© Tobias Pehböck

Chronik Österreich
04/12/2020

Dunkle Spuren: Die Tote aus dem Burgenland

Ein Mordfall aus dem Jahr 1993 beschäftigt die Ermittler immer noch. Sie sind auf Hinweise angewiesen.

von Yvonne Widler, Tobias Pehböck

Vermutlich war es mitten in der Nacht, als er ihre Leiche ins Auto zerrte und sie dann hastig zwischen den Bäumen und weitläufigen Feldern abwarf. Noch schnell abgefallenes Geäst zusammensuchen, um den toten Körper zu bedecken, ist es doch ein gut einsichtiger Ort hier nahe der Pferdekoppel – das könnte der Mörder gedacht haben. Ihm war aber mit Sicherheit klar, dass man sie bald entdecken würde.

Ein junger Reiter machte am Vormittag des 17. April 1993 den grausamen Fund. Wenig später stand die Kriminalpolizei an Ort und Stelle. Schnell war klar, dass die Frau ermordet wurde. Als das Telefon von Johann Ernst läutete, waren die Ermittler mit ihrer Arbeit bereits fertig. „Ich wurde gerufen, um die Leiche nach Wien in die Sensengasse zu bringen, zur Obduktion“, sagt der örtliche Tischler und Bestatter. So etwas sei hier noch nie passiert. Hier, das ist die 2.600-Seelen-Gemeinde St. Margarethen im Burgenland. Ganz in der Nähe liegen Rust, Mörbisch und der Neusiedlersee.

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Rote Fingernägel

Wenn Herr Ernst sich an die „Frauenleiche aus ’93“ erinnert, dann erzählt er zuerst von den rot lackierten Fingernägeln, die ihm sofort aufgefallen sind. Der 58-Jährige verzieht das Gesicht. „Das war kein schöner Anblick, sie war schon ziemlich verwest, teilweise skelettiert und die Tiere hatten sich schon dran gemacht.“ In diesem Zustand hätte niemand erkennen können, um wen es sich da wohl gehandelt hatte.

In Wien auf dem Obduktionstisch konnte dann Folgendes festgestellt werden: Frau um die 30 Jahre. Oberarm gebrochen, es hatte zuvor einen Kampf gegeben. Der Mörder hatte versucht, sie zu zersägen, es aber nicht geschafft. Laut Bericht war die Todesursache „starke Gewalteinwirkung auf den Hals“.

Sie wurde erdrosselt. Ansonsten wusste man, dass sie rotbraune Haare hatte, 160 cm groß, schlank und Raucherin war. Zu ihrer Identität gab es keinen einzigen Hinweis. Sie hatte nichts bei sich, war unbekleidet. Sogar der Schmuck wurde ihr abgenommen. Es konnte recht schnell festgehalten werden, dass die Unbekannte bereits im Herbst 1992 getötet worden war und dann bis zum April 1993 in einem gut durchlüfteten, trockenen Raum gelagert wurde. „Etwa in einer Scheune“, sagt einer der damaligen Ermittler. Offenbar war der Täter an diesem 17. April gezwungen, sie schnell „loszuwerden“.

Schließlich erschienen die Zähne der Frau relevant. Sie hatte nämlich teilweise ungarische Implantate im Mund, die für die Ermittler den Schluss zuließen, dass es sich wohl um eine von dort stammende Erntehelferin handeln musste. Das hielten sie auch deshalb für zulässig, weil niemand hierzulande die Frau zu vermissen schien. Weder auf die angefertigte Phantomzeichnung, die damals großflächig verbreitet wurde, noch auf den Aufruf per Aktenzeichen XY folgten dahingehende Rückmeldungen. Doch auch als die Ermittlungen ausgedehnt worden waren: Niemand vermisste diese Unbekannte.

So vergingen 23 Jahre.

Julia Margarita Rijo

Erst im Jahr 2016 sollte ein erster Durchbruch gelingen. Mittlerweile hatte die Cold-Case-Abteilung des Bundeskriminalamts den Fall übernommen und zwei Knochen der Frau nach München zur Rechtsmedizin geschickt. Dort wurde eine – mittlerweile mögliche – Isotopenanalyse von Dr. Christine Lehn durchgeführt, die ein überraschendes Ergebnis brachte.

„Diese Frau hat nie in Europa gelebt, sie kam aus der Dominikanischen Republik. Werte über die Ernährung und die Geoelemente Strontium und Blei verraten dies“, sagt Ärztin Lehn.

