Internationale Drogenpolitik - der Mensch steht im Vordergrund

© epa/ABIR SULTAN

Chronik Österreich
01/27/2014

Cannabiskonsum geht durch alle Altersgruppen

Die Österreicher haben immer mehr Cannabis-Erfahrung. Meist handelt es sich dabei aber um Probier-Konsum.

Zum ersten Mal in der Geschichte der USA haben zwei Bundesstaaten den Verkauf und Genuss von Marihuana zu nicht-medizinischen Zwecken erlaubt. Seit 1. Jänner können Konsumenten in Colorado und Washington ganz offiziell in einem Geschäft Marihuana kaufen.

In Österreich ist das bisher kein Thema. Hierzulande ist der Konsum von Cannabis verboten und wird mit bis zu sechs Monaten Freiheitsentzug geahndet. Seit vielen Jahren wird aber auf Entkriminalisierung der Konsumenten gesetzt.

Zum größten Teil Ausprobier-Konsumenten

"Wir sehen einen Anstieg in der Lebenszeitprävalenz von Cannabis-Konsum. 2011 gaben in Wien beispielsweise 21 Prozent der über 15-Jährigen an, zumindest einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben, 2013 waren es 24 Prozent. Doch wenn man sich das genauer ansieht, dann liegt bei den meisten dieser Personen der Konsum schon drei oder mehr Jahre zurück", sagte der Beauftragte für Sucht- und Drogenfragen, Hans Haltmayer.

Heranwachsende würden Cannabis ausprobieren - und dann zumeist wieder damit aufhören. Bei einem kleinen Teil der Cannabis-Konsumenten entwickelt sich im Laufe von Jahren hingegen eine Suchterkrankung. Doch das hat laut dem Experten einen ganz anderen Hintergrund: "In der Regel sind das Patienten mit schweren psychischen Grunderkrankungen, wie schweren Depressionen, schwere Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie bemerken beim Probierkonsum, dass ihnen Cannabis Erleichterung verschafft und geraten in den fortgesetzten Konsum."

Keine Einstiegsdroge

Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Stadt Wien: "In der Regel bleibt es bei diesen Patienten nur selten beim Cannabis." Im Zuge dieser Quasi-Selbstbehandlung würde schnell auch zu gefährlicheren Drogen gegriffen. Doch deshalb könne man bei Cannabis nicht wie ehemals von einer "Einstiegsdroge" reden. Im Ambulatorium der Suchthilfe Wien sind Cannabis-Konsumenten nicht die vorrangige Klientel. Haltmayer: "Für unsere Patienten ist Cannabis nicht das Hauptproblem. Sie nehmen viel schwerwiegendere Substanzen."

Alkohol und Nikotin vorne

Grundsätzlich zieht sich die Cannabis-Erfahrung immer mehr durch alle Altersgruppen. Die aktuelle und umfassende "Suchtmittel Monitoring Studie" für Wien (präsentiert im Oktober 2013) zeigt aber, dass zunächst der Alkohol, dann das Nikotin und schließlich Psychopharmaka bei den Suchterkrankungen die größte Rolle spielen.

Alkoholkonsum: Elf Prozent der über 15-jährigen Männer haben einen riskanten Alkoholkonsum, ebenso sechs Prozent der Frauen.

35 Prozent der Bevölkerung trinken zumindest zwei- bis dreimal pro Woche Alkohol (17 Prozent fast alle Tage, 18 Prozent zwei- bis dreimal/Monat; Anm.).

Nikotin und Pharmaka: 32 Prozent der Wiener sind regelmäßige bzw. tägliche Raucher. 20 Prozent der Bevölkerung haben bereits zumindest einmal Beruhigungstabletten eingenommen (13 Prozent innerhalb der vergangen drei Jahre, vier Prozent innerhalb des vorangegangenen Monats; Anm.). 24 Prozent haben schon einmal Schlafmittel eingenommen (22 Prozent in den vergangenen drei Monaten, 13 Prozent im vorangegangenen Monat; Anm.) - so die repräsentativen Zahlen aus Wien.

