Chronik | Österreich
01.10.2017

Dank Burka-Verbots ins Rampenlicht

Der Mann, der für Burka-Trägerinnen die Strafe zahlt, redet gern und viel – auch über Hitler.

Vielleicht ist sich Rachid Nekkaz der Bedeutung seiner Worte gar nicht so bewusst, vor allem wenn er die Geschichte eines, aus seiner Sicht vermutlich exotischen und vorbildlichen Landes, nämlich Österreich, streift. Und vielleicht ist Nekkaz, der oft stundenlange Videos auf " YouTube" postet, auf denen man hauptsächlich ihn und gelegentlich algerische Landsleute in verschiedenen europäischen Metropolen sieht, eben jemand, der aus purer Freude am Dauerreden auch ziemlich unbedachte Dinge von sich gibt.

Jedenfalls hat sich der Franko-Algerier, noch bevor er in Österreich als Gegner des Vollverschleierungs-Verbots eine gewisse Aufmerksamkeit und den Zorn von Sebastian Kurz erregte, am Graben und auf der Mariahilfer Straße in Wien insgesamt fünf Stunden gefilmt.

Nekkaz ist von Wien begeistert. Er preist die Sauberkeit, den respektvollen Umgang der Menschen, die allgemeine Ordnung, die "lächelnden Polizisten", die "totale Freiheit" – alles Dinge, die er den Zuständen in Algerien entgegenhält. "Die Leute hier sind keine Muslime, aber sie lieben ihr Land", stellt er fest. Denn Nekkaz, der bereits zwei Mal vergeblich versucht hatte, bei Präsidentenwahlen in Algerien zu kandidieren, will sich mit seinen Videos – in algerischem Arabisch und auf Französisch – als Gegenspieler des autoritären und korrupten algerischen Regimes profilieren.

Hitlers "guter Beginn"

Was er in Hinblick auf die Entwicklung Algeriens in Österreich als besonders nachahmenswert hält, ist der "kulturelle Tourismus". Zuvor aber gibt es einen Exkurs in die Geschichte: "Wien ist tatsächlich eine kulturelle und historische Stadt, und wissen Sie, es gibt eine Person dieses Landes, die die Geschichte durch das große Tor betreten hat und anschließend scheiterte. Er nennt sich Hitler. Die Menschen denken, er ist Deutscher, (aber) er ist Österreicher. Und 1938, als er die Macht in Berlin hat, hat er gesagt, wir müssen einen einzigen Staat zwischen Österreich und Deutschland bilden", erklärt Nekkaz auf Arabisch. Dann fügt er auf Französisch bei: "Das ist jemand, der sehr gut begonnen hatte, aber unglücklicherweise hat es wegen ihm den Zweiten Weltkrieg gegeben."

Link: Hier gehts zum Youtube-Video

Soll man diese Worte auf die Waagschale legen? Immerhin hat Nekkaz einen Master-Abschluss in Geschichte und Philosophie der Pariser Sorbonne-Universität.

Nekkaz, der vor 45 Jahren in einer Trabantensiedlung bei Paris als neuntes Kind algerischer Eltern zur Welt kam, schaffte einen beachtlichen sozialen Aufstieg. Er gründete eine erfolgreiche Start-Up-Firma, verkaufte diese und wurde Immobilien-Investor.

Der heute millionenschwere und attraktive Selfmade-Man machte aber auch immer wieder Anläufe für eine Karriere in der französischen Politik – allerdings auf sehr eigenwillige Weise. Die nach ihm benannte "Partei Rachid Nekkaz" blieb 2007 im einzigen Wahlkreis im nördlichen Pariser Vororte-Gürtel, in dem sie antrat, unter einem Prozent hängen. Im gleichen Jahr scheiterte auch der Versuch von Nekkaz, bei den französischen Präsidentenwahlen als "Kandidat der Vororte" anzutreten, weil er nicht die erforderlichen Unterstützungserklärungen von 500 gewählten Mandataren bekam. Seine Unterstützer seien "bedroht" worden, behauptete er.

Bei den Präsidentenwahlen 2012 klappte es wieder nicht. In der Folge habe er seine französische Staatsbürgerschaft zurückgelegt. Begründung: Frankreich gleiche immer mehr dem "Vichy-Regime" (die Kollaborationsregierung unter der NS-Okkupation).

Der Selbstdarsteller

In der Zwischenzeit hatte er endlich jene – wenn auch nur gelegentliche – Medienpräsenz errungen, die ihm bis dahin weitgehend verwehrt geblieben war. Das in Frankreich seit 2011 wirksame Verbot der Gesichtsverschleierung im öffentlichen Raum half dem emsigen Selbstdarsteller auf die Sprünge: Immer wieder beglich er an Stelle von Nikab-Trägerinnen Strafzahlungen (bis zu 150 Euro). Dabei trommelte er Journalisten zusammen, um sich vor dem jeweiligen Finanzamt an der Seite der Verschleierten filmen zu lassen. Dem Pariser Figaro sandte er ein Foto, auf dem er die algerische Fahne um den Hals geschlungen und selbst angelegte Handschellen trägt – Erklärung: "Ich bin sehr stolz darauf, als Algerier dem Land der Menschenrechte eine Lektion in puncto persönlicher Freiheit zu erteilen".

Nekkaz beteuert, er sei ein "säkularer Muslim" und würde den Nikab persönlich ablehnen. Ihm ginge es bloß um die "Freiheit der Frauen, ihn zu tragen oder nicht". Mit der Ausdehnung des Vollschleier-Verbots auf andere Staaten, darunter Belgien, Schweiz und Holland, erweiterte Nekkaz seine Zahlungen anstelle der Nikab- und Burka-Trägerinnen auf diese Länder. "Ich habe genügend Immobilien, um die Strafen noch jahrelang zu zahlen", versichert Nekkaz.

Auch das Verbot des Burkini durch einige Bürgermeister an der Côte d’Azur im Sommer 2016 rief ihn auf den Plan. Während des Filmfestivals von Cannes ließ er sich im Smoking, bis zu den Knien im Meereswasser watend, umgeben von ein paar Burkini-Trägerinnen, fotografieren, bis ihn die Polizei vorübergehend festnahm.

Zur Einladung für die Protestaktion hatte er eine Fotomontage ausgeschickt: Links und rechts sah man die französische Nationalistin Marine Le Pen und eine konservative Politikerin jeweils im Burkini, in der Mitte prangte fescher denn je, der eigentliche Star des Tages, Rachid Nekkaz.