Chronik | Österreich
22.12.2017

AUA: Flug in den Boden knapp verhindert

Austrian-Maschine verfehlte Berg um 200 Meter bei "illegalem Anflugverfahren". Heftige Kritik in finalem Untersuchungsbericht.

Im Oktober 2015 verfehlte eine AUA-Maschine mit 59 Insassen um nicht einmal 200 Meter den 526 Meter hohen Monte Caslano. 17 Sekunden bevor der Flieger in den Berg geflogen wäre, zog der 41-jährige Pilot nach einer Warnmeldung die Dash-8 in die Höhe und stellte sie so schräg in eine Kurve wie es bei normalen Flügen eigentlich nicht erlaubt ist. Wie der KURIER im Februar aufgedeckt hatte, dauerte es Wochen, bis die Schweizer Fluguntersuchungsstelle (SUST) Ermittlungen aufnahm. Nur weil an Bord der Maschine ein KLM-Pilot war, der ein Mail an die Untersucher schrieb, wurde der Vorfall untersucht.

Die Ursache für den Beinahe-Crash fasst Urs Holdegger von der SUST so zusammen: "Die AUA hat ein eigenes Sichtflugverfahren zusammengebastelt und das verwendet, obwohl man es ihnen verboten hat."

"Wildwuchs"

Es wäre jedenfalls die schlimmste Katastrophe der Firmengeschichte gewesen. Die Anflugroute um den Monte Caslano war seit 2014 aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt. Die SUST sprach von "einem Wildwuchs möglicher Anflüge". Die Piloten gerieten dabei leicht ab von der trainierten Route und hätten den von Wolken verdeckten Berg vermutlich übersehen. Erst durch ein Warnsignal wurden sie vor der bevorstehenden Kollision gewarnt.

In dem Papier wird den beiden Piloten jedenfalls keine gröbere Schuld angelastet. Kritik wird an der AUA geübt, dass die illegale Anflugkarte verwendet wurde. Piloten wurden sogar extra für diesen Anflug geschult – mit Wissen der Austro-Control, wie es in dem Bericht heißt. Diese betont, dass "die Flugroute bereits untersagt war" und sie nicht verantwortlich sei. Bei der AUA sieht man vor allem Auffassungsunterschiede und Missverständnisse als Ursache. Die Ermittler sehen "die ungenügende Aufsicht der zuständigen Behörden (...) als systemisch kausal".

Nach dem Vorfall dauerte es dreieinhalb Monate, bis die SUST erkannte, dass es beinahe einen "kontrollierten Flug in den Boden" gegeben habe. Die Schweizer Untersuchungsstelle meint, dass die AUA sie "nicht über die tatsächlichen Vorgänge informiert" hat (was diese bestreitet). Auch die bereits in einen veritablen Skandal um geschönte Berichte verwickelte Untersuchungsstelle des österreichischen Verkehrsministeriums leitete an die Schweizer Kollegen nicht weiter, was hier tatsächlich passiert war. Nur weil die AUA einen Zwischenbericht an die für den Flug zuständige Partnerlinie Swiss weiterleitete und die SUST über Umwege Wochen später davon erfuhr, wurde der Vorfall überhaupt untersucht.

Änderungen bei AUA

Die AUA hat jedenfalls als Folge umfangreiche Änderungen ihres Ablaufs durchgeführt. Die beiden Piloten sind auf anderen Flugzeugtypen im Einsatz und fliegen Lugano nicht mehr an. Die für die österreichische Untersuchungsstelle zuständige Sektionschefin im Verkehrsministerium, Ursula Zechner, wurde kürzlich zur Asfinag abkommandiert.