Chronik | Österreich
04.11.2017

Flüchtiger auf "Most-Wanted"-Liste

SOKO "Friedrich" sucht nun nach Mann , der mit Gewehr zwei Nachbarn getötet haben soll.

Stiwoll in der Steiermark ist nach tödlichen Schüssen am vergangenen Sonntag immer noch im Ausnahmezustand. Ein Nachbarschaftsstreit war eskaliert. Friedrich F. soll mit einem Kleinkalibergewehr eine Frau (55) und einen Mann (64) getötet haben. Eine 68-Jährige wurde schwer verletzt. Der 66-Jährige ist seitdem verschollen.

Hundertschaften mit Sturmgewehren und Kugelschutzwesten durchsuchten in den vergangenen Tagen das Gelände rund um die Gemeinde. "Wir sind nicht auf der Suche nach einem Vermissten, sondern nach einem bewaffneten Straftäter", erklärte Franz Lang, der Direktor des Bundeskriminalamtes ( BK), am Samstag. Die Beamten hätten immer mit einer "Verteidigungssituation" rechnen müssen, wenn sie auf den Flüchtigen gestoßen wären. Gefahr für unbeteiligte Personen, "die nicht aktiv" nach dem 66-Jährigen suchten, bestünde nicht. Der BK-Chef erklärte auch, dass es in der heutigen Zeit für Flüchtende "immer schwieriger, bis beinahe unmöglich ist, unterzutauchen".

Hundert Hinweise

Die Polizei sei bereits mehr als hundert Hinweisen nachgegangen. Bisher jedoch ohne Erfolg. Nun wurde die Sonderkommission "Friedrich" eingerichtet, die sich vermehrt auf die "Ermittlungsfahndung" konzentriert. Rene Kornberger vom Landeskriminalamt Steiermark leitet die SOKO: "Die Tat ist abgearbeitet, Ziel ist die Ausforschung des Aufenthaltsortes des Beschuldigten", sagte er am Samstag. Neben der örtlichen Fahndung, seien auch internationale Haftbefehle gegen den 66-Jährigen erlassen worden. Er steht nun auch neben Tibor Foco auf der "Most-Wanted"-Liste des Innenministeriums.

Profiler

Anstatt der großflächigen Suche, habe man nun die Taktik geändert. "Wir halten uns mehr an Fahndungs-, Analysehinweise und Kontaktpunkte", erklärte Lang. Man werde versuchen, Bewegungslinien nachzuvollziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Verdächtige sich selbst getötet haben könnte, schätzen die Profiler der Polizei als gering ein, es könne aber auch nicht ausgeschlossen werden.

Kriminalpsychologen durchleuchten seit Tagen intensiv das Leben des 66-Jährigen. "Die Aufgabe der Profiler ist es abzuschätzen, wie das Verhalten bei einem Aufgriff sein könnte oder wie die Fluchtstrategie aussieht", sagte Lang. Seine Kenntnisse, Reisebewegungen sowie die gesamte Elektronik und Kommunikation werde überprüft. "Sie ziehen dann Schlüsse daraus und Parallelen zu Verhaltensweisen bei ähnlichen Fällen", schildert Lang. Laut Kornberger habe der Verdächtige keinen Kontakt zu Schlüsselpersonen. "Er schwenkt vom IS bis zum Rechtsextremismus, er hat Orientierungslücken", meint der Ermittler. Entgegen kolportierten Meldungen ist der 66-Jährige nicht entmündigt, es bestand aber ein Waffenverbot gegen ihn.

Flucht

Reisepass und Führerschein des 66-Jährigen sind bei der Polizei. Ob er sich auf eine Flucht vorbereitet hat, ist unklar. "Wir wissen, dass er es gewöhnt ist, sich längere Zeit in der Natur aufzuhalten", erklärt Kornberger. Friedrich F. war als Hobby-Naturfilmer öfters mehrere Tage im Freien unterwegs. Einbrüche, bei denen er sich Lebensmittel besorgt habe, seien keine registriert worden.

In Stiwoll werde die Polizei weiter einen Personen-, Raum- und Objektschutz durchführen. "Die Lage wird ständig neu beurteilt", sagte Landespolizeidirektor Gerald Ortner. Die Frau des 66-Jährigen zeigte sich gegenüber der Polizei kooperativ, aber sie wisse nicht, wo sich ihr Ehemann aufhält. Die Exekutive hofft auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung.

Samstagnachmittag kam es zur Verabschiedung des ersten Opfers in der 730-Seelen-Gemeinde. Rund 150 Menschen nahmen an der Trauerfeier für den 64-jährigen Mann teil. Polizisten beschützten die Trauernden. Beamte in Uniform und mit Sturmgewehren bewaffnet säumten die Umgebung. Sie versuchten aber, sich nicht zu aufdringlich ins Bild zu rücken. Die schweren Panzerfahrzeuge der Einsatzkräfte parkten etwas abseits. Die Verabschiedung des zweiten Todesopfers, eine 55-jährige Frau, soll kommende Woche stattfinden. Das dritte Opfer ist außer Lebensgefahr.