Bei den illegalen Drogen kommt zunächst das Cannabis: 24 Prozent der Wiener haben schon zumindest einmal Hanfprodukte konsumiert, 13 Prozent innerhalb der vergangenen drei Jahre, sechs Prozent innerhalb der vergangenen 30 Tage.

"Nachwuchs"

Die Interpretation des erst vor kurzem in den Ruhestand getretenen Wiener Drogenbeauftragten Alexander David im Oktober 2013: "Wir sehen die Entwicklung so, dass sozusagen die '68er-Generation damit angefangen hat und dies weiter tut. Jugendliche wachsen hier nach." 1993 hatten nur fünf Prozent der Befragten von einem zumindest einmaligen Haschisch- oder Cannabiskonsum berichtet, 2003 waren es 16 Prozent, 2011 dann 21 Prozent gewesen.

"Harte Drogen" spielen, was die Zahl der Konsumenten betrifft, in Österreich weiterhin eine untergeordnete Rolle: Jemals Opiate wie Opium, Morphium, Heroin oder Methadon konsumiert haben zwei Prozent der Wiener (in den vergangenen drei Jahren ein Prozent, im vorangegangenen Monat ebenfalls ein Prozent). Kokainerfahrung haben mittlerweile fünf Prozent der Bevölkerung (ein Prozent in den vergangenen drei Jahren, faktisch niemand innerhalb des vergangenen Monats).

Europa-Vergleich

Bei den europäischen Schülern ist Cannabis die am häufigsten ausprobierte illegale Droge. Den ESPAD-Umfragen (europäische Schülerumfragen zu Gesundheit) von 2011 zufolge reichte der Anteil des Cannabis-Lebenszeitkonsums unter den 15- bis 16-Jährigen von fünf Prozent in Norwegen zu bis zu 42 Prozent in der Tschechischen Republik. Insgesamt dürften sich aber die Zahlen aus Ländern mit steigenden Konsumraten und Staaten mit sinkenden für den Kontinent etwa ausgleichen.

Schätzungen zufolge wurde Cannabis im vergangenen Jahr von 15,4 Millionen jungen Europäern (15 bis 34 Jahre) konsumiert (11,7 Prozent dieser Altersgruppe), von denen 9,2 Millionen in die Altersgruppe 15- bis 24-Jährigen fielen (14,9 Prozent). Dabei ist der Cannabiskonsum unter Männern im Allgemeinen höher.

Cannabis: Seit Tausenden Jahren bekannt

Wie Cannabis wirkt

Wenn Freigabe, dann unter Regeln

"Cannabis kann keine Probleme lösen, sie höchstens für ein paar Stunden vergessen lassen. Fang daher erst gar nicht an, Cannabis als Allheilmittel zu sehen. Wenn du trotzdem rauchst, solltest du den Konsum auf die Freizeit beschränken und nur dann rauchen, wenn du dich gut fühlst", heißt es auf der Homepage der Wiener Beratungseinrichtung "checkit!" - Risiken sollten möglichst vermieden werden.

"Legalisierung kein Weltuntergang"

Die Diskussionen um die mögliche Legalisierung von Cannabis sieht der Wiener Toxikologie Rainer Schmid, der den "Checkit!"-Beratungs- und Analyseservice mitaufgebaut hat, unaufgeregt: "Wenn Legalisierung, dann mit Regeln."

Prinzipiell würde die "Welt nicht untergehen" - so Schmid, wenn man Cannabis legalisiere: "Das ist nicht unähnlich wie bei der derzeitigen Ausländerdebatte in der EU. Da fürchtet man, dass mit der Öffnung des Arbeitsmarktes für osteuropäische Staaten 'die Schranken fallen'. Aber dann passiert nichts."

