Chronik | Österreich
01.10.2017

Die tägliche Gratwanderung in der Pflege

Heime unter Kontrolle, Pfleger unter Druck. Sind Alte und Kranke in Pflegeheimen gut aufgehoben? Der KURIER hat Erfahrungsberichte gesammelt und war zu Besuch in einem Wiener Heim.

Frau Emmi (87) schiebt eilig ihren Rollator vor sich her. Es ist kurz vor 10 Uhr, sie muss sich schon etwas tummeln, denn um 10 Uhr trifft sie ihre Freundinnen in der Caféteria. Als sie die Rezeption im Eingangsbereich passiert, ruft sie laut "Guten Morgen" und die Rezeptionisten rufen zurück. "Ich bin hier schon bekannt, wie ein falsches Geld", sagt Frau Emmi.

Seit eineinhalb Jahren lebt sie im Pflegewohnheim Haus der Barmherzigkeit in Wien-Ottakring. Jeden Tag nachdem sie ihre Schulter infiltrieren hat lassen, spaziert sie zum Kaffeetratsch mit Gerti (62), Christi (76) und Berti in die Caféteria. Frau Emmi trinkt einen kleinen Braunen "damit ich munter werd", sagt sie. Berti und Gerti essen ein Eis. Frau Gerti immer Schokolade, Vanille und Erdbeere, mit einem Tupfen Schlagobers und zwei Hohlhippen; sieben Minuten braucht sie dafür, das haben die Damen gestoppt.

"Uns geht’s eh gut hier" erzählt Frau Emmi. "Nur das Essen...", sagt sie und verdreht die Augen. Da sei sie ein bisschen streng, schließlich habe sie jahrelang selbst gekocht.

Das Haus der Barmherzigkeit, in dem die vier Damen wohnen, ist ein Schwesternhaus des Clementinum in Kirchstetten in Niederösterreich, wo mehrere (Demenz-)Patienten gequält und missbraucht worden sein sollen (siehe Bericht rechts).

Hilflos ausgeliefert

Können sich Angehörige noch darauf verlassen, dass ihre Familienmitglieder in Pflegeheimen auch gut aufgehoben sind? Wie ist ein Fall wie in Kirchstetten möglich? Hätte er verhindert werden können?

Seit die Missstände im Clementinum im Herbst 2016 bekannt wurden, ist das Haus der Barmherzigkeit in Wien-Ottakring neun Mal kontrolliert worden. Alle drei Jahre ist Usus. "Wir schauen sehr genau, welche Mitarbeiter wir einstellen", sagt Pressesprecher Christian Zwittnig. "Wenn wir uns später bei einem Mitarbeiter nicht zu 100 Prozent sicher sind, trennen wir uns von ihm", sagt Zwittnig.

Pflegekräfte tragen viel Verantwortung im Job, bekommen wenig bezahlt und stehen oft unter (Zeit-)Druck (siehe Berichte unten). Als die Vorwürfe aus Kirchstetten öffentlich wurden, seien alle anderen Pfleger schockiert gewesen. "Ich war entsetzt", sagt die diplomierte Pflegerin und Geschäftsführerin im Haus der Barmherzigkeit, Eva Mutz-Amon. "Die Menschen sind uns ja ausgeliefert." Kontrollen – darüber, wer wen wann behandelt hat, wer wem welche Medikamente verabreicht hat – gebe es viele. "Achtsam muss man sein", sagt Sladjana Romić, die die Station "Lazarus" leitet – mit den Patienten und auch so.

Dass zwei der fünf Verdächtigen aus NÖ in Wien weitergearbeitet haben und das auch noch zusammen und sogar alleine im Nachtdienst, sorgte indes für Empörung. Doch die Unschuldsvermutung gilt in einem Rechtsstaat für jeden, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, noch nicht verurteilt ist. Auch für Menschen, die so Abscheuliches getan haben sollen. Vor einer Einstellung werde von Pflegekräften zwar ein Strafregisterauszug gefordert, aber solange es zu keiner Verurteilung gekommen ist, gibt es auch keinen Eintrag im Register. "Natürlich gibt es ein Recht des Individuums auf Datenschutz", sagt Peter Hacker, Chef des Fonds Soziales Wien. "Das darf aber nicht vor dem Schutz unserer Einrichtungen, der Mitarbeiter und Kunden stehen." Hacker berät sich in dieser Sache am Dienstag mit Vertretern der Wiener Sozialeinrichtungen. Gemeinsam will man Wünsche an den Gesetzgeber formulieren.

