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OÖ/Steiermark
03/10/2015

Fehlalarm bei Masern

Grazer Behörde befürchtete wegen falscher Daten Dutzende Erkrankungen.

von Jürgen Pachner, Elisabeth Holzer, Jürgen Klatzer

In der Steiermark gibt es zwei neue Masernfälle: Eine Krankenschwesternschülerin und ein Zivildiener steckten sich in der Kinderklinik Graz vermutlich bei einem infizierten Kind an. Beide befinden sich derzeit in Behandlung. Die junge Frau soll während des Praktikums am Klinikum an der Ambulanz mit 150 bis 170 Kindern Kontakt gehabt haben. Die betroffenen Eltern wurden am Wochenende informiert.

Masern im Umfeld, was tun? Kollegen aus dem Ressort "Gesundheit" klären auf.

Verwirrung

Eine Meldung sorgte am Dienstag für Anspannung - fälschlicherweise, wie sich später herausstellen sollte: 40 Kinder aus Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland könnten sich infiziert haben, hieß es: Sie seien nicht geimpft. Die Landessanitätsdirektion rechnete daraufhin mit einer Welle von neuen Erkrankungen. "Wenn ungeschützte mit Erkrankten oder Infizierten in Kontakt kommen, liegt die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken, bei 99 Prozent“, warnte Ursula Schreiber von der Landessanitätsdirektion. „Wir könnten ein paar Dutzend Erkrankte bekommen. Die Welle rollt auf uns zu, da können wir gar nichts machen.“ Doch am Nachmittag folgte eine Entwarnung. Lediglich ein Kind sei nicht geimpft, hieß es aus dem LKH Graz. Grund für die Verwirrung dürfte ein Übermittlungs- oder Aufzeichnungsfehler gewesen sein: Laut Spital seien die Impfungen im Magistrat Graz nicht gleich abrufbar gewesen.

Die junge Schwesternschülerin hatte übrigens keinen Impfschutz: Sie hatte angenommen, als Kind geimpft worden zu sein, doch das stimmte nicht. Die Schülerin arbeitete als Praktikantin an der Ambulanz der Kinderklinik Graz und hatte dadurch den besagten Kontakt mit 170 kleinen Patienten.

Ende Februar wurde die erste Masernerkrankung bestätigt: Es handelte sich um ein dreijähriges Kind aus dem Bezirk Deutschlandsberg, das ambulant im Grazer Spital behandelt wurde.

Verdacht in HTL Wels bestätigt

Auch in in der HTL Wels bestätigt sich ein seit Freitag bestehender Verdacht: Ein Schüler ist an Masern erkrankt. Die Bestätigung dafür lieferte eine Blutanalyse, deren Ergebnis Amtsärztin Sabine Lausecker am Montag bekannt gab. Für die rund 1500 Mitschüler und Lehrer des Betroffenen dürfte jedoch zu keiner Zeit Ansteckungsgefahr bestanden haben. Der junge Mann war zuletzt am 27. Februar zum Unterricht erschienen und hatte sich in der darauffolgenden Woche krank gemeldet, weil er sich nicht wohl fühlte.

"In dem Fall haben wir großes Glück gehabt", betont Lausecker. Mit rund 99-prozentiger Sicherheit sei der junge Mann bei seinem letzten Schulbesuch nicht infiziert gewesen. Wo er sich allerdings angesteckt haben könnte, ist unklar. "Das lässt sich labormedizinisch aber vielleicht noch eruieren."

Laut HTL-Direktor Anton Schachl fand am Montag regulärer Unterricht statt. "Die Schüler sind über den Fall informiert worden und es ist auch die Empfehlung ausgegeben worden, sich möglichst impfen zu lassen" -in Deutschland gab es bereits Ende Februar eine Debatte um die Impflcht.Etliche befolgten auch schon den Appell. Schüler, die sich impfen lassen, werden in der Zeit auch großzügig vom Unterricht freigestellt. "Gesundheit geht allem anderen vor", begründet Schachl.

Der an Masern erkrankte Schüler kommt aus dem Bezirk Kirchdorf. Seine Angehörigen sollen sich vorerst noch nicht angesteckt haben. Seine Schwester, die in die Neue Mittelschule Kremsmünster geht, bleibt auf amtsärztliche Anordnung dem Unterricht ebenfalls fern.

Impfen: Mythen und Ängste

Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, Masern bis Ende dieses Jahres auszurotten, dürfte alles andere als realistisch sein. Alleine in Europa haben sich seit Jänner 2014 mehr als 22.000 Menschen angesteckt – in Österreich waren es zuletzt 144. Der Tod eines Kindes in Berlin entfacht teilweise aggressiv geführte Diskussionen zwischen Impfbefürwortern und Kritikern. Zwar ist der Schutz der Kinder vor schwerwiegenden Krankheiten durch eine Impfung als Grundrecht bei den Vereinten Nationen festgeschrieben, dennoch haben viele Eltern Zweifel an der Sicherheit der Impfstoffe und Ängste vor schweren Impfreaktionen. Der KURIER bat eine Impf-Expertin und einen Kritiker um Stellungnahmen zu den wichtigsten Fragen rund um die Impf-Debatte.

