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Hunderte Unfälle, immer mehr Einsätze: Was ist da los auf Österreichs Bergen?

30 Todesopfer seit Anfang Mai, dazu fast dreimal so viele Einsätze wie noch vor 20 Jahren. Und viele davon wären vermeidbar, sagen die Bergretter.
Das Logo des Bergrettungsdienstes Österreich mit Edelweiß.

Ein falscher Tritt und sie war weg. Gemeinsam mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern war eine Vierjährige vergangene Woche wandern am Ötscher. Auf einem Holzsteg lehnte sich das Mädchen gegen die talseitig montierten Stahlseile, dabei dürfte sie mit dem Fuß über die Stegkante gerutscht und ... Das Mädchen stürzte zehn Meter ab, kam erst in einem Bachbett zum Liegen. Die Kleine kam mit leichten Verletzungen davon, die Eltern wohl mit einem Schock fürs Leben.

Immer mehr Unverletzte

Es ist nur einer von Hunderten Unfällen in den vergangenen Wochen in Österreichs Bergen. Über 1.100 zählt das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit seit Anfang Mai. Die meisten davon in Tirol – und die meisten davon eben nicht beim Klettern im steilen Gelände, sondern beim Wandern im alpinen Bereich. Ein Plus von rund 65 Prozent im Zehnjahresvergleich. „Es ist eben auch deutlich mehr los in den Bergen“, sagt Susanna Mitterer vom Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit. „Und das ist eigentlich auch sehr erfreulich.“

Die Leute seien auch nicht unbedingt unvorsichtiger geworden, sagt Mitterer, das gebe jedenfalls die Statistik nicht her. Seit Anfang Mai verliefen 30 Unfälle in Österreichs Bergen tödlich – das ist sogar unterdurchschnittlich. 283 Todesfälle zählt der Verein, der alle Notrufe im Alpinbereich auswertet, im Schnitt der letzten zehn Jahre. Die meisten davon – 51 Prozent – in den Sommermonaten, 23 Prozent der Opfer entfallen auf die Wintermonate, die restlichen 36 Prozent sind Jagd- und Forstunfälle im alpinen Bereich. „Das ist einfach das Risiko, das am Berg mitgeht“, sagt Oliver Himmel von der Bergrettung Niederösterreich. „Das wird sich nie ganz ausschalten lassen – und dafür sind wir auch gerüstet.“

Jene Fälle, die in den vergangenen Jahren aber wirklich geradezu explodiert sind, das sind die Einsätze, bei denen gar keine Verletzten gerettet werden müssen: Im Vergleich zu vor 20 Jahren mussten in den vergangenen Jahren mehr als dreimal so viele Wanderer, die sich verirrt hatten oder erschöpft waren, gerettet werden. Und das seien jedenfalls auch jene Einsätze, die vermeidbar wären, sagt Oliver Himmel. Schlechte Vorbereitung, mangelhafte Ausstattung – die berühmten „Flip-Flops“ am Berg sind keine Seltenheit.

Die berühmten Flip–Flops

Erst Ende Juli mussten wieder zwei Bergsteiger aus dem Klettersteig Stuibenfall gerettet werden, weil sie mit ihren Sandalen irgendwann einmal angestanden sind, weder vor– noch zurückkonnten.

Diese „Blockierungen“, wie die Bergretter solche alpinen Notlagen nennen, wären vermeidbar. „Es herrscht eine Vollkaskomentalität am Berg“, sagt Himmel. Wobei: „Uns ist eh lieber, jemand ruft eher früher den Notruf als später – je länger man damit zuwartet, desto brenzliger sind oft die Situationen. Aber viele überschätzen sich einfach.“

Allesamt Freiwillige

Dass die Bergretter aufgrund der gestiegenen Einsatzzahlen deshalb am Limit seien, davon will Himmel nichts wissen. Es sei schon viel – auf deutlich über 100.000 Einsatzstunden sind etwa allein die Bergretter Niederösterreichs vergangenes Jahr gekommen – allesamt von Freiwilligen geleistet. „Aber es ist machbar“, sagt Himmel. Auch wenn sich das Einsatzmuster in den vergangenen Jahren geändert hätte. „Es ist nicht mehr nur an den Wochenenden.“ Besonders jetzt in der Ferienzeit herrscht Hochsaison.

Bleibt die Frage, ob die Einsätze nicht einfach nur im selben Ausmaß gestiegen sind, wie jetzt eben mehr Menschen am Berg unterwegs sind? „Das ist sicher ein Faktor“, sagt Manuel Reindl vom Alpenverein. Aber eben nicht der einzige. Social Media ist auch am Berg ein Faktor, ein kitschig schöner Ausblick eines Influencers reicht.

Die Aufmerksamkeit der vorwiegend jüngeren Berggeher – die meisten unverletzt Geborgenen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt – fokussiere sich dadurch auf einige wenige besonders beliebte Hotspots. „Nordkette, Zugspitze, Wilder Kaiser“, nennt Reindl einige Beispiele – „da ist viel los, während sich’s anderswo verläuft.“

Viele würden sich zudem nicht nur bei der Spot-Suche, sondern auch bei der Routenplanung aufs Handy verlassen. „Wir wissen nicht, wie das Qualitätsmanagement bei anderen ist“, sagt Reindl. Beim alpenverein.aktiv etwa werden nur geprüften Routen online gestellt.