Laut dem Experten sollte eine allfällige Legalisierung von Cannabis aber geplant und geordnet erfolgen: "Man sollte das nicht einem neoliberalen Markt überlassen. Da braucht es Regeln. Sonst würde auf diesem Markt vor allem Gewinnmaximierung betrieben. Wir versuchen, gerade für das Rauchen den (neo)liberalen Nikotinmarkt zurückzudrängen. Da brauchen wir nicht das Gegenteil auf einem freigegebenen Cannabis-Markt."

Niederlande: Paradoxon

Aus den Niederlanden gibt es laut Fachleuten viele Studien, welche den Cannabis-Markt unter Regeln beleuchtet haben: "Da beobachtete man zum Beispiel ein (scheinbares) Paradoxon, dass in einem liberalisierten Markt die Verbreitung des Cannabis-Konsums unter der Jugend in den Niederlanden geringer ist als im restlichen Europa, wo dies restriktiv gehandhabt wird."

THC als psychoaktive Substanz sei seit Jahrtausenden bekannt, die Menschheit mit dessen Konsum (und auch mit dessen Problemen) vertraut. Schmid: "Gesichert ist, dass man sich akut damit nicht umbringen kann. Bei erwachsenen Konsumenten gibt es auch wenig beobachtbare negative Langzeitkonsequenzen des Cannabis-Gebrauchs. Aber, bei sehr jungen Konsumenten kann dies offenbar zu signifikanten Folgeschäden führen."

"Prohibition ist keine Prävention"

Das noch nicht in seiner Entwicklung fertige Gehirn von Kindern bis Ende der Pubertät reagiere offenbar auf Cannabis-Konsum empfindlicher. Schmid: "Aber das ist bei Alkohol auch so. Und damit haben wir natürlich ein sozialpolitisches Problem. Wir wollen ja auch nicht, dass Kinder und Jugendliche sehr früh Alkohol trinken und sich dadurch längerfristig schädigen."

Eine Legalisierung von Cannabis würde laut Schmid jedenfalls auch mehr Präventionsmaßnahmen notwendig machen: "Wenn die Prohibition wegfällt, muss man die Prävention intensivieren. Prohibition ist - salopp ausgedrückt - 'bequemer'. Man sagt, 'Prohibition ist Prävention'. Aber das stimmt natürlich nicht."

Immer wieder in der wissenschaftlichen Literatur auftauchende Hinweise, dass ein wiederholter Cannabis-Konsum bei jungen Konsumenten vermehrt zum Ausbruch einer Schizophrenie führen kann, sieht der Experte kritisch: "Natürlich ist THC eine psychogene Substanz. Aber es dürfte vielmehr bei jungen Menschen als Auslöser von Psychosen wirken, für die bereits eine Disposition (zu einer Psychose; Anm.) besteht."

Qualitätskontrolle

Im Falle einer Legalisierung sollte jedenfalls auch eine Qualitätskontrolle des angebotenen Cannabis erfolgen. Schmid: "Wenn, dann sollte Cannabis mit weniger THC-Gehalt, weniger 'potentes' Cannabis, angeboten werden dürfen." Die zunehmenden Indoor-Züchtungen hoch potenter Sorten, auch bedingt durch den geringeren Platzbedarf für die illegalen "Plantagen", mache die Drogen zwar wirkungsvoller, aber auch nebenwirkungsreicher.

Für den Toxikologen sollten in allen diesen Diskussionen auch die gesellschaftspolitischen Aspekte nicht verschwiegen werden: "Man sollte nicht vergessen, dass durch rein prohibitive Maßnahmen oft mehr gesellschaftlicher Schaden entstehen kann, als durch den Konsum der verbotenen Substanzen selbst. Der soziale sowie volkswirtschaftliche Schaden, der z.B. in den USA, durch die systematische Kriminalisierung und das Wegsperren von Cannabiskonsumenten (und nicht kriminellen Cannabis- Kleinhändlern; Anm.) in Strafanstalten entstanden ist, ist sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft nicht unbeträchtlich. Dies trifft sicherlich - wenn auch in geringerem Ausmaß - auch für die derzeitige Österreichische Situation zu."

Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten bei Besitz oder Weitergabe

Wer zum Eigenbedarf Cannabis erwirbt bzw. besitzt oder zum Zweck der Suchtgiftgewinnung anbaut, muss - wenn er erwischt wird - nach dem Suchtmittelgesetz (SMG) mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten oder einer Geldstrafe von bis zu 360 Tagsätzen rechnen.

Strafbar

Der Erwerb, der Besitz, die Ein- und Ausfuhr, Weitergabe und Verkauf von Cannabis sind in Österreich gerichtlich strafbar (Geld-und Freiheitsstrafen). Auch die Übergabe eines Joints in einer Runde - ohne einen Zug zu machen - kann prinzipiell strafrechtlich als Besitz oder Weitergabe verfolgt werden. Bei Anzeige des Besitzes einer geringen Menge von Cannabis zum eigenen Gebrauch wird die Anzeige von der Staatsanwaltschaft für eine Probezeit von zwei Jahren vorläufig zurückgelegt. In diesem Fall muss die Gesundheitsbehörde überprüfen, ob sich der Betreffende einer gesundheitsbezogenen Maßnahme wie ärztliche Kontrollen, Harnproben, ärztliche Behandlungen, psychologische oder psychotherapeutische Betreuungen unterziehen musst, oder ob auf eine derartige Maßnahme verzichtet werden kann, so "checkit!"

Wenn innerhalb der vorangegangenen fünf Jahre nicht schon einmal eine Anzeige wegen Suchtgifterwerbs oder -besitzes erfolgt ist, kann die Staatsanwaltschaft auf die Auskunft der Gesundheitsbehörde auch verzichten. Dann wird die Anzeige sofort zurückgelegt.

Grenzmenge

Das sichergestellte Gras darf allerdings nicht die in einer Verordnung festgelegte Grenzmenge von 20 Gramm übersteigen. Das würde den Strafrahmen erhöhen. Bei Cannabis wird dabei nicht auf das Gewicht des Grases bzw. Haschisch abgestellt, sondern auf jenes des darin enthaltenen Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC), des in erster Linie rauschbewirkenden Bestandteils der Hanfpflanze.

Im Regelfall wird jedoch bei Ersttätern, die ausschließlich ihre eigene Sucht befriedigt und daraus keinen finanziellen Vorteil gezogen haben, von den Anklagebehörden unter Setzen einer Probezeit von einem bis zu zwei Jahren von der Strafverfolgung abgesehen.

Mitunter muss der Betroffene noch eine geeignete ärztliche Einrichtung der Justiz oder eine Gesundheitsbehörde aufsuchen und dort abklären lassen, ob er einer sogenannten "gesundheitsbezogenen Maßnahme" bedarf, um von seiner Sucht loszukommen. Falls eine ärztliche Überwachung oder eine Entzugstherapie für nötig erachtet wird, können die Staatsanwaltschaften entsprechende regelmäßige Nachweise verlangen.

17.836 Personen angezeigt

Laut Kriminalstatistik von 2011 - die Zahlen von 2012 bzw. 2013 liegen noch nicht vor - wurden in Österreich insgesamt 17.836 Personen wegen des Verkaufs oder Konsumierens von Cannabisprodukten angezeigt. 14.428 wurden mit Marihuana erwischt, für 3.015 Personen wurde Cannabisharz zum Deliktfall, 35 Anzeigen setzte es wegen Besitzes von Cannabiskonzentrat. Bei 358 Personen wurden Cannabispflanzen gefunden.

Das Bundeskriminalamt (BK) wollte eine etwaige Legalisierung nicht kommentieren. "Das Bundeskriminalamt ist an die bestehenden Gesetze gebunden und hat diese zu vollziehen. Derzeit sieht der Gesetzgeber vor, dass der Gebrauch und Besitz und der Verkauf von Cannabisprodukten mit dem entsprechenden THC Gehalt verboten ist. Das haben wir zu vollziehen und das tun wir auch", so Sprecher Mario Hejl.