Chronik | Österreich
15.09.2017

Big Otto Wanz: Zerreißer und Zerrissener

Die steirische Dampfwalze rollte durch die Ringe der Welt – privat war er belesen und sanftmütig. Ein Nachruf.

Der große Sportsmann Otto Wanz ist am frühen Donnerstag – "nach kurzer schwerer Krankheit" – im 75. Lebensjahr gestorben. Sohn Michael zum KURIER: "Seinen letzten Kampf verlor er friedlich und ohne Schmerzen."

Die Karriere des gelernten Automechanikers aus einfachsten bäuerlichen Verhältnissen (siehe Kurz-Bio unten) begann mit 14 beim BC Heros Graz. Der begabte Faustfechter wog bald 76 Kilo und stand sogar im Olympiakader für Rom 1960. Während seines Präsenzdienstes legte er in einem Jahr satte 30 Kilo zu, weil man ihn "unvorsichtigerweise in die Küche abkommandiert" hatte: "Es ist an keinem Abend was übrig geblieben."

Im feuchten Keller des Boxklubs trainierten damals die belächelten ("und gern einmal hergebeutelten", so Wanz) Bodybuilder. Etwa der blutjunge Arnold Schwarzenegger. Otto und Arnie standen auf das selbe Mädel. "Nennen wir sie Sissi", erzählte Wanz viele Jahrzehnte später, " die hat sich mit beiden von uns – ohne dass wir’s wussten – zur selben Zeit am selben Platz zum Randi (Rendezvous) verabredet, hat uns aber versetzt und aus an Versteck beobachtet. Da simma ganz schee deppat da g’standen." Nachsatz: "Aber wer weiß, was sich diese Sissi alles erspart hat ..."

Als er mit 26 erstmals als Catcher in den Ring kletterte, erschuf er rasch die unverwechselbare Rolle, die ihn zu einem Weltstar im globalen Blut-und-Boden-Business erhob: "Die steirische Dampfwalze", zu Glanzzeiten oft bis zu 225 Kilo schwer. Der Spitzname rührte auch von seiner bevorzugten Art, einen Fight zu beenden: Mit großem Anlauf und voller Wucht wälzte er sich da über seine hilflos darnieder liegenden Gegner. 21 Jahre auf allen Kontinenten in tausend Schlachten forderten Tribut: Knochenbrüche, Sehnenrisse, ausgekugelte Gelenke ("meine Scharnierln sind a Schrotthaufen").

Hall of Fame

Als "Big Otto" stand er in einer Reihe mit Legenden der Branche – von Hulk Hogan über King Kong Bundy bis hin zu André the Giant. Zur Zeremonie der Aufnahme in die Hall of Fame ( USA) wollte Wanz zum 70er "wegen Materialermüdung" nicht mehr anreisen. Dabei hatte er den Zauber der Blessur in der milliardenschweren Wrestling-Maschinerie zwar genossen – Motto: Hau hin und gewinn! –, aber ein paarmal nur um Haaresbreite überlebt.

Bei einem WM-Match in Beirut wollten ihn wilde Fans des geschlagenen Lokalmatadors aus dem Polizeibus herausschaukeln und lynchen. In Kapstadt schoss man mit Steinschleudern auf ihn, als er siegreich die Arme emporriss. Privat hat Wanz, verrät uns sein Sohn, "kein einziges Mal eine Watsch’n ausgeteilt – es hat immer seine Erscheinung genügt". Der Koloss als sanfter Riese, zudem extrem belesen (Spezialgebiet: Zeitgeschichte). Er hat Bücher "gefressen", nur Telefonbücher (dreifacher Guinness-Buchweltrekordler) zerrissen.

"Was die wenigsten wissen", sagte er einmal, "viel schwieriger als das Zerreißen ist es, die Telefonbücher wieder zusammenzufügen."

Vom Amateurboxer zum Catchweltmeister verdoppelte er sich

Kindheit
Der zweite Sohn kleiner Bauern aus Nestelbach (Steiermark) kam am 13. Juni 1943 zur Welt. Er absolvierte eine Mechaniker-Lehre.

Sportkarriere
Als Amateurboxer (76 kg) gewann er 105 Kämpfe, fünf steirische & einen österreichischen Titel. Als Catcher (150 kg) holte er sich als erster Europäer den WM-Gürtel.

Film und Bühne
Wanz spielte u. a. mit Uschi Glas und Roy Black in "Hilfe, ich liebe Zwillinge" (1969) und in Shakespeares "Wie es euch gefällt" im Theater in der Josefstadt (1995).

Familie
Aus erster Ehe stammen Ines (53) und der Sportveranstalter Michael (54). Seit 25 Jahren lebte Wanz mit Ludmilla auf der Laßnitzhöhe.