Chronik | Österreich
05.05.2017

Enorme Preisspanne bei Öffi-Jahrestickets in den Bundesländern

Von 365 in Vorarlberg bis 2143 Euro in der Steiermark. Wiener Verkehrsexperte sieht die Landeshauptleute bei Preisgestaltung in der Pflicht.

Die täglichen Staus in der Stadt Salzburg bringen nicht nur die Autofahrer, sondern auch die Politik zur Verzweiflung. Ein 700-Euro-Jahresticket alleine fürs Parken soll nun viele Pendler zum Umstieg auf den öffentlichen Verkehr zwingen und das Stauproblem mildern. Im Zuge der hitzigen Debatte ist zuletzt auch wieder die Öffi-Jahreskarte fürs Bundesland ein Thema geworden. Wer in Salzburg Bus und Bahn nutzen will, zahlt mehr als 1500 Euro. Die SPÖ fordert, den Preis auf 665 Euro zu senken. In Tirol gilt ab 1. Juni das neue Jahresticket um 490 Euro – die Salzburger Arbeiterkammer sieht daher die Politik unter Zugzwang und fordert eine Karte um 450 Euro fürs Bundesland.

Salzburgs Verkehrslandesrat Hans Mayr (SBG) erteilt den Forderungen eine klare Absage. "Das ist völlig undenkbar", sagt Mayr. Ein Ticket wie in Vorarlberg würde Zuschüsse von 30 Millionen Euro pro Jahr brauchen, schätzt der Landesrat. Die Bundesländer Vorarlberg und Tirol hätten auch keinen Finanzskandal hinter sich. Außerdem könne man die Versäumnisse aus der Vergangenheit nicht sofort korrigieren, rechtfertigt sich Mayr. Längerfristig sei eine Preissenkung zumindest unter 1000 Euro angedacht.

Preis: Wenig Bewegung

Generell herrschen bei den bundeslandweiten Öffi-Tickets große Preisunterschiede (in der Grafik im Vergleich zu den Jahreskarten in den Landeshauptstädten): In der Steiermark kostet die Karte 2143 Euro, Oberösterreich und Kärnten verzichten wie der Verkehrsverbund Ost-Region (VOR) mit den Bundesländern Niederösterreich, Burgenland und Wien auf ein derartiges Angebot. Und darauf werden die Öffi-Nutzer jedenfalls noch länger warten müssen, wie sich bei einem Rundruf in den Bundesländern herausstellt.

In der Steiermark solle zunächst das Angebot erweitert, bevor Preise gesenkt werden, heißt es von Peter Gspaltl, Referent für den öffentlichen Verkehr von Landesrat Anton Lang (SPÖ). "Wir wollen mehr Menschen zum öffentlichen Verkehr bringen – über die Qualität", sagt Gspaltl.

Auch für den Verkehrsclub Österreich (VCÖ) hat der Ausbau des Netzes und der Verbindungen Vorrang vor dem Preis. "Wir wissen aus dem VCÖ-Bahntest, dass der Ticketpreis eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Wichtiger ist das Streckenangebot", sagt Öffi-Experte Markus Gansterer. "Das politische Ziel sollte sein, regionale Mobilitätskonzepte zu erstellen, dass die meisten Alltagswege zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden können."

Das hat sich auch Kärntens grüner Verkehrslandesrat Rolf Holub mit seinem Mobilitätsmasterplan bis 2035 vorgenommen. Dort gibt es wie in Oberösterreich nur streckenbezogene Jahreskarten. Dass sein Bundesland im Vergleich zu den ebenfalls grün-mitregierten Ländern Vorarlberg und Tirol hinterherhinkt, schiebt er auf seine Amtsvorgänger. "Alle Verkehrsreferenten vor mir haben die Abwärtsspirale beim öffentlichen Verkehr passieren lassen", meint Holub. "Unser Problem ist, dass in den letzten 20 Jahren keine Infrastruktur geschaffen wurde."

Ministerium testet App

Außerdem sei mit dem Verkehrsministerium ohnehin eine österreichweite Jahreskarte geplant, sagt Holub. Ab 1. Juni dienen Kärnten und die Steiermark für fünf Monate als Testregion. 500 Personen (die bereits Inhaber einer Österreich-Card der ÖBB sind, Anm.) erhalten dabei uneingeschränkten Zugang zum Öffi-Netz in beiden Bundesländern – als Ticket dient eine Handy-App.

Im Verkehrsministerium will man von einem österreichweiten Öffi-Ticket noch nichts wissen. Von einer "Vorstufe auf dem langen Weg", spricht Elisabeth Mitterhuber, Pressereferentin von Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ). "Es sind viele unterschiedliche Ebenen (Bund, Länder und Gemeinden, Anm.), die man zusammenführen muss", meint Mitterhuber.

Der Wiener Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher (siehe Interview unten) könnte einer österreichweiten Öffi-Jahreskarte einiges abgewinnen. „Auf jeden Fall nimmt das den geistigen Widerstand weg, den öffentlichen Verkehr zu benutzen“, meint er. Dass es so ein Ticket nicht längst schon gibt, liegt in den Augen Knoflachers an den „Extrawürsteln“ der Landeshauptleute.

„Landesfürsten machen lieber Geschenke“

KURIER: In Vorarlberg zahlen Öffi-Nutzer 365 Euro, in Tirol 490, und in der Steiermark mehr als 2000 Euro. Woran liegt’s?

Hermann Knoflacher: Das liegt meiner Meinung nach an der Hoheit der Landesfürsten und der Unkenntnis der Leute, die mit Verkehr zu tun haben. Sie machen lieber ihre sogenannten Geschenke an die Bürger – die dafür dann aber selber zahlen müssen.

Würde ein österreichweites Öffi-Jahresticket überhaupt Sinn machen?

Durchaus. Die Schweizer haben das auch. Der Deckungsbeitrag der öffentlichen Hand nimmt ab, je mehr Leute den öffentlichen Verkehr nutzen. Man könnte es auch so machen wie in Südtirol, wo man als Öffi-Nutzer neben Zeitkarten ein bestimmtes Budget kaufen kann und je mehr man das Netz nutzt, desto billiger wird es.

Sie meinen außerdem, das Geld für große Infrastrukturprojekte wie den Brenner-Basistunnel sollte man besser in den öffentlichen Verkehr stecken.

Genau, in das, was die Bürger wirklich brauchen. Damit nicht nur Bauindustrie und Banken bequem Gewinne machen. Bei diesen Projekten werden die Bürger belastet, und zwar auf Jahrzehnte.