Das war ein wichtiger Anstoß. Innerhalb kurzer Zeit fanden Chefermittler Kurt Linzer und sein Team folglich heraus, dass es sich um Julia Margarita Rijo, im Burgenland von allen Rosi genannt, handelte. Eine Frau, die den weiten Weg nach Österreich auf sich nahm, um ihrer mittellosen Familie in Santo Domingo ein besseres Leben zu schenken. Sie war Mutter eines damals dreijährigen Sohnes und arbeitete erst seit Kurzem hier in unterschiedlichen Bordellen als Prostituierte. Es ist davon auszugehen, dass sie dachte, sie würde als Tänzerin oder Kellnerin geholt. „Diese Frauen erlitten wirklich tragische Schicksale“, sagt Linzer.

Kommen und gehen

Warum sie niemand vermisste? „Das war in den Neunzigern bei diesen Frauen so. Die sind gekommen und gegangen. Wir dachten, sie wird in einem anderen Club in einem anderen Bundesland arbeiten“, sagt etwa Bordellbetreiber Joe Gruber, auch bekannt als „Papa Joe“ in der burgenländischen Rotlichtszene. Er kannte Rosi, sie war „das Mädchen vom Herbie“, einem anderen Zuhälter von damals, der heute zurückgezogen lebt.

Sowohl Joe Gruber als auch "Herbie" wurden von den Ermittlern als vergleichsweise "gute Zuhälter" beschrieben, denn damals, in den Neunzigern, hätte es "richtig furchtbar brutale Männer" gegeben, doch die beiden seien immer recht ordentlich zu ihren Frauen gewesen. Es wird also ausgeschlossen, dass sie mit der Tat in Verbindung stehen könnten.

Was weiß man über Rosis letzten Tage? Im August 1992 wurde sie aus einem Bordell in Eisenstadt geschmissen, weil sie einem Gast Sekt über den Kopf schüttete. „Sie hat geweint und ihre Sachen gepackt“, erzählt eine ehemalige Prostituierte, die im selben Etablissement mit ihr arbeitete. „Wir hatten keine Handys und konnten kaum Deutsch, ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.“ (Anm.: Dieser Gast wurde von den Ermittlern damals als Täter rasch ausgeschlossen.) 

Anna*, der absolute Anonymität zugesichert wurde, ist heute in ihren Fünfzigern. Sie kam damals, genau wie Rosi, aus der Dominikanischen Republik nach Österreich, es war das Jahr 1990. Eine Schweizer Agentur hatte der gelernten Floristin ein besseres Leben versprochen. Also packte sie all ihre Arbeitsmaterialien zusammen und freute sich auf ihre Zukunft. "Doch als ich dann hier war, kam alles anders." Mehr möchte Anna nicht dazu sagen.

Burgenländische Ermittler erinnern sich zurück und erzählen, dass diesen Frauen damals sofort die Reisepässe abgenommen wurden, damit sie nicht flüchten können. Sie wohnten in den schmuddeligen Séparées, in denen sie ihre Kunden empfingen. Viele seien in diesen kleinen Räumen sogar eingesperrt worden. 

Warum wurde die tote Frau nie mit Rosi zuvor in Verbindung gebracht? "Wir Frauen konnten kein Deutsch, haben keine Zeitungen gelesen, nichts. Wir wussten nicht einmal davon, dass eine Leiche gefunden wurde. Erst viel später habe ich das erfahren."

Am nächsten Tag gab es eine Sichtung, wonach Rosi in Wr. Neustadt in den Zug gestiegen sein soll. Kurz darauf wurde ihr Ausweis in Wels bei einer Gesundenuntersuchung vorgelegt, wobei bis heute nicht klar ist, ob sie selbst dort war oder ob eine andere Frau ihren Ausweis verwendet hat. 

„Wir haben diese Dinge zur Kenntnis genommen. Wir wissen aber nach wie vor nicht, wer Rosi getötet hat und unter welchen Umständen das passiert ist“, sagt Linzer. Man brauche die Unterstützung der Bevölkerung. Es könne natürlich sein, dass der oder die Täter nicht mehr am Leben sind. Aber irgendwie spüre er, dass der Mörder noch da draußen herum läuft.

Bordellbetreiber Joe Gruber ist sicher, dass Rosi nicht mit einem Fremden mitgegangen wäre oder bei einem ihr nicht bekannten Mann ins Auto eingestiegen wäre. "Sie hat ihren Mörder sicher gekannt. Außerdem muss der Mann aus der Gegend gewesen sein und in der Nähe eine Art Scheune, wo die Leiche vorher doch monatelang aufbewahrt wurde, besessen haben. Keiner fährt ewig mit einer Toten herum, um sie dann hier abzulegen", sagt Gruber. Er wisse aber nicht, ob der Täter noch am Leben ist. 

Hinweise bitte an das Bundeskriminalamt unter 01/24836 DW 985025 oder an dunklespuren@kurier.at

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