APA12488402 - 26042013 - HALLSTATT - ÖSTERREICH: Die älteste bekannte Holztreppe Europas mit 3.350 Jahren, anl. eines Medientermins am Freitag, 26. April 2013, im Salzbergwerk Hallstatt. Geschaffen wurde die, sich im prähistorischen Bergbau befindliche Stiege, 1343 v.Chr. APA-FOTO: BARBARA GINDL

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Chronik | Österreich
04/27/2013

Die älteste Stiege muss übersiedeln

Bronzezeitliche Knappen haben sie gebaut. Jetzt droht der instabile Berg sie zu zerstören.

Wir schreiben 1344 v. Chr.: In Ägypten regiert Echnaton, sein Sohn Tutanchamun ist noch nicht zur Welt gekommen. Und bei uns? Da brechen Männer mit Äxten in den Wald um Hallstatt auf, um dicke Stämme zu fällen. Eine Stiege für ihr Salzbergwerk soll daraus entstehen.

3347 Jahre später entdecken Archäologen das perfekt erhaltene Stück im Berg – dem Salz sei Dank. Seit damals beschäftigt die Prähistoriker die Erforschung dieser ältesten Stiege Europas, denn in den Arbeitsabläufen des Uralt-Bergbaus spielte die Stiege eine zentrale Rolle, erzählt der Prähistoriker Hans Reschreiter vom Naturhistorischen Museum Wien: „Sie diente 100 Jahre lange als Haupt-Autobahn. Die Knappen wussten genau, dass sie für Generationen in diesem Bereich weiterarbeiten wollten und bauten deshalb eine sehr mächtige, stabile Stiege, über die das Salz transportiert wurde, aber auch Werkzeug und Essen.“

Apropos Essen

„Alles, was die Bergleute vor 3000 oder 3500 Jahren liegen gelassen haben, wurde vom Salz konserviert“, sagt der Archäologe. „Wir finden also auch Speisereste – Hirse, Gerste, Saubohnen, dazu Schweineknochen“, zählt die Prähistorikerin Kerstin Kowarik auf. „Die haben mehr als tausend Jahre lang dasselbe gegessen“, ergänzt Reschreiter und öffnet eine Schublade in seinem Büro, aus der er ein Schachterl mit dunkelbraunen, trockenen Bemmerln hervorzaubert. „Hirse, Gerste und Saubohnen“, sagt er – nach ihrem Weg durch den Darm. Ja, auch das wurde vom Salz konserviert.

Hallstatt war in der Bronzezeit eine Salz-Metropole. Im weiten Umfeld – bis nach Polen, Siebenbürgen und die Toskana – gab es keine anderen Anbieter. Die Ur-Salzburger schlugen riesige Hallen aus dem Berg, transportierten das Salz mit Körben und Seilen ins Tal und versorgten halb Europa. Dieser Betrieb im Hochtal über Hallstatt muss also Kontakte in alle Himmelsrichtungen gehabt haben. „Trotzdem übernehmen die Hallstätter keine Technologien von woanders“, sagt Reschreiter. „Keine Pickel aus dem Kupferbergbau, der gleich daneben lag, keine Steigbäume, die sonst in der Gegend üblich sind – nein, sie suchen eigenständige Lösungen. Die geniale Treppenkonstruktion wurde hier erfunden.“ Sie ist flexibel gebaut, kann leicht zerlegt werden, sogar der Neigungswinkel kann verändert werden. Unsere ausgefuchsten Vorfahren könnten mit ein paar Handgriffen eine ganz flache Leiter in eine fast senkrechte verwandeln.

Warum die Forscher das wissen? „Alles, was wir finden, bauen wir nach“, sagt Reschreiter. „Der Betrieb war unerhört innovativ und kreativ.“ Und überraschend klein! Die Archäologen wollten wissen, wie viele Menschen in der Bronzezeit den Salzabbau am Laufen hielten. „Wir haben mit Computersimulationen gearbeitet“, sagt Kowarik. „Basis war die große Halle, die von den Knappen durch den Salzabbau ins Bergwerk geschlagen wurde.“ Mit Experimenten haben die Forscher festgestellt, wie lange es baucht, um eine gewisse Menge Salz zu brechen, zu transportieren und schließlich eine so große Halle entstehen zu lassen. „Wir sind auf eine erstaunlich kleine Gruppe gekommen – zehn bis 20 Leute, die ständig dort oben arbeiteten.“

Der Berg rutscht

Um 1100 v. Chr. war Schluss: „Der ganze Berg dürfte ins Rutschen gekommen sein, die Halle brach ein“, sagt Reschreiter. Die Stiege wurde verschüttet und lag dort wohlverwahrt mehr als 3000 Jahre.

Doch jetzt hat man ein Problem: „Der Berg ist nicht stabil. Die Mischung aus Salz, Lehm und Gips bewegt sich und versucht, jeden Hohlraum wieder zu schließen – also auch die archäologische Grabung“, sagt der Prähistoriker mit Bergbau-Ausbildung. Die Stiege wölbt sich mittlerweile auf und muss dringend geborgen werden.

Und so haben dieser Tage Archäologen, Restauratoren, Holzwissenschaftler, Denkmalpfleger und Volkskundler aus England, der Schweiz, Deutschland und Österreich zu einem Workshop in Hallstatt zusammengefunden: Man beratschlagt, wie man die kostbare Treppe am besten zerlegen, dokumentieren, durchleuchten, 3-D-vermessen und dann am neuen Standort wieder aufbauen kann.

Letzteren gibt es schon: In der Nähe des Schaubergwerks Hallstatt wird eine große Kammer aus dem Berg gesprengt, in der das alte Stück wieder aufgebaut werden soll. Auf zwei Dinge hat man besonders geachtet: Dass das Raumklima gleich und das Gestein stabil ist.