Niederösterreichs Patientenanwalt Gerald Bachinger plädiert für eine Gesetzesänderung. "Wie im Ärztegesetz sollte es auch für Pflegekräfte bei Fehlverhalten die Möglichkeit eines vorläufigen Berufsverbots geben. Mir ist Opferschutz wichtiger als Täterschutz, besonders bei so schutzbedürftige Personen." Den Einwand, dass dadurch eine ganze Berufsgruppe verunglimpft werde, lässt Bachinger nicht gelten. "So wurde bei den Ärzten auch nie argumentiert." Im Falle von Kirchstetten "gab es eindeutige Hinweise, dass da etwas im Team und mit den Führungskräften nicht gepasst hat."

Volksanwalt Günther Kräuter sieht ein strukturelles Problem und fordert einheitliche Qualitätsstandards. Es brauche mehr Gewaltprävention, Supervision für die Mitarbeiter und eine Strategie, wie mit Demenzkranken umzugehen ist. "Wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist die Gefahr, dass etwas schiefläuft, tendenziell höher." Die Unschuldsvermutung für die Pfleger dürfe nicht außer Acht gelassen werden, meint Kräuter, aber: "Im Zweifel muss man in so einem sensiblen Bereich für die Bewohner agieren."

Ermittlungen dauern bereits ein Jahr

Es war der 14. Oktober 2016, als eine Mitarbeiterin des Pflegeheims St. Clementinum in Kirchstetten in Niederösterreich um ein Gespräch mit ihren Vorgesetzten bat. Was die Leitung dort zu hören bekam, ließ sie erschaudern. Die Frau berichtete, dass es auf der Station St. Anna, in der vor allem schwer demente Menschen betreut werden, zu massiven Übergriffen gegen die Patienten gekommen sein soll. Wehrlose sollen im Genitalbereich mit Franzbranntwein "behandelt" worden sein, auch von Prügel und Erniedrigungen war die Rede. Eine Frau soll gezwungen worden sein, ihre Exkremente zu essen.

Das Heim reagierte umgehend und alarmierte die Polizei. Daraufhin begannen Ermittler des Landeskriminalamtes NÖ mit Befragungen der Zeugen. Für die Verdächtigen setzte es eine fristlose Entlassung, zudem hatten sie kurze Zeit später Besuch von den Kriminalisten. Die Ermittler beschlagnahmten im Zuge der Durchsuchungen Mobiltelefone und Computer. Der Verdacht, über den auch der KURIER berichtete, sollte sich bestätigen. Demnach soll sich darin einer der Pfleger als "Blauensteiner" (Die Serienmörderin vergiftete ihre Opfer, Anm. d. Red.) oder "Lainz-Schwester Waltraut" bezeichnet haben.

Medikamente

Wieso es in der Causa nach fast einem Jahr immer noch keine Entscheidung über eine Anklage gibt, hat laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft St. Pölten, Leopold Bien, mehrerlei Gründe. Nach der Anzeigenerstattung im Oktober 2016 hielt es der gerichtsmedizinische Sachverständige für beinahe unmöglich, durch eine Untersuchung der möglichen Opfer eine Kausalität zu etwaigen Tathandlungen herzustellen. Patienten mit derart hohen Pflegestufen weisen auf Grund ihrer Bettlägerigkeit und den großen Anstrengungen bei ihrer Pflege (in den Rollstuhl heben etc.) häufig Hämatome auf, die nicht von Misshandlungen herrühren.

