Chronik | Österreich
30.11.2017

Engpässe trotz vieler Ärzte

Zersplittertes System und Finanzierung bindet unnötig viele Personalressourcen.

Es ist eine der großen Kuriositäten im heimischen Gesundheitssystem: Gerechnet auf die Bevölkerungszahl hat kaum ein Land so viele Ärzte wie Österreich, wie jetzt erst wieder die OECD festgestellt hat. Pro 1000 Einwohner sind es rund fünf, während der EU-Schnitt bei 3,6 liegt. Trotzdem müssen sich die Patienten immer wieder mit unzumutbaren Wartezeiten in den Ordinationen, in Ambulanzen oder auf OP-Termine herumschlagen.

Aus Sicht der Ärzte sind dafür gleich mehrere Faktoren verantwortlich: "Unser Gesundheitssystem ist so aufgebaut, dass es einfach mehr Ärzte benötigt", sagt Wolfgang Weismüller, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer. Trotz Reformen in diesem Bereich würden sie in Österreich nach wie vor Aufgaben übernehmen, für die in anderen Ländern das Pflegepersonal zuständig ist. "Weiterhin ist es auch so, dass Ärzte als Schreibkräfte missbraucht werden", ergänzt Harald Mayer, Vizepräsident der österreichischen Kammer. 40 Prozent der ärztlichen Arbeitszeit würden administrative Tätigkeiten einnehmen.

Ein weiteres Problem: "Aufgrund unseres Finanzierungssystems werden die Patienten im Kreis herumgeschickt", sagt Weismüller. Dadurch würden mehr ärztliche Ressourcen als nötig gebunden. Ein Beispiel: Ein Patient kommt zu einem Allgemeinmediziner und braucht eine Labor-Untersuchung. Weil der praktische Arzt diese Leistung nicht vergütet bekommt, wird er in ein Labor geschickt. Von dort geht es mit den Befunden wieder zurück zum Allgemeinmediziner. "So kommt der Patient zu drei Arztkontakten, wo nur einer nötig wäre", schildert Weismüller.

Arbeitszeit

Verschärft werde laut ihm die Situation auch durch die Arbeitszeit-Reform in den Spitälern. Statt 60 dürfen die Ärzte nun nur mehr durchschnittlich 48 Stunden pro Woche arbeiten. Zusätzliches Personal gibt es aber meist nicht. "So gehen 20 Prozent der Arbeitszeit verloren. Auf Wien mit seinen rund 3000 angestellten Ärzten würde das bedeuten, dass derzeit 400 bis 600 Spitalsärzte fehlen."

Zwar würden laut Mayer bundesweit pro Jahr 1450 Jungmediziner die Uni absolvieren. Im System bleiben letztlich aber nur rund 750. "Wenn das so anhält, fahren wir gegen die Wand", warnt der Standesvertreter.

Was die OECD auch aufzeigt: Österreichs Gesundheitssystem ist extrem spitalslastig. Pro 1000 Einwohner kommt es im Jahr zu 256 Spitalsentlassungen. Im EU-Schnitt sind es nur 173. "Viele Patienten kommen ins Krankenhaus, weil die Leistungen in den Ordinationen nicht ausreichend abgegolten werden", sagt Mayer. Aus finanziellen Gründen hätten die Kassen das Interesse, dass möglichst viele Patienten in Spitälern behandelt werden.

Abhilfe schaffen würde eine Finanzierung des gesamten Systems aus einer Hand, ist Weismüller überzeugt. "Fast alle Gesundheitssysteme werden entweder von den Kassen oder vom Staat finanziert. Österreich ist gemeinsam mit Griechenland europaweit das einzige Land, das ein Mischsystem hat. Das führt zu enorm vielen Schnittstellen und Reibungsflächen, an denen viel Geld verloren geht."