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Chronik | Österreich
07/07/2019

Ein Zugticket rettete sie vor den Nazis

1939 wurden die letzten Kinder mit dem sogenannten Kindertransport in Sicherheit gebracht. Einige traten die Reise noch einmal an.

Wie alle anderen wurde Ilse in ihr schönstes Gewand gesteckt und zum Zug gebracht. Dass sie das durfte – und ihre Schwester Linda nicht –, freute sie. Wie man sich eben freut, wenn man etwas bekommt und die Schwester nicht. „Ich bin nicht stolz drauf“, sagt Ilse. „Aber es war so.“

Niemand hatte für Ilses Schwester bezahlt. Sie blieb bei ihrer Mutter am Bahnhof. Später wurden beide im KZ ermordet.

Ilse war ein Kind. Aber nicht so, wie andere Erwachsene einst ein Kind waren.

In Sicherheit

Sie wurde 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland nach England gerettet. Noch heute nennt man jene, die über diese Zugfahrt in Sicherheit gebracht wurden, „Kinder“ – auch im Englischen.

„So haben unsere Schuhe aber nicht ausgeschaut.“ Ilse Melamid (91) scherzt, als sie vor dem „Kind auf dem Koffer“ am Wiener Westbahnhof steht.

Der aus Bronze gegossene Bub – eine Skulptur der Londoner Bildhauerin Flor Kent – ist den Kindern auf dem Transport nachempfunden. Nur trugen die weder Turnschuhe noch Kapuzenweste, sondern dreistellige Nummernschilder um den Hals: Über die Ziffern sollten die Kinder identifiziert werden.

Eine Reise

Vergangene Woche war Ilse Melamid gemeinsam mit drei weiteren „Kindern“ und deren Angehörigen auf Einladung des Jewish Welcome Service in Wien. Gemeinsam fahren sie – 80 Jahre, nachdem sich der letzte Transport auf den Weg gemacht hat – mit der „Kindertransport Association“ die Route nach, die sie als Kinder zurücklegen mussten.

Es war der 10. Dezember 1938, als der erste Zug vom Wiener Westbahnhof über Deutschland an die holländische Grenze fuhr. Von dort ging es per Schiff zuerst in die englische Hafenstadt Harwich. Dann fuhren die Wiener Kinder mit dem Zug weiter zur Liverpool Station in London.

Nach den Novemberpogromen (9. auf 10. November 1938), an denen die Nazis 400 Juden in Österreich und Deutschland ermordeten, Synagogen und jüdische Geschäfte zerstörten, war klar: Hier können jüdische Familie keinesfalls bleiben.

"Unter den Teppich gekehrt"

Dass Freunde und Bekannte von einem Tag auf den anderen nichts mehr mit ihr und ihrer Familie zu tun haben wollten, konnte Ilse lange nicht verstehen. „Wie kann das sein?“, fragt sie. Erst später habe sie sich damit abgefunden, dass diese Menschen ihre feindlichen Wesenszüge wohl vorher „unter den Teppich gekehrt“ hatten.

Großbritannien erklärte sich bereit, Kinder aufzunehmen – gegen eine Zahlung von 50 Pfund. Rund 3.000 Euro wären das heute. Ilse hatte Glück. Für die damals Elfjährige wurde bezahlt. Die Kosten übernahmen meist Hilfsorganisationen, auch der britische Rabbi Schönfeld sammelte Spenden. In Österreich mussten die Angehörigen zusätzlich für jedes Kind Geld an die Nazis zahlen, damit sie die Erlaubnis zur Fahrt gaben.

Eine Lücke

10.000 Kinder wurden mit den sogenannten Kindertransporten nach England gebracht, 2.300 von ihnen aus Österreich.

In England lebten die Kinder in Heimen oder bei Pflegeeltern. „Es war keine glückliche Zeit“, sagt Ilse über ihre Jahre bei einer Familie in Lancaster. Sie konnte den Ansprüchen des kinderlosen Paars, das sie aufgenommen hatte, nicht gerecht werden.

Auch mit ihrem Vater, der überlebte und einige Jahre später nach England kam, gab es kein klassisches Happy End. „Du glaubst, der Krieg ist aus und alles wird gut“, sagt Ilse. „Und dann klafft da eine Distanz, eine Lücke. Und die ist nicht leicht zu überbrücken.“

Ilse Melamid, geborene Hönigsberg, saß in einem der letzten Züge, die von Wien nach England gingen.

Sie wurde am 25. Jänner 1928 in Wien geboren, wuchs in der Altgasse 13 in Hietzing auf und ging Am Platz zur Schule, bis sie elf Jahre alt war. Ihr Spielplatz war der Garten von Schloss Schönbrunn. Von 1966 und bis heute lebt Ilse, verheiratete Melamid, gegenüber des Metropolitan Opera House in New York.

Info

Der erste Kindertransport startete  am 10. Dezember 1938 von Wien nach England. 2.300 jüdische Kinder aus Österreich wurden so bis August 1939 vor den Nazis gerettet. Die Fahrt kostete 50 Pfund – umgerechnet 3.000 Euro.

„Für das Kind“ heißt die Ausstellung, die seit 10. Dezember 2018 (dem 80. Jahrestag des 1. Kindertransports) permanent in der Wiener Urania gezeigt wird.

Info: 1., Uraniastraße 1/Hauptstiege 1-2.,  Mo. bis Fr. 9-20 Uhr. Anfrage für Führungen: info@millisegal.at