Chronik | Österreich
11.06.2017

Autofahrer und Radsportler: Ein "Kampf" um den Platz auf der Straße

Rund 1000 verletzte Sportler im Jahr nach Kollisionen mit Pkw / Laut ARBÖ wenig Wissen über die Rechtslage.

Mehrere tödliche Unfälle von Radsportlern nach Kollisionen mit Kraftfahrzeugen haben zuletzt eine Sicherheitsdebatte ausgelöst. Das wohl prominenteste Opfer war Ex-Motorrad-Weltmeister Nicky Hayden. Der 35-jährige US-Amerikaner wurde Mitte Mai in Italien von einem Auto erfasst. Fünf Tage später erlag er seinen Verletzungen. Zwei weitere ähnliche Todesfälle veranlassten den oberösterreichischen Radprofi Michael Gogl dazu, auf Facebook mehr Respekt und Geduld auf den Straßen einzufordern. Die Folge war eine Unzahl aufgebrachter Kommentare von Fahrzeuglenkern. "Ich trete die Radfahrer immer vom Motorrad aus um, dann hat der Nächste das Problem nicht mehr", lautete eines davon.

Voriges Wochenende erwischte es die Kärntner Triathletin Eva Wutti bei einer Trainingsfahrt. Sie kam mit leichten Verletzungen davon, nachdem sie laut eigenen Angaben von einem Auto geschnitten und über die Motorhaube geschleudert wurde. "Leider scheint es immer noch so zu sein, dass uns Radfahrern zu wenig Beachtung auf den Straßen geschenkt wird", folgerte Wutti.

Laut einer Hochrechnung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) gab es im Vorjahr knapp 1000 verletzte Radsportler nach Kollisionen mit Pkw (Aufschluss über Unfallhergang und -verursacher gibt die Statistik nicht, Anm.). KFV-Rechtsexperte Armin Kaltenegger spricht dennoch von einem "nicht signifikanten Unfallgeschehen".

StVO regelt Ausnahmen für Radsportler

Kaltenegger erinnert an die Rechte von Radsportlern im Straßenverkehr: "Radrennfahrer haben in Österreich laut StVO das Privileg, dass sie nie Radwege benutzen müssen (davon ausgenommen sind Autobahnen und Schnellstraßen, Anm.) und immer nebeneinander fahren dürfen." Letzteres halte er sogar für vernünftig: Das KFV habe nämlich festgestellt, dass Autofahrer beim Überholen mehr Abstand halten, wenn die Radfahrer nebeneinander fahren. "Einer wird nicht als Hindernis wahrgenommen", sagt Kaltenegger, der bei starkem Verkehrsaufkommen von dieser Praxis allerdings abrät.

Reicht es aus, ein Rennrad zu fahren, um die Straße benützen zu dürfen? Nein. "Ganz scharf ist diese Regelung nicht", meint Kaltenegger. Die Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes verlange neben einem Rennrad entsprechende Bekleidung und systematisch angelegte Trainingsfahrten – eine Einkaufsfahrt zähle nicht, sagt der KFV-Experte.

Günther Frühwirth sind die Auseinandersetzungen zwischen Auto- und Rennradfahrern bestens bekannt. Er leitet das ARBÖ-Fahrsicherheitszentrum in Straßwalchen im Salzburger Flachgau. "Jeder dritte Autofahrer ärgert sich über Radrennfahrer. Gleichzeitig geben 80 Prozent der Radfahrer an, immer wieder Konflikte mit Autofahrern zu haben", sagt Frühwirth unter Verweis auf Befragungen des ARBÖ.

Der mangelnden Beachtung, die Triathletin Wutti sieht, steht offenbar großes Unwissen gegenüber. "Drei von vier Autofahrer wissen nicht, dass der Rennradfahrer zu Trainingszwecken auf der Straße fahren darf", meint Frühwirth. Groß sei das Unwissen auch beim Mindestabstand von 1,5 Metern, den Fahrzeuglenker beim Überholen von Radfahrern einhalten müss(t)en. "In Salzburg gibt es jetzt immerhin eine Kampagne, wo auf Plakaten an den Straßen darauf hingewiesen wir", sagt Frühwirth.

Otto Flum, Präsident des Österreichischen Radsportverbands (ÖRV), meint zu dem schwelenden Konflikt: "Das Problem ist die Sorglosigkeit von beiden Seiten – ich sage das ganz bewusst, auch wenn ich mir da unter den Radsportlern keine Freunde mache." Er rät den Sportlern zu auffälliger Kleidung und dazu, Richtungsänderungen klar erkennen zu geben. "Ganz verhindern wird man Unfälle aber nie können."

Wenn man ein bisschen Rücksicht aufeinander nimmt, kommt man ganz gut aus

KURIER: Welche Gefahren birgt das Training im Straßenverkehr?

