Chronik | Österreich
17.09.2017

Ein Eremit, der nie einsam ist

Stan Vanuytrecht lebt seit Mai in der Einsiedelei. Zu ihm kommen "Menschen mit richtigen Problemen".

Durch dichten Wald und Nebel führt der schmale Weg zur Einsiedelei. Knappe 15 Minuten dauert die kurze Wanderung vom Parkplatz aus. Die Klause, die vor mehr als 350 Jahren hoch über Saalfelden im Salzburger Pinzgau an einen Felsen gebaut wurde, hat seit Mai einen neuen Bewohner.

Einsiedler Stan Vanuytrecht sitzt an diesem Donnerstagvormittag mit drei Gemeindearbeitern vor dem Eingang bei einer Tasse Kaffee. Der Anblick überrascht: Der 59-jährige Belgier trägt keine Kutte, sondern einen Blaumann. "Ora et labora", sagt er. Bete und arbeite.

Während für die Einwohner von Saalfelden der Himmel noch grau ist, blicken die Männer über die Nebelbank hinweg bis zu den schneebedeckten 3000ern der Hohen Tauern. Das herrliche Panorama lockt viele Gäste. "Tagsüber bin ich kein Einsiedler", gibt Bruder Stan offen zu. Die ersten Besucher kommen oft schon in der Früh. Und so mancher habe sich bereits gewundert, dass er um diese Zeit nicht zurückgrüßt. "Mein erstes Wort ist für ihn", sagt Bruder Stan und zeigt in den Himmel.

Der Belgier mit dem langen, weißen Bart und der Pfeife im Mund strahlt eine großväterliche Gelassenheit aus. Die braucht er auch. "Zwei, drei Mal die Woche kommen schon Menschen mit richtigen Problemen", erzählt Vanuytrecht. Wenn ein Kind gestorben ist oder sich ein Familienmitglied das Leben genommen hat, suchen Trauernde Trost beim Einsiedler. Bei Vanuytrecht stoßen sie auf ein offenes Ohr. "Wichtig ist, nicht zu urteilen, nur zuzuhören", sagt der Diakon.

Die Einsamkeit eines echten Eremiten vermisst der Belgier nicht. Sein ursprünglicher Plan wäre gewesen, in ein Trappistenkloster einzutreten. "Da hätte mir der Kontakt zu den Menschen gefehlt." Wobei das enorme Interesse an seiner Person nach der internationalen Medienberichterstattung "ein bisschen Wahnsinn" gewesen sei. Inzwischen ist wieder Normalität eingekehrt.

Wenig Freude bereiten dem 59-Jährigen Besucher, die "nur zum Saufen" kommen. Seine Vorgänger hätten vom Verkauf von Getränken gelebt, darunter reichlich Bier und Schnaps. Einer davon führte die Einsiedelei vor Jahren quasi als "Wirtshaus", wie sich Einheimische heute noch erzählen. Damit will Vanuytrecht aufräumen. Ab dem kommenden Jahr schenkt er keine Getränke mehr aus. Für die Gäste stellt er dann nur noch Wasser bereit. "Ich bin kein Kellner, ich bin Diakon", sagt Vanuytrecht bestimmt.

"Ort der Stille"

Auch über die Pläne der Stadtgemeinde, im Rahmen des Jazzfestivals im Sommer ein Konzert vor seiner Haustür zu veranstalten, war Vanuytrecht nicht begeistert. "Ich finde, es passt hier nicht, weil es ein Ort der Stille und Besinnung ist." Die Veranstaltung wurde schließlich in ein Gasthaus verlegt.

An das karge Leben hat sich der Einsiedler schnell gewöhnt. Dennoch will er sich demnächst eine Regenwasser-Dusche bauen. Auch die kleine Küche soll etwas modernisiert werden. "Ich will nicht leben wie ein Einsiedler vor 350 Jahren", sagt der Belgier. Bis Anfang November lebt Vanuytrecht noch am Berg. Im April will er zurückkehren. In Saalfelden hat er eine zweite Heimat gefunden. Die Einheimischen erinnern ihn an seine flämischen Landsleute. "Sie sind stolz, aber bescheiden und lachen gern. Ich fühle mich zu Hause."

Leben in der Klause

Heute gibt es wie damals kein fließendes Wasser und keinen Strom. Zwei Mal in der Woche wandert der Einsiedler daher hinunter ins Tal, um seine Einkäufe zu erledigen.

Die Suche nach dem neuen Bewohner für die Klause fand international Beachtung. Sogar ein Fernseh-Team der britischen BBCreiste in den Pinzgau, um einen Beitrag zu drehen. Pfarre und Stadtgemeinde Saalfelden hatten schließlich die Qual der Wahl: Sie mussten Stan Vanuytrecht aus mehr als 50 Bewerbern auswählen.