Chronik | Österreich
25.01.2018

Ein Paradies für den Borkenkäfer

Die Temperaturen sind ideal für Schädlinge, aber heikel für Straßen: somit bleibt das Schadholz liegen.

Es ist eine Zwickmühle, in der aktuell das Land Kärnten, Unterkärntner Bürgermeister sowie Waldbesitzer stecken: 400.000 Festmeter Holz, die ein Föhnsturm vor einem Monat beschädigt hat, liegen noch am Boden und werden vom Borkenkäfer heimgesucht. Selbiges blüht in der Folge dem gesunden Wald. Den Abtransport wollen die Gemeindechefs nämlich nur genehmigen, wenn das Land Haftungen und die Kosten für die Sanierung der Straßen übernimmt: die betragen pro schadhaftem Kilometer bis zu 200.000 Euro.

"Wie halten wir die Folgeschäden nach dem Naturereignis ,Yves’ vom 11. Dezember 2017 möglichst gering?" Mit dieser Frage beschäftigte sich ein runder Tisch, bei dem die Tragweite des Sturms verdeutlicht wurde: laut Schätzungen des Kärntner Forstvereins (siehe "Nachgefragt") drohen in den Gemeinden Eisenkappel, Gallizien und Sittersdorf neben den Sturmwürfen auch gesunde Waldstücke von Borkenkäfern befallen zu werden. Die Temperaturen von plus acht Grad, die diese Schädlinge aktiv werden lassen, werden aktuell täglich erreicht.

Straßen gesperrt

Andererseits sorgen Minusgrade in den Nächten und das Tauwetter am Tage dafür, dass der Untergrund der Straßen nachgibt, wenn diese mit schweren Holz-Lkw und Aufarbeitungsgeräten befahren werden. Daher lassen die Bürgermeister die Verkehrswege sperren.

"Für Unterkärnten war Yves ein Jahrhundertereignis. Jetzt ist aber weder die Aufarbeitung, noch ein rascher Abtransport möglich, was die Existenzen der Waldbauern gefährdet", sagt Forstlandesrat Christian Benger (ÖVP). Er installiert eine Koordinationsstelle mit internen Experten vom Land sowie externen Beratern, die eine Lösung ausarbeiten sollen. Das Straßennetz soll durchforstet werden, um Routen zu finden, die die ungehinderte Aufarbeitung sicherstellen.

Asphalt reißt

Noch legen sich aber die Bürgermeister quer und verweigern die Freigabe der Gemeindestraßen. "Derzeit ist das unmöglich, die Asphaltdecke würde aufgrund der tiefen Nacht- und der hohen Tagestemperaturen reißen", erklärt Franz Josef Smrtnik (Einheitsliste), Bürgermeister der hauptbetroffenen Gemeinde Eisenkappel.

Ihm ist bewusst, dass die Entwaldung des gesamten Eisenkappler Grabens – rund 18.000 Hektar Wald – droht, aber seine Argumente sind ebenfalls einleuchtend: "Ich hafte, wenn die Rettung auf der kaputten Straße nicht mehr fahren kann. Ich trage die Verantwortung, wenn der Schulbus nicht durchkommt. Und vor allem: die Gemeinde hätte nicht die finanziellen Möglichkeiten zur Sanierung."

Teure Sanierung

Tatsächlich hat das Land ermittelt, dass die Erneuerung eines durch den Holztransport demolierten Straßenkilometers 150.000 bis 200.000 Euro verschlingen würde. Schätzungen, wie viele Kilometer in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, stehen aus.

Selbiges gilt für einen Finanzierungsschlüssel. Im rot-schwarz-grünen Koalitionsausschuss wurde am Mittwoch zwar beschlossen, dass das Land die Gemeinden bei Straßenausbesserungen finanziell unterstützen würde, nicht aber in welcher Höhe. "Das Land müsste die Größe haben, drei bis vier Millionen Euro freizugeben und die Straßen auf seine Kosten erneuern. Wir Bürgermeister können doch nicht privates Geld setzen, wenn wir uns etwa plötzlich einen Millionenbetrag mit dem Land teilen sollen", sagt Smrtnik.

Brutstätten für große Population

Für eine rasche Aufarbeitung des Schadholzes in Unterkärnten spricht sich im KURIER-Interview Johannes Thurn-Valsassina aus. Der Präsident des Kärntner Forstvereins warnt davor, zum Schutz des Straßennetzes Risiken einzugehen.

KURIER: Ab wann wird der Borkenkäfer bei den aktuellen Schadholzbeständen in Unterkärnten aktiv und wie kann er bekämpft werden?
Johannes Thurn-Valsassina: Zum Glück haben wir derzeit in der Nacht noch Minusgrade, aber am Tag erreichen wir bereits acht Grad und damit im Schadholz an exponierten, sonnigen Stellen günstige Bedingungen zur Vermehrung des Borkenkäfers. 400.000 Festmeter Sturmwürfe liegen derzeit noch am Boden, das sind potenzielle Brutstätten für große Populationen. Wenn es dauerhaft warm wird und der Borkenkäfer zu fliegen beginnt, schrillen die Alarmglocken, dann ist auch der gesunde Waldbestand in Gefahr. Das Holz muss möglichst schnell aufgearbeitet werden.

Wie viel Festmeter Holz sind potenziell gefährdet?
Wir sprechen derzeit von sechs bis acht Millionen Festmetern im Vellachtal sowie in den Gemeinden Gallizien und Sittersdorf.

Wie groß wäre der finanzielle Schaden?
Es ist unmöglich, diesen zum aktuellen Zeitpunkt zu beziffern. Ein vom Borkenkäfer befallener Festmeter erzielt am Markt rund 30 Euro weniger Erlös.

Wie lange wird die Aufarbeitung des Schadholzes dauern?
Mit Sicherheit das gesamte Jahr 2018. Aber wir müssen rasch mit dem Abtransport an exponierten Stellen beginnen, bevor der Borkenkäfer fliegt. Natürlich wollen wir nicht das gesamte Straßennetz ruinieren und suchen gemeinsam mit Land und Gemeinden Korridore und Routen. Die Schäden an den Straßen stehen aber in keiner Relation zu den potenziellen Schäden am Baumbestand. Die Gefahr ist groß, man sollte nicht wegen ein paar 100.000 Euro ein solches Risiko eingehen. Und ich warne auch vor Folgeschäden, die den Wäldern in den kommenden Jahren drohen, wenn wir jetzt nicht rasch reagieren.