champagner mit Ecstasy gegeben hatte. Josso berichtete danach, dass er sie mehrfach aufgefordert habe, mit ihm anzustoßen und viel zu trinken. In der Küche soll er mit einem Tütchen hantiert haben. Als sie merkte, dass ihr schwindlig und schlecht wurde, lief sie davon und erstattete Anzeige. 

In dem Verfahren hatte der Staatsanwalt übrigens darauf verwiesen, dass  Joël Guerriau zuvor selbst für das Gesetz gestimmt hatte, das den Tatbestand einer "Verabreichung schädlicher Substanzen mit dem Ziel einer Vergewaltigung" schuf. 

Former French senator on trial in MP drugging case, at Paris court

Der ehemalige französische Senator Joël Guerriau am Tag des Prozesses in Paris.

Und es gibt auch einen Fall aus Großbritannien: Ein ehemaliger Stadtrat, der 49-jährige Philip Young, hat sich schuldig bekannt, über 13 Jahre hinweg seine Frau immer wieder mit Drogen betäubt und vergewaltigt zu haben. Fünf weitere Männer sind ebenfalls in diesem Zusammenhang angeklagt worden. Young hatte sie, ähnlich wie Pelicot, dazu eingeladen, seine Frau in betäubtem Zustand zu vergewaltigen.

Chemische Unterwerfung

Das Auftreten immer mehr solcher Fälle, insbesondere im Kontext des bekannten Prozesses um Gisèle Pelicot in Frankreich, hat die Verbreitung des Begriffs "Chemische Unterwerfung" stark vorangetrieben. Er bezeichnet die heimliche Verabreichung von psychoaktiven Substanzen (z. B. GHB, Benzodiazepine), um das Opfer wehrlos zu machen, zu betäuben und zu vergewaltigen. Täter nutzen meist Getränke, um Opfer willenlos zu machen. 

Laut Auskunft der Wiener Untersuchungsstelle für Gewaltopfer sind die verzeichneten K. O.-Mittel-Verdachtsfälle zunehmend. Die Opfer seien meistens Frauen. Auch die Anwältin Sonja Aziz betont im Korneuburger Gerichtssaal, dass die chemische Unterwerfung schon längst zuhause in den heimischen Schlafzimmern angekommen sei. „Da, wo sich die Frauen sicher fühlen. An der Seite ihres Partners.“ Der Niederösterreicher Markus S. wurde schließlich zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. 

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