Der Gefängnisdirek­tor, der Gefängnisse abschaffen will

Thomas Galli
Foto: KURIER/Gilbert Novy Der deutsche Anstaltsleiter Thomas Galli.

Die Sicherheit der Allgemeinheit wäre größer, würde man die meisten Gefangenen sofort entlassen, sagt der deutsche Anstaltsleiter Thomas Galli.

Zunächst leitete Thomas Galli ein bayrisches Gefängnis für die ganz schweren Fälle, ein paar Hundert Lebenslange, "Menschen, die Kinder aus sexuellen Motiven getötet haben", wie er erzählt. Aktuell ist er Anstaltsleiter eines Gefängnisses für Kurzstrafige, bis zu fünf Jahre. Seine Erfahrungen und seine Begegnungen mit Gefangenen hat er in einem Buch zusammengefasst: "Die Schwere der Schuld" heißt es.

Thomas Galli Foto: KURIER/Gilbert Novy

KURIER: "Die Schwere der Schuld" – was verstehen Sie darunter?

Thomas Galli: Wir fragen uns immer, wie viel Schuld ein Straffälliger auf sich geladen hat und wie hoch deshalb die Strafe sein muss, um diese Schuld zu vergelten. Ich bin nicht der Meinung, dass wir den Einzelnen aus der Verantwortung nehmen sollen oder dürfen, aber was völlig außerhalb der Betrachtung liegt, sind die sozialen Umstände, die bei allen Straftaten eine Rolle spielen.

Wenn es nicht die Schuld ist, was sollte im Fokus stehen?

Natürlich muss man reagieren, wenn jemand eine Straftat begeht. Aber ich bin der Meinung, dass Gefängnisstrafen nichts Positives erreichen.  Im Gegenteil, das geht nach hinten los. Die Frage ist also: Wie reagiert man als Staat stattdessen? Man könnte viel mehr mit gemeinnütziger Arbeit operieren. Das ist auch abschreckend und es hat auch Strafcharakter. Aber es wäre viel weniger schädlich für die Allgemeinheit, weil die negativen Folgen der Haft vermieden werden könnten.

Aus welchen Gründen wurden die Menschen kriminell, die bei Ihnen im Gefängnis sitzen?

Jeder Fall ist ein Einzelfall mit vielen Ursachen. Aber fast alle, die straffällig werden, haben von frühester Kindheit überdurchschnittlich große Probleme gehabt. Es kommt nicht aus dem Nichts, dass man jemand anderem Schaden zufügt. Viele haben eine Suchtproblematik und begehen in dem Milieu ihre Straftaten. Ganz viele kommen aus kaputten Familien, mit Gewalt in der Kindheit. Klar, nicht jeder mit einer schweren Kindheit wird straffällig. Aber es geht schon darum, Zusammenhänge zu sehen und zu überlegen, wo man möglichst sinnvoll intervenieren kann. Wenn jemand ins Gefängnis kommt, geht ein Teufelskreis los:  Der bekommt zum Beispiel danach nur mehr ganz schwer einen Job.

Wir strafen also falsch?

Ein Teil meiner Kritik zielt darauf, dass wir falsch strafen und ein Teil darauf, dass wir viel zu sehr auf das Strafen fixiert sind. Wenn wir Kriminalität reduzieren wollen, dann müssen wir viel komplexer und langfristiger denken. Wir sollten als Gesellschaft viel früher reagieren und Ressourcen investieren, um zu verhindern, dass es überhaupt zu solchen Straftaten kommt. Wir müssen weg von der Fixierung auf das Strafen und von dem Denken, dass wir Kriminalität mit Strafen reduzieren können.

Die Funktion der Strafe ist auch eher eine gesellschaftliche: Wir fordern die Bestrafung von Tätern, und es ist bis zu einem gewissen Grad auch ein verständlicher Wunsch. Würde es ohne Strafe funktionieren?

Das wäre illusorisch. Der Vergeltungswunsch, der Rachegedanke, der ist in den Menschen verankert. Dem muss man ein Stückweit nachgeben. Aber mit dem Vergeltungswillen schaden wir uns selbst. Jeder kennt das: Wenn man in der Zeitung von einer schlimmen Straftat liest, denkt man sich: Hoffentlich bekommt der eine möglichst lange Gefängnisstrafe.

Das Gefängnis verspricht praktischerweise beides: Strafe und Resozialisierung.