Lukas Pöstlberger: Es ist immer die Gefahr, dass man übersehen wird. Als Radfahrer ist man sowieso eher von der schwächeren Sorte, sage ich einmal. Ich arrangiere mich damit ganz gut. Aber Menschen, die nicht so viel mit dem Rennradfahren zu tun haben, unterschätzen halt einfach immer unsere Geschwindigkeit, wie schnell wir dann wirklich da sind und wie schnell wir dann trotzdem in Schlagdistanz sind, wenn sie mit dem Auto zum Beispiel jetzt aus einer Kreuzung oder Hauseinfahrt fahren oder irgendwo abbiegen. Da wird einfach geschaut im Rückspiegel: Aso, ja, ein Radfahrer. Aber zwei Sekunden später sind wir schon da, weil wir dann doch zwischen 30 und 40 km/h schnell fahren. Das ist eigentlich die Hauptursache, durch die es zu brenzligen Situationen kommt, weil wir einfach unterschätzt werden in der Geschwindigkeit.

Wie kann sich ein Radsportler davor schützen?

Konzentriert fahren im Straßenverkehr. Wenn man viel unterwegs ist, bekommt man dann eh ein Gefühl dafür, wie sich die anderen Verkehrsteilnehmer verhalten. Man kann nie genug aufpassen. Es gibt leider keine Universallösung, mit der man sicher ist. Wir fahren immer mit Helm trainieren und auch mit Licht und Rückstrahlern.

Was nervt die Lenker von Kraftfahrzeugen am meisten an Radsportlern auf der Straße?

Am meisten nervten nervt wahrscheinlich, dass wir zu Trainingszwecken nebeneinander fahren dürfen. Von manchen Gruppen wird das auch ausgereizt bis zum Limit, wo man sich fragt, ob das notwendig ist. Ich habe gerade die Situation in Köln (in Deutschland genießen Radsportler nicht das Privileg, bei Vorhandensein eines Radwegs trotzdem die Straße nutzen zu dürfen, Anm.) gehabt: Wir sind Vorbelastung gefahren für ein Rennen. Um die Muskulatur ein bisschen zu straffen, fährst du Intervalle. Wir sind am Radweg gefahren ganz vorbildhaft. Auf einem Radweg sind Familien unterwegs mit Kindern und Läufer. Und dann fährst du da mit 50 km/h deinen Intervall. Da ist die Frage, ob das nicht genauso gefährlich ist wie die Fahrt auf der Straße. Es ist für die anderen Verkehrsteilnehmer am Radweg nicht sicher, wenn wir am Radweg fahren. Wir haben dann wieder auf die Straße gewechselt. Die Autos fahren da halt an uns vorbei, aber gut, wir sind nicht die Schuldtragenden, wenn wir ein Kind zusammenfahren. Es ist schwierig zu handhaben als Rennradfahrer.

Welche Reaktionen von Autofahrern haben Sie im Training erlebt, wenn Sie in der Trainingsgruppe nebeneinander gefahren sind?

Von Beschimpfungen, über Bespritzung mit der Scheibenwischanlage und gezeigten Mittelfingern war eigentlich schon ziemlich alles dabei. Das wird irgendwann normal. Hupen finde ich da noch legitim, man kann natürlich auf sich aufmerksam machen, das ist keine Frage. Wir sind ja auch nicht ignorant, zumindest nicht die Leute, mit denen ich Radfahren gehe. Wir sind selber Autofahrer. Und wir wissen selber, wie man aufpassen muss auf Radfahrer und wie man reagieren soll. Ich verstehe die Radfahrer, die Autofahrer und die Motorradfahrer. Jeder will möglichst schnell von A nach B und das möglichst sicher, das ist die Intention von allen.

Wie sollten sich Radfahrer verhalten, wenn sich eine Kolonne hinter ihnen bildet und aufgebrachte Autolenker sich bemerkbar machen?

Ich schaue, dass ich auf Straßen unterwegs bin, wo keine Kolonnenbildung möglich ist, weil einfach so wenig Verkehr ist. Aber es ist dann manchmal einfach gegeben. Meine Trainingsgruppe besteht aus maximal fünf bis sechs Leuten. Wenn wir mit der Mannschaft nicht daheim auf österreichischen Straßen unterwegs sind, fährt meistens ein Betreuerfahrzeug mit, das uns von hinten absichert mit der Warnblinkanlage. Dann kennen sich eh alle aus. Und wir schauen trotzdem immer, dass wir auf möglichst ruhigen Straßen fahren, die nicht recht hochfrequentiert sind vom Verkehr. Aber natürlich, wenn eine Kolonnenbildung ist, bleiben wir auch einmal stehen und lassen die Autofahrer vorbeifahren. Wenn man gegenseitig ein bisschen Rücksicht aufeinander nimmt, glaube ich, dann kommt man ganz gut aus.