  • Wie häufig kommen Impfschäden wirklich vor?

Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass Impfschäden in Österreich nicht oder kaum erfasst werden, sagt der Kinderarzt Reinhard Mitter und verweist auf das Meldesystem in Deutschland. Beim dortigen Paul-Ehrlich-Institut wurden 2012 insgesamt 2580 Meldungen verzeichnet, davon 13 Todesfälle und 36 mit einem bleibenden Schaden. Doch auch in Österreich werden Nebenwirkungen erfasst. Bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit gab es im Jahr 2013 insgesamt 287 Meldungen. Das würde dem oftmals zitierten 1-zu-10-Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich entsprechen. Der Großteil davon (95 Prozent) waren leichte Reaktionen wie Rötungen oder harmlose Schwellungen. Todesfälle gab es keine. Acht Kinder litten unter schweren Nebenwirkungen – dazu zählen aber auch Fälle wie ein zweitägiger Spitalsaufenthalt wegen Fiebers. Die Zusammenhänge mit einer Impfung müssen erst geklärt werden. Grundsätzlich gelte es, zwischen Impfreaktionen und Nebenwirkungen zu unterscheiden, betont Univ.-Prof. Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für Spezifische Prophylaxe an der MedUni Wien. 2010 und 2011 wurden in Österreich 36 Verfahren nach dem Impfschadengesetz geführt und sechs davon bestätigt – diese gehen größtenteils auf heute nicht mehr verwendete Impfstoffe zurück.

  • Welche Nebenwirkungen sind nach einer Impfung normal – und welche nicht?

Rötungen, Schmerzen, Lymphknotenschwellungen bis hin zu temporären Fieberschüben sind normal – darauf sollte auch der Arzt hinweisen. Mitter: "Von außergewöhnlichen Impfreaktionen spricht man, wenn ein Kind Fieberkrämpfe hat, Nervenstörungen aufweist oder wenn Komplikationen eintreten, wie etwa, dass es plötzlich nicht mehr krabbelt oder sitzen kann." Jede Impfreaktion, die für Eltern beunruhigend ist, werde von Ärzten und Spitälern meist bagatellisiert, kritisiert der Kinderarzt. "Man muss die Sorgen der Eltern ernst nehmen und Impfreaktionen dokumentieren."

Grafik: So stehen Österreicher zur Schutzimpfung

  • Sind Masern eine harmlose Kinderkrankheit?

Hier spalten sich die Meinungen. Für Wiedermann-Schmidt sind Masern "ganz sicher" nicht harmlos. "Früher hatte fast jedes Kind Masern und man hat übersehen, wie viele Fälle schlecht ausgegangen sind." Die Immunologin warnt am meisten vor den Gefahren für ungeimpfte Säuglinge – "eine Ansteckung kann dramatisch bis hin zu tödlich verlaufen".

Für den Kinderarzt Mitter gehören Masern hingegen zu den harmlosen Kinderkrankheiten, weil das Risiko einer Gehirnhautentzündung sehr klein sei (1 zu 1000 bei Ungeimpften, bei Geimpften liegt das Risiko bei unter 1 zu 1 Mio., Anm.). "Wenn ich ein Kind habe, das von der Erkrankung einen Schaden davon getragen hat, ist das natürlich schrecklich. Impfungen schützen, aber wir sehen die Frage der Krankheitsbekämpfung zu eng. Die Frage ist, ob sich durch die Ausrottung der einen Krankheit nach Jahrzehnten nicht neue Krankheiten oder Viren entwickeln. "

  • Kann eine Masern-Impfung Autismus, Allergien oder ADHS auslösen?

Für Wiedermann-Schmidt ist die Faktenlage klar: "Hier wurden lange Zusammenhänge mit Impfungen behauptet. Heute ist das dank guter Studien eindeutig widerlegt." Die Autismus- Behauptung rühre aus einer Lancet-Studie, die 1998 veröffentlicht wurde – diese wurde aber als wissenschaftliche Fälschung aufgedeckt. Ein Studienvergleich in den 90er-Jahren zwischen Ost-Deutschland, wo es eine Impfpflicht gab, und West-Deutschland habe gezeigt, dass geimpfte Kinder sogar weniger oft unter Allergien und Asthma leiden. Mitter: "Bei den Studien sind die Erkenntnismethoden zu eng und umfassen nicht das ganze Spektrum der Erfassungsmöglichkeit."

  • Unter welchen Umständen ist bei einer Impfung Vorsicht geboten?

