Situation nach geplanten und untersagten Demos in Wien am Wochenende

© APA/HERBERT NEUBAUER

Interview
02/01/2021

Die Folgen der Pandemie: Experte spricht von "toxischer Mischung"

Die Folgen der Pandemie drohen zur Zerreißprobe für unsere Gesellschaft zu werden. Wo stehen wir? Experte Nicolas Stockhammer im Interview.

von Ulrike Botzenhart

Für unsere Gesellschaft droht durch die Folgen der Pandemie die Spaltung. Krawalle wie in den Niederlanden sind beunruhigende Vorboten. Die FAKTEN sprachen mit Nicolas Stockhammer (45), Sicherheitsexperte und Terrorismus-Analytiker von der Uni Wien.

Wie zersplittert ist die Gesellschaft in Österreich schon?

Nicolas Stockhammer: Man kann seit geraumer Zeit in Europa beobachten, dass die zusammenwirkende Kraft der Gesellschaft, sozusagen der Kitt, der über die Strukturen hinweg alles zusammengehalten hat, bröckelt. Das hat vor allem sozioökonomische Gründe. Die Corona-Krise wird in ihrem Schlepptau eine globale Wirtschaftskrise bringen, die sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf die Arbeitslosigkeit, die Wohlstandsentwicklung auswirken wird.

Es wird Fortschrittsverlierer und -gewinner, Krisengewinner und -verlierer geben. Und aus diesem Substrat heraus wird sich am negativen Ende ein neuer Pool von Extremisten ansammeln. Generell werden die Ränder stärker bespielt werden. Es ist auch davon auszugehen, dass populistische Parteien in ganz Europa genau diese Ränder am rechten und linken Ende mit ihren Botschaften adressieren und größeren Zulauf erlangen werden.

Welcher Kitt hält uns in Österreich zusammenhalten?

Der Kitt, der uns über Jahrzehnte zusammengehalten hat und auch noch da ist, aber bröckelt, ist das Prosperitätsversprechen – dass jeder, gleichgültig ob als geborener Österreicher oder Zuwanderer, eine sozioökonomische Perspektive hat. Der Kitt sind kulturelle und wertebasierte Wurzeln, die man teilt oder zumindest als erstrebenswert anerkennt. Man muss seine Kultur nicht aufgeben, aber das Wertefundament der Aufnahmegesellschaft respektieren und würdigen.

Ist das schon Geschichte?

Man kann seit geraumer Zeit beobachten, dass es einen Zulauf an den Rändern gibt, dass Unzufriedenheit größer wird. Das würde ich auch eher sozioökonomisch sehen: Dass Menschen Perspektiven verloren haben, arbeitslos wurden, vielleicht in der Covid-Krise Kurzarbeit hatten, und ein wenig den Glauben verloren haben, dass Europa im geopolitischen Kampf um die Vorherrschaft noch eine Position einnehmen wird, von der man sagen kann, dass das mittel- oder langfristig ein Ort ist, wo Kinder und Enkelkinder eine gute Zukunft haben werden.

Es fehlt die große Perspektive?

Es gibt Dekadenzerscheinungen in Europa, und einige Kulturpessimisten behaupten, wir hätten den Zenit unserer Wohlstandsentwicklung überschritten und dass jetzt die Rezession folgen müsse. Ich persönlich bin nicht so pessimistisch, aber es gibt Indikatoren, die das nahelegen könnten. Zum Beispiel, wie entwickeln sich die Wirtschaftsdaten in China? Wie unsere Demografie? Während in anderen Regionen die Bevölkerung explodiert, werden wir weniger und veraltern.

Da stellt sich die Frage, ob uns dann noch die Innovation beschert sein wird, die uns über viele Jahrzehnte geprägt hat. Das kann man nur durch gute Bildung und Ausbildung kompensieren. Und auch da gibt es Defizite, wenngleich das vielleicht Jammern auf hohem Niveau ist.

Was wird entscheidend?

Die Frage ist, ob wir uns diesen Sozial- und Wohlstandsstaat auf Dauer leisten können? Und wenn ja, wo werden wir Einbußen machen müssen? Wird man im Gesundheitssystem einsparen müssen? Im Bildungssystem? Wird unser Pensionssystem grundlegend überarbeitet werden müssen? Das sind Fragen, denen wir uns als Generation stellen müssen. Darauf wird aber die Politik Antworten finden müssen. Potenzial hätten Europa und Österreich genug. Wir haben sehr gut ausgebildete Personen, die Frage ist, ob die Bereitschaft da ist, sich wirklich noch einmal voll ins Zeug zu legen. Den durchschnittlichen Europäern geht es vergleichsweise gut, sie spüren nicht den Druck, alles zu geben. Aber vielleicht ändert sich das jetzt durch die Corona- und Wirtschaftskrise.

Und die Krisenverlierer?

Nicht jeder geht auf die Straße und revoltiert gegen die Obrigkeit. Aber am Rande der Anti-Corona-Demos rekrutieren Extremisten Unterstützer. Die toxische Mischung, die aktiv ist, muss vom Staats- und Verfassungsschutz sehr genau beobachtet werden.

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