Familienministerin bremst Pflicht für Kinderschutz in Feriencamps
Die Ferien stehen vor der Tür und viele Eltern oder Erziehungsberechtigte müssen die Betreuung ihrer Kinder organisieren. Ein verpflichtendes Gütesiegel für Campanbieter dürfte viele ruhiger schlafen lassen.
Neun Wochen Sommerferien, fünf oder sechs Wochen Urlaub: Für viele Familien in Österreich beginnt mit dem Schulschluss jedes Jahr dieselbe organisatorische Herausforderung. Wer Großeltern oder andere Betreuungspersonen nicht dauerhaft einspannen kann, ist auf Feriencamps angewiesen. Das Angebot reicht von Sport- und Sprachwochen über Naturcamps bis zu Kreativ- und Abenteuercamps. Doch mit der Vielfalt wächst auch eine Frage, die Eltern oft erst auf den zweiten Blick stellen: Wie gut sind Kinder dort eigentlich geschützt?
Wie das Ö1-Morgenjournal berichtet, gibt es ausgerechnet bei einem Thema, das für viele Familien selbstverständlich erscheinen dürfte, in Österreich bislang keine einheitlichen Vorgaben: beim Kinderschutz in Feriencamps. So können diese von Vereinen über Unternehmen bis hin zu privaten Anbietern organisiert werden, aber eine gesetzliche Verpflichtung, ein Kinderschutzkonzept vorzulegen, besteht derzeit nicht.
Dabei sollen solche Konzepte weit mehr leisten, als nur auf den Fall eines Übergriffs vorbereitet zu sein. Sie regeln etwa, wie Betreuerinnen und Betreuer ausgewählt werden, welche Verhaltensregeln im Umgang mit Kindern gelten, wie Beschwerden entgegengenommen werden und wie auf Grenzverletzungen oder Gewalt reagiert wird. Ziel sollte sein, Risiken möglichst früh zu erkennen und eine Kultur zu schaffen, in der Kinder sich sicher fühlen und Vorfälle nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Freiwilliges Gütesiegel kommt – aber erst später
Die Bundesregierung setzt bislang auf Freiwilligkeit. Jugend- und Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) hat im vergangenen Jahr ein Qualitätsgütesiegel für Feriencamps auf den Weg gebracht. Es soll Eltern künftig Orientierung geben und jene Anbieter auszeichnen, die bestimmte Qualitäts- und Kinderschutzstandards erfüllen.
Der Aufbau des Systems verläuft allerdings schleppend. Laut Ö1 wurden bislang rund 50 Anträge eingereicht und nur zehn Camps beziehungsweise Organisationen erfüllen bereits die Kriterien. Die erste offizielle Verleihung des Gütesiegels ist allerdings erst für den Herbst vorgesehen. Zu spät für Familien, die jetzt ihre Sommerbetreuung organisieren.
Kinderschutzorganisationen fordern verbindliche Regeln
Auch zahlreiche Organisationen halten den freiwilligen Weg für fahrlässig. Elf Verbände – darunter Kinderfreunde, Jungschar und Pfadfinder – fordern inzwischen verpflichtende Kinderschutzkonzepte für alle Feriencamps und Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten.
Ihre Argumentation: Ferienlager gehören zu jenen Situationen, in denen Kinder besonders intensiv mit Betreuungspersonen zusammenleben. Gemeinsame Übernachtungen, Ausflüge, Schwimmbadbesuche oder mehrtägige Zeltlager schaffen Nähe und Vertrauen, genau deshalb brauche es klare Regeln für alle Beteiligten.
Kinderschutz beschränke sich dabei nicht auf die Verhinderung sexueller Übergriffe. Ebenso wichtig seien verbindliche Abläufe für den Umgang mit Mobbing, rassistischen Äußerungen, psychischer Gewalt oder anderen Grenzüberschreitungen. Schon alltägliche Konflikte müssten professionell erkannt und bearbeitet werden, bevor sie eskalieren.
Kinderschutzexpertinnen betonen deshalb, dass ein Konzept allein noch keine Garantie für Sicherheit darstellt. Entscheidend sei, dass die Regeln regelmäßig vermittelt, eingeübt und tatsächlich umgesetzt werden. Ein Dokument in der Schublade schütze kein Kind.
Ministerin Claudia Bauer warnt vor Bürokratie
Die Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) lehnt eine gesetzliche Verpflichtung bislang ab. Gerade kleine Vereine würden durch zusätzliche Dokumentationspflichten belastet, argumentiert sie. Statt neuer Vorgaben verweist das Ministerium auf ein Muster-Kinderschutzkonzept, das Organisationen kostenlos übernehmen und an ihre Bedürfnisse anpassen können. Kritiker halten dagegen, dass Kinderschutz keine Frage der Organisationsgröße sein dürfe. Wer Angebote für Kinder mache, müsse Mindeststandards erfüllen, und zwar unabhängig davon, ob hinter dem Camp ein großer Verband oder ein kleiner Verein stehe.
Worauf Eltern jetzt achten können
Bis das neue Gütesiegel flächendeckend verfügbar ist, bleibt die Verantwortung weitgehend bei den Familien. Fachleute empfehlen deshalb, Anbieter gezielt nach ihrem Kinderschutz zu fragen. Gute Organisationen können erklären, wie Betreuerinnen und Betreuer ausgewählt werden, welche Schulungen sie absolvieren und an wen sich Kinder oder Eltern bei Problemen wenden können. Auch transparente Regeln sprechen für einen professionellen Anbieter: Gibt es einen Verhaltenskodex für das Betreuungsteam? Sind Zuständigkeiten klar geregelt? Werden Eltern über Abläufe informiert? Wie viele Betreuerinnen und Betreuer kümmern sich um wie viele Kinder? Und wie wird mit Konflikten oder Beschwerden umgegangen? Seriöse Veranstalter beantworten solche Fragen offen. Sie verstehen Nachfragen nicht als Misstrauen, sondern als Teil eines verantwortungsvollen Umgangs mit Kindern.
Für viele Eltern wird in den kommenden Wochen dennoch vor allem eines zählen: überhaupt einen freien Platz zu finden. Der Mangel an Betreuungsangeboten erhöht den Druck, schnell zu buchen. Gerade deshalb raten Kinderschutzorganisationen dazu, den Preis oder das Programm nicht zum einzigen Entscheidungskriterium zu machen. Denn ob sich Kinder in einem Feriencamp wohl und sicher fühlen, entscheidet sich oft nicht an der Kletterwand oder beim Sprachkurs – sondern an den Strukturen im Hintergrund, die sie schützen sollen.
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