Mitter rät im ersten Lebensjahr sowie bei einer Veranlagung in Richtung Allergien, bei chronischen Erkrankungen und nach auffälligen Impfreaktionen zu Vorsicht. Nach Ansicht von Wiedermann-Schmidt gibt es bei gesunden Kindern und Erwachsenen keinen Grund, den offiziellen Impfempfehlungen nicht zu folgen. Bei schweren Erkrankungen oder Operationen müsse die Situation individuell mit dem Arzt besprochen werden. Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger Risiken gebe es für jene, die (noch) nicht immunisiert sind.

  • Welche Gefahren gehen von den Inhaltsstoffen Aluminium und Thiomersal aus?

Mitter: "Quecksilber (Thiomersal, Konservierungsmittel) wird nicht mehr eingesetzt, aber Aluminium ist ein potenter Schadstoff, wie man an aktuellen Diskussionen rund um Aluminium in Deos und in Lebensmitteln sieht. Wie man sieht, konnte man das Quecksilber aus den Impfungen rausnehmen, warum geht das nicht beim Aluminium?" Wiedermann-Schmidt kontert: "Wenn man sich um Aluminium sorgt, ist der Anteil, den man über eine Impfung bekommt, verschwindend gering. Schon bei kleinen Kindern ist die wöchentliche Aluminiumaufnahme durch die Nahrung 7- bis 23-mal höher als durch eine Impfung." Damit bewege man sich weit unter den offiziellen Grenzwerten.

  • Wie gut sind die empfohlenen Impfstoffe geprüft?

Über die Sicherheit sind sich die Mediziner einig. "Bevor ein Arzneiprodukt auf den Markt kommt, muss es 6 bis 10 Jahre lang strenge Studien zu Sicherheit und Wirksamkeit durchlaufen. Danach wird es noch mindestens fünf Jahre überprüft und bei Auffälligkeiten vom Markt genommen", sagt Wiedermann-Schmidt. Mitter stimmt zu und verweist darauf, dass Nebenwirkungen im Beipacktext aufgelistet sind.

  • Warum bekommen Kleinkinder schon einen Sechsfach-Impfstoff (Diphtherie, Tetanus, Pertussis/Keuchhusten, Poliomyelitis/Kinderlähmung, Hepatitis B und Hämophilus influenzae B/HIB)? Ist das notwendig?

Mitter hat erst selten schwere Nebenwirkungen erlebt, doch "es gibt eine gewisse Hemmung, einem gesunden Kind mehrere Antigene zu verabreichen. Prinzipiell vertragen sie das. Es geht um die Zusatzstoffe und den Zeitpunkt der Impfung." Wiedermann-Schmidt: "Wir hatten in den 60er- und 70er-Jahren Ganzkeimimpfstoffe, die bis zu 3000 Partikel (Antigene) enthalten haben, die eine schützende Immunantwort auslösen. Im heutigen Sechsfach-Impfstoff sind es 23. Die heutigen Impfstoffe sind um viele Stoffe bereinigt, die früher Nebenwirkungen ausgelöst haben. Die Qualität ist heute sehr hoch." Der Impfschutz sei in diesem Alter besonders wichtig, um das Immunsystem darauf vorzubereiten, Erkrankungen leichter abzuwehren.

  • Wie geht jemand, der impfkritisch ist, jetzt am besten vor?

"Man sollte hinterfragen, warum jemand so kritisch ist, die Grundlage orten und dann aufklären", sagt Wiedermann-Schmidt. "Macht sich jemand Sorgen, weil sein Kind krank oder der Nachbar Impfgegner ist?" Mitter kritisiert, dass Eltern von vielen Ärzten zum Impfen gedrängt werden, statt Aufklärung zu bekommen. Der Kinderarzt geht mit gutem Beispiel voran und organisiert in seiner Ordination Impfrunden, in denen er mit Eltern Nutzen und Risiken diskutiert.

  • Warum sind gerade jetzt viele Erwachsene von Masern betroffen? Sollte jeder zwischen 20 und 45 Jahren seinen Impfschutz prüfen lassen?

In den 70er-Jahren wurde ein Impfstoff verwendet, der keine lebenslange Immunität bewirkt, erklärt Wiedermann-Schmidt. Auch vielen Erwachsenen fehle heute die Immunität, weil sie etwa nur eine Impfung erhalten haben. Sie rät dazu, den Impfschutz beim nächsten Arztbesuch zu checken und gegebenenfalls nachzuholen. Dem stimmt auch Mitter zu, "weil die Komplikationen in diesem Alter höher sind".

  • Wäre eine Impfpflicht für Masern sinnvoll?

"Gesundheit darf nie verpflichtend sein", betont Mitter und verweist auf die individuelle Entscheidung. Eine Impfpflicht hält auch Wiedermann-Schmidt nicht für richtig. "Jetzt ist aber ein guter Zeitpunkt, vermehrt über die Bedeutung von Impfungen aufzuklären."

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