© Badhaus Leogang

Chronik Österreich
12/06/2021

Das Haus, das allen offen steht, braucht Hilfe

Anja Jung betreibt seit 2012 das Badhaus Leogang. Ein Ort, wo Hilfesuchenden die Türen offen stehen. Nun braucht es selbst Unterstützung.

von Petra Stacher

Es klopft an der alten dunklen Holztür von Anja Jung. Wer dahintersteht, weiß sie oft selbst nicht. Vielleicht ein Mann, der Selbstmordgedanken hegt? Eine Frau mit Kindern, die Gewalt erfahren haben? Ein an Krebs Erkrankter, der keine Zukunft sieht? Oder Eltern, deren Kind im Sterben liegt? Fast alle Besucher von Frau Jung haben eines gemein: Sie haben ihr Päckchen zu tragen, meist ein größeres als so manch anderer. Anja Jung öffnet ihnen allen die Tür – die Tür zum Badhaus Leogang, einem Ort mit Geschichte.

Über 500 Jahre ist das Gebäude alt. Früher wurde es als Kurhaus genutzt. Menschen kamen, um aus der hauseigenen Quelle Kraft zu schöpfen und um sich in den Badehütten zu erholen. „Es war ein Geheimtipp für Kranke“, erzählt Anja Jung. Seit 2012 schreibt sie dort die Geschichte auf ihre ganz eigene Art und Weise weiter.

30 Jahre arbeitet sie schon mit Menschen in Extremsituationen, ist Sterbebegleiterin und ganzheitliche Beraterin. Sie selbst ist von Schicksalsschlägen gezeichnet. „Mein Wunsch war es, einen Ort zu schaffen, wo die Menschen einfach aufgefangen werden, unabhängig davon, ob sie Geld oder E-Card besitzen.“ 2012 wurde ihr dieser mit dem Badhaus erfüllt. Mit etwa 6.000 Menschen kam sie seither in Kontakt.

Absolute Barrierefreiheit ist Frau Jungs Credo. Einerseits finanziell: „Familien, die beeinträchtigte Kinder haben, sind oft nahe am finanziellen Ruin, weil sie viel ausprobiert haben.“ Andererseits zwischenmenschlich: „Ein anderer Aspekt von Barrierefreiheit ist die emotionale Unvoreingenommenheit.“

Menschliche Tabuthemen

Jung erklärt das am Beispiel „Einkehr Leichtsinn“, dem kleinen Gastrobetrieb im Badhaus, der in den Sommermonaten geöffnet hat. „Da sind viele Familien mit Schlaganfall-Patienten gekommen, weil sie sich in anderen Restaurants schämen, wenn sie kleckern. Oder Krebspatienten, die einfach ihre Perücke abnahmen. All diese menschlichen Tabuthemen fanden hier statt“, spricht Frau Jung in der Vergangenheit, denn geöffnet hatte die Einkehr das letzte Mal 2019 – vor Corona.

Das schmerzt, denn das ganze Konzept vom Badhaus basiert auf freiwilligen Spenden: Keine fixen Preise für Gerichte bei der Einkehr, keine Saalmiete, wenn gemeinnützige Organisationen die Räumlichkeiten nutzen, keine Zimmerpreise, wenn hilfsbedürftige Familien Tage in einem der vier Appartements des Badhauses verbringen.

Doch nun kommt dieses Konzept an seine Grenzen: Einnahmen aus Einkehr, Veranstaltungen und Seminaren fehlen coronabedingt. Förderungen beantragte Jung nie, denn auch diese wären an Bedingungen geknüpft gewesen und hätten damit Barrieren geschaffen. Nur den Fonds „Leben Lieben“ gibt es, der seinen Sitz im Badhaus hat und das österreichische Spendengütesiegel trägt.