Das Gefängnis gibt es seit ein paar hundert Jahren und jeder denkt, es hat seine Berechtigung. Aber das hat es eben nicht und es richtet einen riesigen Schaden an. Es wird von der Justiz behauptet, dass die Menschen resozialisiert werden, dass sie besser rauskommen als sie reingehen. Jeder ist zufrieden und alles wird gut. Aber das stimmt nicht. Die Resozialisierung durch Gefängnisse funktioniert nicht. Im Regelfall erhöht das Gefängnis die Kriminalität. Wir schaden nicht nur den Gefangenen, wir schaden uns auch selbst. Eine gewisse Vergeltung und eine gewisse Abschreckung hat Sinn, aber die Frage ist, wie man die Vergeltung ausübt. Zum Beispiel eben mit elektronisch überwachtem Hausarrest oder gemeinnütziger Arbeit. Oder mit Führerscheinentzug.

Das Gefängnis hat den Geburtsfehler, dass man Kriminelle mit anderen Kriminellen zusammensperrt und hofft, dass sie besser wieder rauskommen – warum hat es sich überhaupt durchgesetzt?

Letztlich aus Kostengründen. Die ursprüngliche Idee des Gefängnisses war auch nicht schlecht: Menschen als Strafe einzusperren anstatt sie umzubringen oder zu foltern. Aber wie Sie sagen, wenn man hunderte Rechtsbrecher auf engstem Raum zusammensperrt, da lernt der eine vom anderen. Das Gefängnis wird nicht umsonst als Hochschule des Verbrechens bezeichnet. Thomas Galli Foto: KURIER/Gilbert Novy

Wie ist die Erkenntnis gereift, dass die Institution, in der Sie arbeiten, nicht funktioniert; und mehr noch: Schaden verursacht?

Ich habe vor 15 Jahren begonnen in der Justiz zu arbeiten, einfach weil ich einen sicheren Beamtenjob haben wollte. Ich dachte, was die wahrscheinlich die meisten denken: Das Gefängnis ist ein notwendiges Übel. Es ist erst im Laufe der Jahre in mir gereift, was das für ein Unsinn ist. Ich habe das als Anstaltsleiter auch selbst gemerkt: Wenn Medien da sind, kehrt man immer hervor, was man alles tut für die Resozialisierung und welche tollen Angebote es nicht gibt. Wenn man sich ehrlich hinterfragt, weiß man doch: Das bringt alles nichts. Der Allgemeinheit ist gar kein Vorwurf zu machen, aber wenn wir als Justiz weiter so tun, als würde die Resozialisierung funktionieren, machen wir uns selbst schuldig. Auch deshalb der Buchtitel: Die Schwere der Schuld.

Der Anstaltsleiter von Österreichs größter Justizanstalt in Stein hat mir vor ein paar Jahren auch erzählt, er würde sein Gefängnis am liebsten abreißen lassen. Ihre Erkenntnis ist keine ganz neue. Warum setzt sie sich nicht durch?

Es gibt in diesem System niemanden, der sagt, es ist sinnvoll. Ein Chefarzt in einem Krankenhaus muss überprüfen, ob seine Behandlung State-of-the-Art ist. Aber der Strafvollzug funktioniert fernab jeglicher Wissenschaft. Das hat für viele in der Justiz auch Vorteile: Du wirst nicht hinterfragt und kannst machen, was du willst. Auch die Tatsache, dass es das Gefängnis schon so lange gibt, spielt eine Rolle – wäre das Gefängnis Unsinn, würde das ja heißen, dass wir 200 Jahre lang Unsinn gemacht haben. Aber letztendlich hängt es hauptsächlich mit diesem Rachegedanken zusammen: Es kann schon sein, dass das Gefängnis schädlich ist, aber wir wollen, dass der Täter leidet.

Aber selbst wenn wir den Rachegedanken beiseite lassen: Ist eine gewisse Abschreckung nicht auch wichtig?

Es gibt Studien, die besagen, dass das Gegenteil der Fall ist: In den US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe vollzogen wird, gibt es mehr Gewaltkriminalität, weil das unbewusst auf die Bürger abfärbt. Es führt zu einer allgemeinen Verrohung. Wir sollten also aus eigenem Interesse auch den schlimmsten Menschen menschenwürdig behandeln, auch einen Anders Breivik.

