Energiegewinnung durch Atomkraft – hier Dukovany – ist Reizthema für viele Österreicher, weil sie Angst vor Folgen von Strahlenunfällen und Pannen bei der Endlagerung radioaktiven Abfalls haben.

© KURIER/Franz Gruber

Kernkraftwerke/Endlager
11/10/2014

Atomstreit stört Gesprächsklima

Tschechiens Festhalten an der Atomkraft macht vielen Österreichern Angst.

von Gilbert Weisbier

Die alarmierenden Nachrichten aus Tschechien reißen nicht ab: Erst die Genehmigung für den Bau weiterer Reaktoren in Temelin, dann Fortschritte bei der Suche nach Endlagerstätten für Atommüll nahe der österreichischen Grenze und jetzt ein Leck in einer Kühlleitung des Atomkraftwerks (AKW) Dukovany: Das rüttelt Österreichs Atomkraftgegner und Politiker auf, lässt sie zusammenrücken.

Die Lage wirkt wenig ermutigend. Wenn die dramatischen Ereignisse im japanischen Fukushima auch halfen, die deutsche Energiepolitik umzukrempeln, wirkt Österreichs Nachbar Tschechien völlig unbeeindruckt von Folgen nach AKW-Unfällen. Das belegt ein Interview mit der Chefin der tschechischen Atomsicherheitsbehörde, Dana Drábová.

Motivation statt Protest lautet dennoch die neue Devise der Atomkraftgegner von Wien, über NÖ und OÖ bis Tschechien. Immer öfter unterstützen sie dafür Alternativenergie-Projekte in Tschechien. Etwa mit dem Pfarrer von Šafov, der drei Gebäude auf Ökoenergie umstellte.

Unerwartet

Gleichzeitig freuen sich die Atomgegner über unerwartete Unterstützung von einem Japaner, der derzeit mit einem kritischen Vortrag über die Folgen von Fukushima durch Europa tourt.

Umweltschützer Gottfried Brandtner ist jedenfalls überzeugt, dass Österreichs Entscheidung gegen die Atomkraft, die bei der Zwentendorf-Abstimmung vor 36 Jahren gefällt wurde, heute europaweite Strahlkraft bekommt. Der nö. Anti-Atomaktivist und seine Kollegen aus Wien und Oberösterreich fühlen sich von der österreichischen Politik unterstützt.

Als Folge von 300 Gemeinderesolutionen hat Bundeskanzler Werner Faymann jedenfalls angekündigt, alle rechtlichen und politischen Mittel auszunutzen, um den Bau eines Atommüllendlagers in Tschechien zu verhindern. Das mühsam erwärmte Klima für Atomgespräche zwischen den Ländern kühlt ab: Der Chef der tschechischen Partei "TOP 09", Karl Schwarzenberg, schließt einen Kompromiss aus und meint: "In Österreich ist die Kernkraft ein Dogma, man könnte eher im Vatikan an der Muttergottes zweifeln als in Österreich die Kernenergie anerkennen."

AKW-Betreiber sind Verbrecher

Er hat in Japan Germanistik studiert und arbeitete als selbstständiger Firmenberater. Seit Jahren versucht er, vor den Gefahren der Atomkraft zu warnen. Er hält in Zusammenarbeit mit deutschen und österreichischen Atomkraftgegnern Vorträge in vielen europäischen Ländern.

KURIER: Warum warnen Sie Menschen vor Atomkraft?

Kobayashi: Vor meiner Abreise nach Europa habe ich erfahren, dass im Raum Fukushima etwas mehr als 100 Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind. Im April sind es noch 54 gewesen.

Was wollen Sie erreichen?

Ich appelliere an die Europäer: Jeden Tag bedroht sie ein eventueller Unfall. Auch Länder ohne Atomkraftwerk haben Nachbarn, die welche betreiben. Das kann man nur weltweit lösen.

Manche meinen, die Folgen von Fukushima seien nicht so schlimm.

Wir haben einfach Glück gehabt, dass der Wind die Strahlung nicht Richtung Tokio getragen hat. Die 30 Millionen Menschen hätten nicht flüchten können. Jeder, der ein AKW betreibt, ist ein Verbrecher. Weil die Betreiber genau wissen, dass sie im Katastrophenfall keine Verantwortung tragen und nicht in der Lage sind, so etwas unter Kontrolle zu bringen.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat der Unfall von Fukushima?

Viele junge Mütter sind mit ihren Kindern aus dem betroffenen Gebiet nach Tokio geflüchtet. Sie melden sich aber nicht an, weil sie fürchten, sonst als Verstrahlte geächtet zu werden. So kennt niemand ihre Zahl. Viele der zurückgelassenen Männer lassen sich nach zwei Jahren scheiden. Dann stehen die Frauen ohne Unterstützung da.

Fukushima-Folgen sind minimal

Sie ist Atomphysikerin und seit 1999 Präsidentin der staatlichen tschechischen Agentur für nukleare Sicherheit. Im Interview mit Pavel Baroch vom tschechischen Magazin Tyden verteidigt Drabova die Atomenergie ganz entschieden.

Tyden: Ist Temelin ein sicheres Atomkraftwerk (AKW)?

Drábová: Genauso wie alle anderen weltweit.

Zum Beispiel wie das japanische AKW Fukushima?

Es mag Ihnen seltsam erscheinen, aber Fukushima war kein gefährliches AKW. Die Havarie ist Folge eines schlecht verstandenen, schlecht behandelten Risikos. Fukushima wurde ordentlich betrieben. Sie können jetzt sagen: ja, aber die Folgen. Das klingt vielleicht wieder seltsam, aber das Kraftwerk wurde so errichtet, dass die Folgen minimal sind. Obwohl es Erdstöße und die Flutwelle ertragen musste.

Sind das wirklich minimale Folgen? Verseuchung, Evakuierung von Menschen, unbewohnbare Umgebung.

Es könnte viel schlimmer sein. Im Vergleich zu Folgen einer Naturkatastrophe ist Fukushima nur eine Episode. Menschen können dort wegen Tsunami-Zerstörungen der Infrastruktur sowieso nicht wohnen. Es gab leider 16.000 Tote. Großteils durch Ertrinken. Und durch Strahlung: null.

Wie sehen Sie den Vertrag von Melk, der Tschechien verpflichtet, außergewöhnliche Ereignisse in Österreich zu melden?

Das Abkommen ist für beide Seiten gut. Atombefürworter und -gegner lernten, miteinander zu leben. Auch wenn Österreichs Politik aufgrund ihres Auftrags antiatomar ist, ist sie es nicht aus Überzeugung.

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