Chronik | Österreich
08.08.2018

„Die Welle“ in allen burgenländischen Schulen gestoppt

NS-Verfahren gegen Schüler, die Film nachspielten. Aufsichtslehrerin bekam von den Vorfällen nichts mit

Seit dem vergangenen Schuljahr ist „Die Welle“ in sämtlichen burgenländischen Schulen gestoppt. Die im März erteilte Weisung des Bildungsdirektors des Landesschulrates, den Film nicht mehr im Unterricht zu zeigen, war die erste Maßnahme nach Bekanntwerden der Vorfälle in der Neuen Mittelschule Zurndorf.

Wie der KURIER berichtete, spielten Schüler einer 4. Klasse tagelang in den Pausen den Film über ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment an einer US-Highschool zur Verdeutlichung des NS-Regimes nach. Im Gymnastikraum mimten einige die SS-Männer, während andere die Rolle der Juden übernehmen mussten und in einem (nicht versperrbaren) Lagerraum „eingesperrt“ wurden. Ein knapp 15-Jähriger übernahm den Part des „Führers“ und forderte von den anderen einen auf seinen Vornamen abgeänderten „Hitler-Gruß“ ein (er wurde deshalb später von der Sportwoche ausgeschlossen).

Auf Handy gefilmt

Als eine Lehrerin das – von einem Schüler mit Handy mitgefilmte – Treiben mitbekam, alarmierte die stellvertretende Direktorin die Polizei. Das Landesamt für Verfassungsschutz ermittelte, die Staatsanwaltschaft Eisenstadt führt seit Monaten ein Verfahren wegen NS-Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz. Der Wiener Rechtsanwalt Andreas Schweitzer steht den Schülern – die von einem „großen Blödsinn“ sprechen – bei und wartet auf einen Beschluss auf Einstellung des Verfahrens. Er kritisiert, dass pädagogische Mängel auf dem Rücken der Schüler ausgetragen werden.

Falsch angekommen

Bildungsdirektor Heinz Zitz erklärt im KURIER-Gespräch, die pädagogische Aufarbeitung des Films „Die Welle“ habe bisher überall funktioniert. In Zurndorf müsse das irgendwie „falsch angekommen“ sein.

Möglicherweise hat man die Schüler mit der Bewältigung des Themas allein gelassen. Dafür sprechen manche Aufsätze der Schüler, aus denen sich ein gewisses Unverständnis ergibt. Die Klassenvorständin gab bei ihrer Zeugenbefragung an, sie habe gar nicht gewusst, dass der Film „Die Welle“ bereits gezeigt wurde.

Bildungsdirektor Zitz beklagt, er habe sich bei einem „hoch emotionalen“ Termin in der Schule vor den Eltern drei Stunden lang für etwas verantworten müssen, „wofür ich ja gar nichts kann“. Seit damals werde gemeinsam mit dem Verfassungsschutz analysiert, was da passiert ist. Dass nicht womöglich mehr dahinter steckt, will Zitz „nach 14 Jahren in der Schulaufsicht erst am Ende des Tages glauben“.

Auch die Frage, ob die Lehrer ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt haben, werde geprüft. Von einer disziplinären Untersuchung will Zitz nicht sprechen. In einer Stellungnahme der Schule wurde behauptet, dass es in den Pausen sehr wohl eine Aufsicht gegeben habe.

Noch eine Klasse

Das widerspricht freilich den Gegebenheiten sowie den protokollierten Aussagen im Ermittlungsverfahren.

Sämtliche involvierten Schüler gaben an, kein Lehrer habe sie in den betreffenden Pausen beaufsichtigt. Als das „Spiel“ schon tagelang lief, kamen die Schüler der Parallelklasse dazu, weil sie dachten, es werde in dem (für manche Pausen frei gegebenen) Gymnastikraum Fußball gespielt. Sie beteiligten sich an dem Spektakel, vier von ihnen wurden gleich als „Juden“ rekrutiert.

Eine Lehrerin, für die der Lärm nicht mehr zu überhören war, sprach eine Ermahnung aus. Allerdings hinterfragte sie nicht, mit welcher Pausenbeschäftigung die Schüler so einen Lärmpegel erzeugten.

Als Aufsichtsperson für die großen Pausen (im Gymnastikraum) war übrigens die Deutschlehrerin eingeteilt, in deren Unterricht der Film „Die Welle“ gezeigt und das Buch gelesen worden war. Sie gibt an, „von den ganzen Vorfällen nichts mitbekommen“ zu haben.