Chronik | Österreich
19.08.2018

Die öffentliche Hand baut selten billig

Bei heimischen Infrastruktur-Großprojekten fehlen generelle Spielregeln – und häufig Expertise.

Klüger, das wissen auch alle Bauherren, klüger ist man immer erst hinterher. Folglich wird erst 2020 feststehen, ob der Umbau des Parlaments ein Erfolg gewesen sein wird – oder das nächste in der langen Reihe öffentlicher Bauvorhaben, die entweder ihre Zeitvorgaben oder ihren Budgetrahmen, gerne aber auch beides überschreiten.

Krankenhaus Nord, Skylink, Stadthallenbad – alleine in der jüngeren Vergangenheit gibt es dafür genügend Beispiele.

Aber warum ist das so?

Experten nennen auf Nachfrage eine ganze Reihe von Gründen von schwankender Konjunktur bis zur politischen Einflussnahme. Allen voran aber Bauherren, die in der Materie nicht sattelfest sind. Oder wie es Christian Kühn, Studiendekan der Architektur an der TU Wien, formuliert: An den entscheidenden Stellen sitzen zu oft Menschen, „die vom Bauen keine Ahnung haben“.

Freilich sind öffentliche Millionengräber kein Österreich-Spezifikum. Ein Blick nach Deutschland zeigt: Auch dort hat man in den letzten Jahren mit der Hamburger Elbphilharmonie, dem Bahnhof Stuttgart 21 und dem neuen Berliner Flughafen eine wenig erbauliche Serie öffentlicher Projekte hingelegt.

Strategische Täuschung

In Zahlen: 2015 ergab eine Untersuchung 87 deutscher Großbauprojekte eine durchschnittliche Kostenüberschreitung von 44 Prozent. Als Gründe nennt die Studie unter anderem unerfahrene Planer, Über-Optimismus – also unterschätzte Risiken und überschätzte Vorteile – und strategische Täuschung seitens der Politik. Oder in Kühns Worten: „Niedrigere Kosten angeben, damit man es politisch durchbringt.“

Einen anderen Weg ging man in Großbritannien, wo seit 2010 eine eigene Behörde alle großen Infrastrukturprojekte von Beginn an begleitet, evaluiert– und bei Fehlentwicklungen auch eingreift. Eine Empfehlung, die auch die deutsche Studie der Politik mit auf den Weg gab.

Kärntner Vorzeigefall

Freilich braucht es nicht zwingend eine Behörde, um ordentlich zu bauen. Nur den Mut, sich mangelnde Expertise einzugestehen.

Der 2010 eröffnete Neubau des Klinikums Klagenfurt gilt als Musterbeispiel. Das lag für den Generalplaner Heinz Priebernig vor allem am – extern zugekauften – und „sehr starken“ Bauherren. Sowie der umfassenden Planung unter Einbeziehung aller späteren Nutzer schon in der Vorentwurfsphase.

Ohnehin ist Priebernig aber überzeugt, dass „öffentliche Auftraggeber nicht in der Lage sind“, ohne externe Expertise Projekte gut abzuwickeln.

Diese nötige Expertise gibt es auch vom Rechnungshof. Würde man aus dessen Prüfberichten künftige Projekt-Spielregeln ableiten, wäre auch schon viel geholfen, ist Kühn überzeugt.

Teure Groß-Bauprojekte der jüngeren Vergangenheit

Parlament. Für den Umbau des Hohen Hauses wurde ein gesetzlicher Kostendeckel von 352,2 Millionen Euro festgeschrieben. Einer drohenden Überschreitung dieses Rahmens wegen der hohen Baukonjunktur wurde im Jänner mit kleineren Umplanungen entgegengetreten. Bis März 2021 sollen alle Abgeordneten und Mitarbeiter aus den Ausweichquartieren rückübersiedelt werden.

Krankenhaus Nord. Das Großspital in Wien-Floridsdorf hätte 2016 eröffnet werden sollen. Mittlerweile geht man von einem Vollbetrieb im Herbst 2019 aus. Die Kosten kletterten von ursprünglich 825 Millionen auf mindestens 1,3 Milliarden Euro. Der Rechnungshof kritisiert, dass dem Bauträger (Wiener Krankenanstaltenverbund) das Know-how für das Projekt fehlte.

Hauptbahnhof Wien. Der rund eine Milliarde Euro teure Neubau gilt trotz Rechnungshof-Detailkritik als Erfolg.

Klinikum Klagenfurt. Musterbeispiel dank Planung und Abwicklung aus einer Hand: der 327,5 Millionen Euro teure Neubau des Klinikums Klagenfurt.