© KURIER/Martin Gnedt

Als Baby im Gefängnis
09/11/2016

Das ewige "Häfenkind" sitzt wieder

Ein heute 68-Jähriger sammelt Vorstrafen und kommt vom "verwalteten Leben" nicht los.

von Ricardo Peyerl

Seit Mitte Juni sitzt Roman Johannes G. wieder einmal im Grauen Haus in U-Haft. Es ist für ihn quasi ein "Heimspiel". Die Justizanstalt Wien-Josefstadt "kennt" der 68-Jährige von frühester Kindheit an. Wobei ihm sein erster Aufenthalt freilich nicht in Erinnerung sein kann, man hat ihm davon erzählt.

Am 24. März 1948 wurde seine Mutter aus der Haft ebendort in eine Geburtsklinik ausgeführt und kehrte mit dem Baby ins Gefängnis zurück. Die ersten drei Monate seines Lebens verbrachte Roman Johannes bei der inhaftierten Mutter in der Zelle.

17 Vorstrafen

Roman Johannes G. kehrt seither immer wieder. Bis jetzt hat es der einstige Musiker und nunmehrige Mindestpensionist auf 17 Vorstrafen gebrach. Beim bevorstehenden Prozess im Oktober, zu dem ihn sein Strafverteidiger Nikolaus Rast begleitet, droht die Nummer 18. Einige Jahre hinter Gittern stehen wieder auf dem Spiel.

"Menschen, die in geschlossenen Institutionen aufwachsen, erlernen nicht die Fähigkeit, in nicht strukturierten Situationen zurechtzukommen", sagt der Kriminalsoziologe Arno Pilgram. Wobei nicht unbedingt die ersten Monate oder Jahre in der Mutter-Kind-Abteilung eines Gefängnisses gemeint sind, "weil die nur unterbewusst erlebt werden". Doch Roman Johannes G. wuchs in Heimen auf, wurde straffällig, kam ins Gefängnis – er wurde also "verwaltet", wie Pilgram sagt. "Für diese Leute ist die Freiheit im Extremfall belastender als die Fremdunterbringung. Sie haben gelernt, sich im Gefängnis ganz gut zu bewegen und weichen der Straffälligkeit unbewusst nicht aus."

Roman Johannes G. war eines der ersten "schwarzen Babys" in Wien. Seine Mutter, so erzählt er, sei eine Baronin aus einem bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Adelsgeschlecht gewesen. Sie habe als Französisch-Dolmetscherin gearbeitet und einen amerikanischen Besatzungssoldaten namens Robert James kennengelernt, der aus Jamaika stammt. Dieser ist sein Vater, den er erst spät kennengelernt hat und zu dem er kaum Kontakt hat.

In seinem Geburtsjahr sei die Mutter wegen Juwelendiebstahls verurteilt und inhaftiert worden. Die Familie habe die Mutter gedrängt, ihn wegzugeben. So landete er in der ehemaligen Kinderübernahmestätte in der Lustkandlgasse, dann bei Pflegeeltern und für zwei Jahre in einem Jugendheim in Eggenburg, NÖ. Dort wurde der Bub sexuell missbraucht. Es muss ein besonders schwerer Fall gewesen sein, denn die Opferhilfeorganisation Weisser Ring entschädigte ihn später mit dem Höchstbeitrag von 35.000 Euro und vermittelte ihm 40 Stunden Psychotherapie. Roman Johannes G. absolvierte nur sieben Stunden, dann saß er wieder einmal in Haft.

Mit 20 Jahren hatte er die erste Vorstrafe kassiert, es folgten weitere, meist wegen Suchtgifthandels. 1978 verübte er einen Raubüberfall. Die Art der Beute hatte schon seine Mutter hinter Gitter gebracht: Juwelen. Damals habe ihn die Mutter zum ersten Mal im Gefängnis besucht, sagt er, und ihm – dem 30-Jährigen – die Geschichte seiner Herkunft erzählt. 2005 sei die Mutter gestorben.

Millionenshow

Die 35.000 Euro Opfer-Entschädigung waren bald verbraucht. Am 6. Oktober 2008 hatte Roman Johannes G. noch einmal die Chance auf das große Glück. Er hatte es als einer von fünf Kandidaten in die Auswahlrunde der Millionenshow bei Armin Assinger geschafft. Der Sprung auf den Stuhl in der Mitte gelang ihm aber nicht.

Am 18. Oktober muss sich Roman Johannes G. wegen des Verkaufs von Cannabisharz und Kokain verantworten. Der Staatsanwalt wirft ihm vor, innerhalb der für eine Entziehungstherapie gewährten Probezeit wieder gedealt zu haben.