Chronik | Österreich
06.10.2017

Ein Mann kennt keinen Schmerz

Opferhilfe: Männer leiden am häufigsten unter Gewalt, holen sich aber wenig Unterstützung.

Ein 24-jähriger Uni-Absolvent ist mit seinem Laptop unterwegs zu einem Bewerbungsgespräch. Auf dem Bahnsteig in Baden, wo er auf den Zug nach Wien wartet, wird er mitten am Tag angegriffen. Der junge Täter schlägt zu, raubt Geldbörse und Laptop. Der Überfallene ist wie gelähmt. Dabei hat er sich doch immer für stark, reaktionsschnell, sportlich gehalten, der Mann hat von Kindheit an mehrere Kampfsportarten trainiert.

"Männer als Opfer werden assoziiert mit: schwach, hilflos, bedürftig", sagt Dina Nachbaur von der Opferschutzorganisation Weisser Ring: "Das können sie mit ihrem Selbstbild schwer vereinbaren, das ist mit viel Scham verbunden." Immerhin wird der Begriff "Du Opfer!" im Jugendslang sogar als Schimpfwort gebraucht. Deshalb scheuen Männer davor zurück, sich Hilfe zu holen.

Das Opfer vom Bahnsteig suchte Hilfe und brauchte ein halbes Jahr Psychotherapie, um die Selbstzweifel – sich nicht wehren zu können – abzulegen. Aber viele männliche Opfer bleiben in ihrer scheinbaren Versagerrolle gefangen.

Mutter ermordet

Dina Nachbaur betreute eine Frau, deren Mutter erstochen worden war. Ihr Mann hatte die tote Schwiegermutter in der dunklen Wohnung in einer Blutlache gefunden. Im Gespräch kam hervor, dass nicht nur die Frau unter der Situation mit der ermordeten Mutter leidet, sondern dass auch ihr Mann daran zu kiefeln hat.

Er kann seither nicht mehr ohne Licht schlafen. Und sogar wenn er mit dem Auto unterwegs ist, muss er sich beeilen, vor Einbruch der Dunkelheit daheim zu sein. Von sich aus hätte er keine Hilfe gesucht. Die Betreuerin seiner Frau konnte den Mann überreden, Therapie in Anspruch zu nehmen, damit sein Leben nicht mehr eingeschränkt ist.

Wie aus der aktuellsten Kriminalstatistik hervorgeht, sind Männer (nach wie vor) die häufigsten Täter: Von den im Vorjahr verurteilten 8433 Personen (67,1 Prozent Österreicher, 32,9 Prozent Ausländer) waren 7608 männlich.

Männer sind aber auch die meisten Opfer von Gewalt (75.000 gegenüber 48.000 Frauen). Am stärksten von außerhäuslichen Gewalthandlungen (überwiegend Raubüberfälle) betroffen sind Männer zwischen 19 und 29 Jahren.

Aber die Opferschutzeinrichtungen werden fast nur von Frauen frequentiert. Eine Kampagne des Weissen Ringes will die männlichen Opfer aus dem Dunkelfeld holen.

Der Vizeweltmeister im Beachvolleyball, Clemens Doppler, und der Schauspieler Xaver Hutter ("Vorstadtweiber", "Der Bozen-Krimi") werben mit ihrem (zerschundenem) Gesicht für das Projekt.

"Opfer haben Rechte", sagt Dina Nachbaur, "sie müssen nicht nur bei Gericht hinten sitzen." Zum Beispiel steht jedem Gewaltopfer laut Gesetz ein Schmerzensgeldvorschuss von 2000 Euro zu. Allerdings gibt es eine Verjährungsfrist von zwei Jahren, "und manche melden sich einfach zu spät. Dabei will die 2000 Euro doch jeder haben", sagt Nachbaur.

Weisser Ring

Mit der Kampagne will der Weisse Ring den Opfern den Zugang zum Recht verschaffen. Dina Nachbaur im Gespräch mit dem KURIER: "Im Gesetz steht, Gewaltopfer müssen nicht im Verhandlungssaal neben dem Angeklagten aussagen. Aber wer sagt das den Opfern? Und wer sagt dem Richter, dass er den Angeklagten rausschicken soll?"

Die Prozesshilfe schafft Abhilfe, aber man muss sie in Anspruch nehmen. Bei der Polizei soll deshalb den Opfern ab sofort der vom Justizministerium installierte rund um die Uhr verfügbare Opfer-Notruf 0800 112 112 genannt werden.

"Opfer-Sein ist kein lebenslanger Status", sagt Dina Nachbaur: "Man kann den Zustand beenden, indem man sich Unterstützung holt."

Zahlen und Fakten

Die Zahl der Verurteilungen ist im Vorjahr von 49.210 auf 47.645 zurückgegangen. Davon entfallen 17,7 Prozent auf Delikte gegen Leib&Leben.

295.472 Opfer von Straftaten gab es 2016, davon waren 60 Prozent männlich.

297.898 Beschuldigte gab es 2016, 79 Prozent Männer.

Bei Gewaltdelikten stehen 106.033 Beschuldigte 129.263 Opfern gegenüber.