Doktorarbeit aus Geisterhand: Neue Branche boomt

Doktorhut und Euro. Symbol fürBildungskosten in Eu…
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Agentur von Thomas Nemet ist darauf spezialisiert, akademische Arbeiten zu schreiben. Für genügend Bares gibt es den Titel.

Wenn "Magister" oder gar "Doktor" auf der Visitenkarte steht, dann schindet das in Österreich nach wie vor viel Eindruck. Um das zu erreichen, müssen aber erst seitenweise wissenschaftliche Arbeiten verfasst und abgeliefert werden.

Das ist selbstverständlich mit einem enormen Aufwand verbunden, der immer mehr Studierenden offenbar zu groß ist. Das beweist der Boom einer neuen Branche, die für das nötige Kleingeld gern die lästige Doktorarbeit schreibt.

Sucht man nach Anbietern, finden sich sofort zahlreiche Webseiten. Und obwohl es vielleicht auf den ersten Blick so aussieht, als ob das Ghostwriting nicht rechtens wäre, sind die Autoren nicht zu belangen. Wieso, weiß Dr. Thomas Nemet. Er gründete 2004 eine der größten Ghostwriting-Agenturen im deutschsprachigen Raum.

KURIER: Hatten Sie jemals moralische Bedenken, weil Sie für andere die Doktorarbeiten schreiben?
Thomas Nemet:
Nein. Unsere Kunden unterschreiben, dass sie die Arbeit nicht in ihrem eigenen Namen abgeben werden. Was sie dann damit machen, kümmert mich nicht. Wenn manche Menschen behaupten, dass es nicht ganz astrein ist, ist mir das egal. Wir hatten deswegen auch noch nie rechtliche Probleme.

Wie funktioniert das "Shopping" für Diplomarbeiten?
Die Kunden sagen uns, was sie brauchen. Dann gibt es von uns einen Kostenvoranschlag. Nach einer Anzahlung muss der Kunde dann ein Exposé, das wir verfassen, absegnen. Die Zusammenarbeit mit den Kunden ist dann natürlich oft eng, so dass das Ergebnis am Ende stimmt.

Die Vielfalt an Studienrichtungen ist enorm. Übernehmen Sie alle Aufträge, von Atomphysik bis Theaterwissenschaften?
Prinzipiell ja. Wir haben rund 350 Autoren, die für uns tätig sind. Das sind alles Experten auf ihrem Fachgebiet. Es kommt auch öfter vor, dass wir nur bei Teilen der Arbeit helfen. Wenn schwierige statistische Auswertungen gemacht werden müssen, zum Beispiel. Es kann dann nur sein, dass die Atomphysik-Arbeit teurer ist als die für Theaterwissenschaften.

Ghostwriter Thomas Nemet… Foto: acad-write 'adac-write'-Chef Thomas Nemet hat keine moralischen Bedenken

Wie berechnet sich der Preis?
Meist wird pro Seite bezahlt. 60 bis 70 Seiten für eine Diplomarbeit kosten im Schnitt 4000 bis 5000 Euro. Wenn extrem umfangreiche oder schwierige Themen bearbeitet werden, dann kann es aber auch schon bis zu 50.000 Euro oder mehr gehen. Das ist sehr unterschiedlich.

50.000 Euro sind eine Menge Geld. Gibt es oft solche Aufträge?
Es kommt hin und wieder vor. Aber wir haben zum Beispiel auch Stammkunden, die wir ihr ganzes Studium hindurch begleiten dürfen. Von der Bachelorarbeit bis zu Doktorarbeit stammt dann alles aus unserer Feder. Da summieren sich natürlich die Kosten. Aber andererseits ist, das auch eine gute Strategie, weil dann der Stil aller Arbeiten gleich ist, und niemand merkt, dass der Student nicht selber am Werk war.

Aufgeflogen

Ghostwriter haben in Österreich leichtes Spiel

Stellt sich die Doktorarbeit als Fälschung heraus, bekommt man eine neue Chance.

Die Ghostwriter-Branche boomt bei Studierenden. Wie Experte und Agenturchef Thomas Nemet im Interview (siehe oben) erklärt, kann man eine unter falschem Namen abgegebene Arbeit nur am Stil erkennen.

Der zuständigen Professorin an der Universität Wien, Brigitte Kopp, ist das durchaus bewusst: "Wir prüfen natürlich alle Arbeiten, doch das Einzige, das wir tatsächlich nachweisen können, ist, ob es sich um ein Plagiat handelt." Jedes abgegebene Werk wird von einer Plagiats-Software genau unter die Lupe genommen. Sind also Zitate oder Ähnliches schon eins zu eins in anderen Werken erschienen, dann bekommt der Studierende ein Problem.

Nur sehr schwer feststellen lässt sich hingegen, ob die Arbeit aus der Feder eines Ghostwriters stammt: "Das merkt man nur, wenn der Studierende immer schwach war, und plötzlich eine makellose Arbeit präsentiert. Hat ein Ghostwriter die Finger im Spiel, merkt man das meistens nicht. Es wird wahrscheinlich sehr darauf geachtet, korrekt zu zitieren und keine unnötigen Fehler zu machen", erklärt Kopp.

Seit 2006 gab es an der Universität Wien insgesamt 31 Verfahren wegen Plagiats-Verdacht. In 17 Fällen waren Herr und Frau Doktoren danach ihre Titel wieder los. Ob sich auch Ghostwriter-Arbeiten darunter befanden, sagt Kopp nicht.

Geringe Konsequenzen

An dem wirtschaftlichen Erfolg der Agenturen trägt hierzulande aber nicht zuletzt auch das System bei. Die Konsequenzen für unehrenhafte Studenten sind nämlich gering.

"Wenn nachgewiesen wird, dass ein Werk eine Fälschung ist, dann wird der Titel vorerst aberkannt", erklärt Kopp. Dann bleiben zwei Möglichkeiten: Ist der Fehler nur gering, kann der Studierende die Textstellen überarbeiten und erneut abgeben. Ist alles komplett gefälscht, muss der Verfasser eine neue Arbeit schreiben. Diese Möglichkeit bleibt immer und immer wieder. Egal, wie oft man fälscht.

(kurier) Erstellt am
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