Sichtwort Breivik: Sie gehen von rund zehn Prozent der aktuell Eingesperrten aus, die so gefährlich sind, dass sie tatsächlich weggesperrt werden müssen, weil sie eine Gefahr für unsere Sicherheit sind. Wohin mit denen in der fiktiven Welt ohne Gefängnisse?

Wahrscheinlich sind es sogar noch weniger, vielleicht ein paar Dutzend Menschen in ganz Österreich. Die müssen weggesperrt werden, aber unter menschenwürdigen Bedingungen. Diese Menschen würde ich in einer Art Dorfgemeinschaft unterbringen, wo sie frei leben können, dort aber auch gemeinnützige Arbeit leisten müssen. Wo die Gesellschaft absolut geschützt ist von ihnen.

Sollte man sie nicht therapieren?

Jeder Insider sagt, dass diese Zwangstherapien gegen Gefährlichkeit sinnlos sind. Also Zwang in dem Sinn, dass man sagt, „du kannst erst entlassen werden, wenn du diese Therapie machst“. Das ist auch unglaublich teuer, das würde ich alles weglassen. In Deutschland heißt es, jeder muss individuell so therapiert werden, dass er irgendwann wieder in Freiheit entlassen werden kann. Das funktioniert aber nicht.

Wie entscheidet man, wer so gefährlich ist? Die meisten Mörder haben eine sehr geringe Rückfallwahrscheinlichkeit, weil sie aus einer ganz spezifischen familiären Situation heraus gehandelt haben – die müsste man gar nicht wegsperren.

Es gibt Forschungen zu diesen Prognosegutachten, die besagen, dass man genauso gut eine Münze werfen könnte, und die Trefferquote wäre genauso hoch. Es ist nicht möglich, das vorherzusagen. Deshalb können wir uns als Rechtsstaat auch nicht darauf verlassen. Das ist aber auch gut so: Wäre es wirklich möglich, Verhalten zu prognostizieren, würden wir logischerweise jeden Menschen begutachten, ob der gefährlich ist. Nicht nur Straftäter.

Welche Lösung schlagen Sie also vor?

Es nur anhand der Taten zu beurteilen. Die Frage ist, wo man die Grenze zieht. Ich würde auch einen Mord nicht genügen lassen. Natürlich muss man da als Staat massiv intervenieren, aber wegsperren bis zum Lebensende würde ich nach zwei oder drei Morden.

Thomas Galli Foto: KURIER/Gilbert Novy

Was macht man mit Menschen, die weder wegen psychischer Probleme noch aus Not heraus kriminell werden – sondern zum Beispiel schlicht und einfach aus Gier. Von Wirtschaftskriminellen über Berufseinbrecher bis hin zu Auftragsmördern.

Es gibt diese Fälle, und alle Alternativen, die man andenkt, werden nie so sein, dass jeder Einzelfall gelöst werden kann. Aber diese Personen gibt es ja auch im aktuellen System, die wird es immer geben. Da muss ich auch eher schauen, dass ich es nicht noch schlimmer mache und dass ich nicht zu viel Steuergeld in diese Menschen investiere.

Das ist jetzt eine sehr unbefriedigende Antwort.

Eben! Das will keiner hören und deshalb haben es die Populisten so leicht. Die sagen einfach nur: Längere Gefängnisstrafen. Aber wenn ich ihn fünf statt drei Jahre einsperre, ist er dann trotzdem wieder draußen und einsperren kostet ja auch. In Deutschland kostet ein Häftling rund 150 Euro pro Tag.

Sie sind aktuell noch Anstaltsleiter, können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?

Perspektivisch nicht. Es gab diesen einen Moment: Ich habe vor meiner Anstalt mit einem TV-Team gedreht und sie haben mich gefragt, was ich jetzt am liebsten tun würde mit den rund 400 Gefangenen. Ich hab gesagt: Alle entlassen. Daraufhin hat der Redakteur gesagt: „Sie sind doch wahnsinnig, wie können Sie das mit der Sicherheit der Allgemeinheit vereinbaren?“ Aber die Leute kommen in zwei oder drei Jahren sowieso raus und bis dahin wird nichts besser, da wird es nur schlechter. So komisch das klingt: Die Sicherheit der Allgemeinheit wäre größer, würde man sie gleich entlassen.

(kurier) Erstellt am
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