Deshalb habe die Staatsanwaltschaft erst Ende April den Gerichtsmediziner mit einem speziellen Gutachten beauftragt. "Im Fokus steht, ob die Medikamentierung und die eingenommenen Substanzen der Patienten im Einklang mit ihrer Krankenakte stehen", so Bien. Es gilt zu klären, ob die rund ein Dutzend Betroffenen eventuell "ruhig gestellt" wurden. Auf Grund des Umfangs dauere das Gutachten noch.Patrick Wammerl

Ich sehe den Beruf als Berufung

Der Pflegeberuf gilt als herausfordernd, zeitintensiv und wird mit schlechter Bezahlung verbunden. Trotzdem werden Berechnungen zufolge bis zum Jahr 2050 40.000 weitere Stellen gebraucht, um die Generation der "Babyboomer" zu versorgen. Pflegerin Maria Voigt (Name von der Redaktion geändert), die in einem Krankenhaus arbeitet, erzählt im Gespräch mit dem KURIER von ihrer Arbeit und warum dieser Beruf für sie trotz allem der schönste ist, den es geben kann.

KURIER: Wie beginnt ein normaler Arbeitstag als Pflegekraft im Krankenhaus? Maria Voigt: Er beginnt damit, die Patienten für das Frühstück aus dem Bett zu bringen. Bereits da muss man die meisten dabei unterstützen, aufzustehen. Danach folgt die Körperpflege. Je nach Zustand führen wir dann therapeutische Pflege durch, wechseln Verbände, nehmen Blut ab und bereiten uns auf die Visite vor. Bei einer Visite informieren sich die Ärzte über den Zustand der Patienten – die Pfleger berichten ihnen über aufgetretene Symptome, ob die Patienten die Nacht gut verbracht haben. In der Nacht öffnen sich Patienten eher und reden über ihre Ängste und Gefühle.

Wie kommuniziert man mit Menschen, die sich nicht mehr normal ausdrücken können?Bei Patienten, die kognitiv eingeschränkt sind, erfordert es genaue Beobachtung. Anders als in Altenheimen, wo sich Patienten und Pfleger lange und gut kennen, ist es in Krankenhäusern oft schwierig, die Bedürfnisse der Patienten zu erkennen.

Gibt es dafür Hilfsmittel?Es gibt zum Beispiel Skalen, mit deren Hilfe man die Schmerzen der Patienten einschätzen kann. Dafür ist es wichtig, die Mimik zu beobachten, den Puls und die Atemfrequenz zu messen. Je besser man die Patienten kennt, desto schneller kann man auf sie eingehen.

Belastet der Beruf die Psyche?Man kommt in Situationen, wo man an seine Grenzen geht. Vor allem, wenn es Patienten sind, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, wie man selbst. Wenn ich eine Mutter in meinem Alter an ihrem Lebensende betreue, geht mir das sehr nahe. Dann kommt es darauf an, dass das Team zusammenarbeitet und sich gegenseitig unter die Arme greift. Ich kenne einige Pflegepersonen, die bereits ein Burn-out hatten und den Beruf gewechselt haben.

Wie gehen Sie mit solchen Situationen um?Es ist wichtig, Beruf und Privatleben zu trennen. In meiner Freizeit suche ich Ausgleich, gehe in die Natur, treibe Sport. Ich muss merken, dass ich am Leben bin, gesund bin. In der Arbeit mache ich mir immer klar, dass ich meinen Beruf als Berufung sehe. Ich will meinen Patienten die beste Lebensqualität geben. Für mich ist das der schönste Beruf, den es gibt.

Wie sehen Sie die Pflegeausbildung in Österreich?Durch die Novelle im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz wird die Ausbildung theoretischer. Zwar wissen die neuen Pfleger mehr, sind aber oft nicht gut genug auf die Herausforderungen in der Praxis vorbereitet. Während der dreijährigen Ausbildung erhalten die neuen Pflegekräfte aber viel Wissen auf hohem Niveau.

Den Resoluten geht’s besser

Die Diagnose der Oma war schlecht. Krebs, sehr böser Krebs. Weil meine Oma, 85 Jahre alt, aber eine große Kämpferin war, zeigte sie dem Tod neuerlich die lange Nase. Klar war nach diesem abermaligen Krankenhaus-Aufenthalt jedoch, dass sie umfassende, professionelle Pflege brauchte. Und auch sie selbst erkannte, dass es diesmal wohl ohne Pflegeheim nicht mehr gehen würden.

