Chronik | Österreich
08.01.2015

Ein vernichtender Befund für ELGA

Vor der eigentlichen Einführung Ende 2015 wird ELGA noch ausgiebig getestet. Unter anderem sind auch simulierte Hacker-Attacken … © Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

Laut Hausärzten krankt das elektronische System an allen Ecken und Enden.

Kranke Akte ELGA“, ist auf den Plakaten zu lesen, die demnächst in zahlreichen Arztpraxen hängen werden. Einmal mehr fordert damit der Hausärzteverband seine Patienten auf, sich von der umstrittenen elektronischen Gesundheitsakte abzumelden. Sie soll Ende 2015 – zunächst noch auf die Spitäler beschränkt – in die Praxis umgesetzt werden.

Seit genau einem Jahr haben Patienten bereits die Möglichkeit, sich von ELGA abzumelden. Knapp 200.000 haben davon bisher Gebrauch gemacht. Die Geduld mancher Aussteiger wurde dabei freilich hart auf die Probe gestellt: Bis zu neun Monate betrug in Einzelfällen die Wartezeit auf die entsprechende Bestätigung. „Wenn schon das solche Probleme bereitet, wie soll dann erst die Fülle der Patientendaten im Vollbetrieb bewältigt werden?“, fragt sich Christian Euler, Präsident des Hausärzteverbands.

Foto fehlt

Bei Weitem nicht der einzige Kritikpunkt der Mediziner: Künftig wird die eCard zum Schlüssel für den Einstig in das ELGA-System aufgewertet. Nach wie vor ist es aber nicht vorgesehen, sie mit einem Lichtbild zu versehen. Schon jetzt komme es vor, dass Versicherungsleistungen betrügerisch erschlichen werden, schildert Eva Raunig, Bundessekretärin des Verbandes. Dieses Problem könnte mit ELGA eine neue Dimension bekommen: Absichtlich oder unabsichtlich könnten künftig Entlassungsbriefe, Laborbefunde oder Medikamenten-Aufstellungen falsch zugeordnet werden, warnt die Ärztin.

Im zuständigen Hauptverband der Sozialversicherungsträger kann man diese Befürchtung nicht nachvollziehen. „Auch wenn die eCard ein Foto hat, ist ein Missbrauch nicht ausgeschlossen“, betont ein Sprecher. Umgekehrt sei es enorm aufwendig und teuer, die eCard mit einem Lichtbild zu versehen. Im Hauptverband rechnet man mit Kosten von bis zu 18 Millionen Euro.

Obendrein sei die aktuelle Missbrauchsrate sehr gering: „Pro Jahr reden wir von 900 Verdachts- und gerade einmal acht bis neun bestätigte Fälle“, betont der Hauptverband-Sprecher.

Löschungen

Was den Ärzten auch noch Sorgen bereitet: Patienten werden die Möglichkeit haben, eigenständig Einzelbefunde aus ELGA zu löschen. Krankenakte würden somit lückenhaft sein, wichtige Diagnosen, Befunde oder lebensnotwendige Verschreibungen fehlen. Die ärztliche Arbeit werde damit erst recht zeitaufwendiger. Eine Befürchtung, die man seitens der ELGA-Betreiber nicht teilen will (siehe Interview unten).

Ein heißes Eisen der Gesundheitsakte bleibt weiterhin auch der Datenschutz: „Nicht einmal der NSA ist es gelungen, ihre Daten zu sichern, wie die Enthüllungen von Edward Snowden gezeigt haben“, merkt Hans Zeger von der Arge Daten nicht ohne Häme an. Für ihn könne ELGA in ihrer derzeitigen Organisation das Grundrecht auf Datenschutz nicht einhalten.

Bei den ELGA-Betreibern weist man das entschieden zurück: Sicherheit und Qualität stehe an oberster Stelle. „Alle vorgesehenen Funktionalitäten von ELGA werden detailliert geprüft.“

„Arzt haftet nicht für Löschung von Daten“

Susanne Herbek ist Geschäftsführerin der ELGA-GmbH.

KURIER: Warum kommt es zu monatelangen Verzögerungen bei den Abmeldungen?

Susanne Herbek: Das kommt vor, wenn die Patientendaten nicht vollständig oder eindeutig sind. Normalerweise dauert es zehn bis 14 Tage, bis die Bestätigung vorliegt.

Patienten können einzelne Befunde löschen. Wie soll der Arzt mit den lückenhaften Daten arbeiten können?

Ob eine Löschung von Befunden medizinisch sinnvoll ist, ist natürlich eine Frage. Grundsätzlich ist es aber das Recht des Patienten, über seine Daten zu entscheiden. Klar ist aber auch: Der Arzt haftet nicht dafür, wenn der Patient in der Gesundheitsakte bestimmte Daten unsichtbar gemacht hat.