Per Video und mit brüchiger Stimme wandte sich Jung nun über Soziale Medien nach außen, um den Fonds bekannter zu machen. Es sei nur für Firmen geplant gewesen, um ihnen das Angebot zu machen, zu spenden und im Gegenzug dafür die Räumlichkeiten nutzen zu können. „Durch ein Missgeschick ging es aber online“, lacht Jung.

Einkehr Leichtsinn
Die Einkehr Leichtsinn ist immer in den Sommermonaten geöffnet. Seit Corona nicht mehr. Täglich kamen dort Gäste, die die Unvoreingenommenheit schätzten. Verlangt wurde für das Mahl nichts. Es basiert auf freiwilligen Spenden 

Einherzen
Im Frühjahr sollen die „Einherzen“ starten: Eine Tagesbetreuung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigung im Badhaus

Das Nest
Kinder, die kurz vor dem Sterben nochmals eine schöne Zeit mit ihrer Familie in der Natur verbringen wollen, sollen künftig im „Nest“ unterkommen. Ein Wintergarten ist geplant, der über ein barrierefreies Bad und ein Familienbett verfügt

Ihr liegen vor allem zwei Projekte am Herzen: „Die Einherzen“ und „das Nest“.

Ersteres ist eine Tagesbetreuung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigung. „Behinderte Jugendliche können nachdem sie die Pflichtschule abgeschlossen haben oft nicht mehr in die Schule, obwohl sie es noch brauchen. Dann verlieren sie ihren Freundeskreis und sind besonders sensibel“, erklärt Jung. Mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn entlasten sie bei der Betreuung Eltern – oft alleinerziehende Mütter – und bieten den Kindern Gemeinschaft. Im Frühjahr soll das Projekt starten.

Zukunftsvision ist auch „Das Nest“, ein Anbau an das Badhaus in Form eines Wintergartens inklusive barrierefreiem Bad. „Wenn austherapierte Kinder sich vorbereiten zu sterben, bemüht man sich im Krankenhaus sehr um sie. Auf den Stationen sind sie aber immer mit dem Tod konfrontiert. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Menschen, die sich auf’s Gehen vorbereiten aber in die Natur wollen“, sagt Jung.

Und davon hätte das Badhaus genug, ist es doch umringt von Wald und Bergen. Betroffene Familien sollen dort Urlaub machen können, mit Hund, Katze, Oma und Opa im Schlepptau. Alles in Absprache mit den behandelnden Ärzten, ergänzt Jung, die hofft, dass das Nest nicht nur ein Traum bleibt und die Türen des Badhauses weiterhin jedem offen stehen können.

Infos: www.badhaus-leogang.at. Spendenkonto: „Fonds für Leben lieben“, AT23 35053 000 340 76703.

Ursprünglich kommt Anja Jung aus Deutschland: 1966 wurde sie in Hannover geboren.  Seit 1997 lebt sie jedoch bereits im Salzburger Land. Im September 2012 zog die Mutter von vier erwachsenen Kindern schließlich ins Badhaus Leogang ein und startete ihr Projekt. Ein Freund hatte ihr das Gebäude vermittelt, nachdem sie ihre Pläne kundtat.
 Angefangen hat Frau Jung als ganzheitliche Geburtsvorbereiterin. Bis 2007 begleitete sie zudem immer wieder Pflegekinder auf ihrem Weg. Als ganzheitliche Beraterin tätig ist sie seit 1990.  Bereits drei Jahre früher begann sie mit der Sterbebegleitung und Trauerbewältigung. 

Grundsätzlich hat Frau Jung einen vollen Terminkalender. „Es ist aber ganz oft so, dass Termine nicht eingehalten werden können und verschoben werden müssen, weil eine Akutsituation passiert“, erzählt Jung im KURIER-Gespräch. Vor allem seit Corona betreue sie auch viele per Telefon: 16 bis 18 Stunden pro Tag sind nicht selten.
„Eigentlich ist der Andrang im Badhaus Leogang alleine nicht mehr schaffbar“, sagt Jung, die gerne fünf bis sechs Kollegen ausbilden würde.
 

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