Innerhalb weniger Tage war ein Heimplatz verfügbar. Die Stadt Wien ist da bestens organisiert. Den ersten Vorschlag, ein Pflegeheim im zweiten Bezirk, lehnte die Oma ab. Sie hat ihr Leben im 23. verbracht und wollte von dort nicht weg: "Hier bin ich daheim, hier sind meine Freunde." Ein paar Tage später das Angebot eines Platzes im Helmut Zilk Haus in Liesing – ein Vorzeigeprojekt der Stadt Wien, neu, schön gebaut, in kleine Einheiten unterteilt, überschaubar. Und weil meine Oma sehr überzeugend sein konnte, bekam sie nach einer Woche auch schon ein Einzelzimmer.

Sie war zufrieden mit dem Essen, mit der Ausstattung des Pflegeheims, mit dem neuen Rollstuhl und den Therapien, die sie bekam. Und sie freute sich über den Friseur, der ans Bett kam, wenn sie ihn bestellte.

Nix übrig

Die Pflege im Helmut Zilk Heim ist bemüht. Und dann umfassend, wenn man sich artikulieren kann, wenn man sagt, was man braucht, wenn man einfordert. Das konnte die Oma bis zuletzt. Sie war eine resolute Frau, die sich nie etwas gefallen hat lassen. Und so dirigierte sie auch im Helmut Zilk Haus und sagte laut, was ihr nicht gefiel. Ihre Beschwerden waren immer die gleichen: "Es gibt zu wenig Personal. Die Pfleger sind überlastet. Manche sind nicht ausgebildet und sprechen schlecht Deutsch. Wenn ich läute und Hilfe brauche, dauert es oft Stunden, bis jemand ins Zimmer kommt." Ihre größte Kränkung: "Das Heim ist so teuer und sie nehmen mir fast meine gesamte Pension weg." Tatsächlich blieb kein Geld übrig, weil sie ihre Wohnung, in der sie 50 Jahre lebte, nicht aufgeben wollte. "Zu Weihnachten bin ich wieder daheim", lautete ihr großes Ziel. Das blieb ihr leider verwehrt. Sie starb kurz nach Weihnachten.

Gute und schlechte Tage

Als meine Tante mit fast 82 Jahren von jetzt auf gleich erblindete, brach ihre Welt zusammen, aber sie konnte dank der Hilfe ihrer Zwillingsschwester in ihrer Wohnung bleiben. Drei Jahre später, nach einem Schlaganfall, ging es beim besten Willen nicht mehr: Schweren Herzens besichtigten wir das Altersheim in ihrer Salzburger Heimatgemeinde – und waren positiv überrascht: Ein neu gebautes, helles, freundliches Haus; kein großer Speisesaal, sondern pro Stock zwei gemütliche Esszimmer; überall überdachte Terrassen, ein begrünter Innenhof, nette Einzelzimmer mit Bad. Und die Pflegerinnen und Pfleger kamen herzlich auf uns – und was noch wichtiger ist: auf meine Tante zu, die zwei Tage lang durchgeheult hat, als sie von der Übersiedlung ins Altersheim erfahren hat.

Wen wundert’s. Jeder weiß, das Altersheim ist die letzte Lebensstation.

Jeder weiß, du bist in einem Heim eine(r) von vielen, die Hilfe brauchen.

Und vor allem: Du bist dem Pflegepersonal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Dankbarkeit

Seitdem sind zwei Jahre vergangen, zwei Jahre mit guten, normalen und schlechten Tagen. An guten sagt meine mittlerweile 87-jährige Tante, sie sei dankbar, dass sie hier so gut versorgt wird. Die normalen Tage verrinnen einfach. Aber die schlechten Tage, die setzen allen zu: Das sind Tage, an denen etwa der Nachtdienst vergessen hat, die Glocke so zu justieren, das sie meine blinde Tante ertasten kann, wenn sie in der Nacht zur Toilette geführt werden muss. Ohne Glocke, keine Chance. Dann schreit sie. Stundenlang. Bis sie endlich wer hört. Dann ist sie erschöpft, verzweifelt, wütend und brüllt alle nieder.

Es dauert Tage, bis sie sich wieder davon erholt. Gott sei Dank kommt das nicht oft vor, aber eben doch – nicht zuletzt wegen der enormen Arbeitsbelastung, die sich auf zu wenige Pflegekräfte verteilt.