Frage der Verantwortung: In Braunau fühlt man sich hinters Licht geführt
„Andreas Maislinger hat sich (obwohl die Idee zum Haus der Verantwortung natürlich von ihm stammt) völlig daraus zurückgezogen – eben um dem Projekt nicht zu schaden, weil er mittlerweile eingesehen hat, dass er mit seinem Auftreten kein wirklicher Sympathieträger ist.“
Maislinger, um den es in dem eMail aus dem Kreise der Verfechter des Projekts geht, ist ein Innsbrucker Politologe, der seit mehr als 20 Jahren für seine Idee kämpft.
Begegnungsstätte im "Hitler-Haus"
Erst wollte er die „Begegnungsstätte“ für junge Menschen aus der ganzen Welt im Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau ansiedeln. Nachdem das gescheitert ist (siehe Infobox unten), startet er jetzt einen neuen Versuch im alten Stadttheater.
Seine Involvierung bestätigte Maislinger am Dienstag Woche selbst im KURIER: Er sei „für das wissenschaftliche Konzept zuständig“, sagte er da. Was – wie aus dem eMail hervorgeht – durchaus umstritten ist. Und in Braunau fühlt sich so manch einer hinters Licht geführt.
Was das Problem ist? Rund um die Debatte zur Nachnutzung des Hitler-Geburtshauses hat Maislinger so ziemlich jeden aus dem Politik- und Medienbereich kontaktiert.
"Verbrannte Erde"
Er habe Stimmung gemacht, sich selbst dabei sehr in den Vordergrund gestellt – und dabei viel verbrannte Erde hinterlassen, heißt es in Braunau. Nachgesagt wird ihm auch ein ungesunder Umgang mit Kritik – was sich bestätigt habe, als 2023 beim „Auslandsdienst“ schwere Vorwürfe gegen ihn aufgetaucht sind und er als Vorsitzender zurückgetreten ist. Lange war es danach still um ihn. Bis jetzt.
„Durch Hintertür herein“
Getäuscht fühlt man sich in Braunau deshalb, weil der Innsbrucker, der den Verein „Haus der Verantwortung“ gegründet hatte, zwar aus dem Vorstand verschwunden ist.
Obmann ist Eduard Schmiege, der teils in Wien, teils in San Diego wohnt; Stellvertreter ist Ex-Journalist Erich Marschall, der eine Werbeagentur betreibt. Da Maislinger aber – wie sich jetzt herausstellt – das Konzept erarbeitet, ist er de facto Herr über das Projekt.
„Es ist offensichtlich, dass er vorne hinausgeht und durch die Hintertür wieder hereinkommt“, sagt Florian Kotanko, Obmann des Vereins für Zeitgeschichte in Braunau.
Stadtpolitik ist überrascht
Auch für die Stadtpolitik ist das eine Überraschung, wie Christian Bachinger (FPÖ) und Manfred Hackl (Grüne) im KURIER-Gespräch deutlich machen. Am 5. März gab ein Treffen, bei der sich alle Fraktionschefs, die Vizebürgermeister von SPÖ und ÖVP sowie der ÖVP-Finanzstadtrat das Konzept des „Hauses der Verantwortung“ von den Vereinsleuten Marschall und Schmiege erklären ließen.
Die Kommunalpolitiker sind sich einig, dass ihnen bei dieser Präsentation der Eindruck vermittelt worden sei, dass Maislinger keine Rolle spielen werde. Es solle sich um ein „völlig anderes Projekt“ handeln – obwohl es unter demselben Namen firmiert. Hackl, sagt er, habe das hinterfragt, ohne eine schlüssige Antwort zu bekommen.
"Dürftige" Präsentation
Inhaltlich sei die Präsentation „dürftig“ gewesen, sagt FPÖ-Fraktionschef Bachinger. „Wir haben gehört, dass da Kongresse und Veranstaltungen stattfinden sollen, bei genaueren Nachfragen wurde in Rätseln gesprochen. Das hat alle gestört.“
Auch Hackl fand das Konzept sehr „vage“, wie er sagt. „Wenn der Verein für dieses Projekt Investoren anlocken möchte, dann sind sicher Präzisierungen notwendig.“
Adolf Hitler wurde 1889 in Braunau an der Adresse Salzburger Vorstadt 15 geboren, lebte dort aber nur drei Jahre lang.
Das Haus wurde später von der NSDAP gekauft und nach Kriegsende an die vorherigen Eigentümer, eine Wirtsfamilie, zurückgestellt. Lange Jahre war es Pilgerstätte für Neo- und Altnazis aus aller Welt.
Die Erbin wurde 2016 enteignet, weil sie sich weigerte, Renovierungen in dem leer stehenden Gebäude durchzuführen bzw. zu verkaufen.
Rund um die Nutzung brachte sich Andreas Maislinger, ehemaliger Gründer des Vereins für Zeitgeschichte und des Gedenk- bzw. Auslandsdienstes ins Spiel, scheiterte aber mit seiner Idee. Das Innenministerium richtet nun darin eine Polizeistation ein.
„Nicht glücklich“
Die Fraktionen kamen dennoch überein, dass sie die Idee grundsätzlich befürworten und das Haus zwei Jahre freihalten, damit der Verein Zeit hat, die Finanzierung aufzustellen. Dazu fiel zwei Wochen nach der Präsentation ein einstimmiger Beschluss im Gemeinderat.
Im zweiten Schritt hat Obmann Schmiege die „Ausarbeitung eines Optionsvertrags“ avisiert. Ob dieser bis zur nächsten Gemeinderatssitzung am 27. Mai vorliegt, ist offen. Die Eröffnung des „Hauses der Verantwortung“ wäre für das Jahr 2030 geplant.
FPÖ-Fraktionschef Bachinger will sich die Pläne jedenfalls genau anschauen. „Sobald das Haus verkauft ist, haben wir als Stadt keinen Einfluss mehr darauf, was dort passiert.“ Grünen-Fraktionschef Hackl hält fest, dass die Stadt „nicht glücklich“ wäre, wenn Maislinger federführend an dem Projekt beteiligt ist.
Kommentare