Leitete die Kultusgemeinde in Salzburg mehrere Jahrzehnte lang: Marko Feingold.

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Nachruf
09/20/2019

Der Tod des Präsidenten: Marko Feingold starb mit 106 Jahren

Georg Markus über den langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Er war Österreichs ältester Holocaust-Überlebender

von Georg Markus

In Salzburg kannte ihn jeder. Wenn der alte Herr im Eiltempo durch die Stadt marschierte, grüßten ihn die Leute, und er grüßte zurück. Das war nicht immer so. Marko Feingold wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und in mehrere Konzentrationslager gesperrt. Bis vor einem Jahr war er aktiver Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg, zuletzt war er Ehrenpräsident. Am Donnerstag ist er im Alter von 106 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

Als ich ihn zu seinem 100. Geburtstag interviewte, kam er mir schnellen Schritts entgegen, er weigerte sich den Lift zu nehmen und lief für den Fotografen eine steile Straße hinauf. Er war der jüngste 100-Jährige, dem ich je begegnet bin. Und das nach einem Leben voller Katastrophen und Schicksalsschläge.

Am 12. März 1938 in Wien

Marko Feingold kam am 28. Mai 1913 in Neusohl in der zu Österreich-Ungarn gehörenden Slowakei zur Welt. Er absolvierte in Wien eine Kürschnerlehre und übersiedelte 1932 mit seinem Bruder nach Italien.

Ausgerechnet am 12. März 1938, an dem Hitler einmarschierte, waren die Brüder Feingold in Wien, um ihre Pässe verlängern zu lassen. Sie wurden verhaftet, konnten aber nach Prag flüchten, wo sie nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis einige Zeit mit gefälschten Papieren arbeiteten. Doch ihre jüdische Identität flog auf und sie wurden nach Polen deportiert.

Als Marko Feingold im KZ Auschwitz sein Geld abliefern musste, sagte ein Mithäftling zu ihm: „Du wirst es nicht mehr brauchen, deine Lebenserwartung beträgt drei Monate, dann gehst du durch den Kamin.“

Feingold wog bei körperlicher Schwerstarbeit nur noch 30 kg. Er erlitt drei weitere KZs, wurde gefoltert und zählte mit seiner Zähigkeit dennoch zu den wenigen, die überlebten.

Die Frage, ob seine Langlebigkeit genetisch bedingt sei, konnte er nicht beantworten, „weil keiner aus meiner Familie die Nazis überlebt hat, ich weiß nicht, wie alt sie geworden wären.“

Nach der Befreiung aus Buchenwald im April 1945 fuhr Feingold mit einem Bus Richtung Wien, stieg aber in Salzburg aus und blieb. Er organisierte die Umsiedelung Zehntausender osteuropäischer Juden über Österreich nach Palästina und eröffnete 1948 ein Modegeschäft.

Feingold leitete die Kultusgemeinde in Salzburg – mit Unterbrechungen – 72 Jahre lang, bis er die Amtsgeschäfte im Vorjahr seiner Frau übergab. Er blieb Ehrenpräsident und hielt als Österreichs ältester Holocaust-Überlebender fast bis zuletzt Vorträge.

Mit 100 sagte er, dass er „noch zwei, drei Jahren schaffen“ würde. „Alles ist vorbereitet, ich hab für alles gesorgt.“

Es sind dann doch noch sechs Jahre geworden.