Chronik | Österreich
08.08.2018

Bauern fühlen sich den Wölfen ausgeliefert

Niemand berät Landwirte, mit welchen Mitteln sie ihre Weidetiere vor Wölfen schützen können

Die jüngsten Fälle, in denen Wölfe im Waldviertel Schafe gerissen haben, machen eines deutlich: Vielfach könnte man derartige Schäden mit einfachen Maßnahmen verringern. Doch niemand berät Weidehalter. So haben die intelligenten Wölfe Schwachstellen in Zäunen ausgenützt und bis zu acht Schafe getötet. Wolfsreferent Daniel Heindl von der nö. Landwirtschaftskammer gibt zerknirscht zu: „Das haben wir bisher nicht bedacht. Aber in den kommenden Tagen werden wir das angehen“, verspricht er.

Sprungplattform

„In einem Fall ist der Wolf als Verursacher bestätigt, die anderen Analysen stehen noch aus“, berichtet Wolfsbeauftragter Georg Rauer. Ihm ist bei der Besichtigung der „Tatorte“ aufgefallen, wie einfach die Wölfe zu den Schafen vordringen konnten. „In einem Fall war ein Loch unter dem Zaun. In einem anderen war der Zaun oben mit einem Brett abgeschlossen, das hatt der Wolf als Sprungplattform genützt.“ In einem weiteren Fall führte der Zaun so nahe an einem sogenannten „Findling“ (Felsbrocken) vorbei, dass der Wolf den Stein als Absprungbasis nutzen konnte, um den Zaun viel leichter zu überwinden.

Wie aber sieht es mit Beratung für Bauern aus, um wenigstens die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen zu setzen? Die sogenannte „Nationale Beratungsstelle Herdenschutz“ ist derzeit mit einer einzigen Person besetzt, ist aber für ganz Österreich zuständig.

Bei der Landwirtschaftskammer Niederösterreich sieht es allerdings nicht viel besser aus: „Das Geld ist natürlich überall knapp, aber die Beratung ist eigentlich unsere Zuständigkeit“, gibt Heindl zu. Gleichzeitig betont er, dass man bei keiner Schutzmaßnahme, auch einer teuren, hundertprozentige Wirksamkeit garantieren könne. Außerdem gibt es noch immer keine Förderung für die Errichtung wirksamerer Zäune.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem, wie Dietmar Hipp von der Landwirtschaftskammer Zwettl an einem Beispiel klar macht: „Bauern, die für die Marke zurück zum Ursprung produzieren, haben sich verpflichtet, ihren Kühen 365 Tage im Jahr freien Zugang zur Weide zu garantieren. Die können ihre Tiere nicht einfach über Nacht in den Stall sperren.“

Aus seiner Sicht trift die Wolfsproblematik gerade die klein strukturierte Landwirtschaft, die sich auf höchste Qualitätsansprüche in der Haltung spezialisiert hat, am härtesten. Hipp meint auch, dass Bauern sich den Wölfen ausgeliefert fühlen: „Aufregung und Angst sind groß, das merkt man bei jeder Versammlung.“

Debatte

Daniel Heindl gibt zu bedenken, dass in Indien der Tiger ebenso wenig in allen Gebieten geduldet wird wie der Löwe oder das Nashorn in Afrika. Natürlich sei es irreführend, Bauern Hoffnung auf Wolfsabschüsse zu machen, weil die Rechtslage das derzeit gar nicht zulassen. Aber man müsse jedenfalls auch darüber diskutieren dürfen, ob der Wolf insgesamt noch eine gefährdete Art und deshalb ein ausnahmsloser Schutz notwendig sei. „Ein Gesetz kann man ändern“, meint er.